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    Hochstätten/Pfalz

    Hochstätter kommen nicht zur Ruhe: Verheerenden Flutwellen folgt kräftezehrendes Aufräumen

    Das große Aufräumen hat begonnen. Doch: Wo anfangen? Da, wo der Schlamm, wo das Geröll sich türmen.

    Von unserem Redakteur Stefan Munzlinger

    Durch Hochstätten schossen am Montagmorgen gleich zwei große Flutwellen. Eine gegen 5.45 Uhr, die zweite gegen 6.15 Uhr. Mit verheerenden Folgen für Kanal-, Fürfelder- und Hauptstraße. Von 250 Haushalten sind knapp 80 betroffen.

    Die meisten Hauseigentümer Hochstättens sind, begründet durch einstige Monopolzeiten, Kunden der Bayrischen Versicherungskammer. Längst nicht alle haben eine umfassende Elementarabsicherung für ihr Gebäude. Und so müssen sie in dieser Situation auch noch verhandeln und hoffen und bangen, um am Ende nicht auf den Schäden sitzen zu bleiben.

    Das, was die Flut vom Montag nach schweren Regenfällen angerichtet hat, dürfte, vorsichtig geschätzt, in die Hunderttausende gehen. Alleine die Pelletsheizung im Gemeindesaal und ein neuer, ebenerdiger und damit künftig flutsicherer Anbau dürften knappe 150 000 Euro kosten. Noch einige Tage wird es dauern, bis die krassesten Flutspuren beseitigt sind; die aufgerissene Kanalstraße in ihren ursprünglichen Zustand zu versetzen, wird noch Monate in Anspruch nehmen. Hilft das Land?

    Ortstermin des „Oeffentlichen“ am Donnerstagmorgen in Hochstätten, eines der vom Hochwasser am heftigsten heimgesuchten Dörfer. Wir treffen Ortsbürgermeister Hermann Spieß (67) im Gemeindesaal. Auf dem Rand der Bühne sitzend berichtet er über das, was er in allen seinen 22 Jahren noch nicht erlebt hat: die beiden Wellen vom Montagmorgen. Er hat sie gesehen, war dabei, als sie sich ihren schlammigen Weg durchs Dorf bahnten.

    Spieß, der 2019 nicht mehr antreten und im dann 25. Jahr seiner Amtszeit den Jüngeren das Dorfruder überlassen möchte, ist mit ganzem Herzen Ortsbürgermeister. „Du gehst abends mit der Gemeinde ins Bett und wachst morgens mit ihr auf“, sagte seine Frau immer mal wieder schmunzelnd und um die Hingabe ihres Mannes wissend, der bis zum 65. Geburtstag in der Bauverwaltung der Stadt Bad Kreuznach arbeitete. Und so überrascht es niemanden, wenn Spieß gesteht: „Wenn du zwei solche Wellen durch dein Dorf schießen siehst, können dir schon mal die Tränen kommen.“

    Wenig Schlaf und ständige Kontakte begleiten ihn seit Montagmorgen – mit Bürgern, Behörden, Baufirmen. Beispiel: Metallbau Lang aus Kreuznach; der Betrieb hat im Gemeindesaal sofort und zum Nulltarif eine flutgeschädigte Metalltür ausgetauscht; auch andere heimische Firmen sind ruck, zuck zur Stelle, um im Dorf zu helfen. Oder die VG-Verwaltung Alsenz, deren Aktive sofort mit einer Schlammpumpe anrückten.

    Und dann stand Hermann Spieß vor der Blitzentscheidung, das knapp 80 Jahre alte Brückenbauwerk in der Kanalstraße kurzerhand abreißen zu lassen, um den Wassermassen einen Weg vorbei und nicht durch die Häuser seiner Mitbürger zu bahnen. Richtig entschieden, denkt nicht nur Spieß und fürchtet nachträgliche Machtworte von Behördenvertretern daher nicht. Aber selbst bei vollem Einsatz: Überall konnten auch der Ortsbürgermeister, Gemeindearbeiter Uwe Kron und Beigeordneter Karl Heil nicht sein. Und so tat der Starkregen, trieb das Wasser sein unheilvolles Wesen. Bei einigen Bürgern liegen die Nerven blank, verständlich, weil sie um ihre Existenz fürchten. Hermann Spieß, selbst von den Fluten nicht betroffen, weil an der Ringstraße wohnend, beruhigt, hilft, geht auf sie zu. Souverän, denn niemand merkt ihm an, dass auch er gewaltig unter Strom steht, seit der Leichbach, in sonnigen Zeiten harmloser Nebenarm der Alsenz, sein so zerstörerisches wie kurzes Werk begann.

    Ursachenforschung: Norbert Welschbach und Uwe Kessel von der noch für Hochstätten zuständigen VG-Verwaltung in Bad Münster sind gekommen, überlegen mit Spieß, Karl Heil und Uwe Kron. Keine Schuldzuweisungen, alles nur Vermutungen: Durch die neue und dritte Fahrspur der B 420 wurde weitere Fläche versiegelt, über die das Wasser schoss; das rund 300 Kubikmeter große und noch nicht endgültig fertige Regenrückhaltebecken an der Schwarzbrücke konnte das Oberflächenwasser nicht halten, um es dosiert an die Umwelt, an die Sammler abzugeben. Außerdem: Wald und Wiesen oberhalb von Hochstätten waren durch den Dauerregen derart gesättigt, dass sie das viele Wasser nicht mehr aufnehmen konnten. Schwimmende Brückenpfeiler- Verstopfer, wie Baumstämme und Astwerk, taten ein Übriges, um die Wasserstände im Dorf rasch und unheilvoll steigen zu lassen.

    Hermann Spieß hat VG-BME-Übergangsverwalter Markus Lüttger (VG Rüdesheim) gebeten, ihn bei einem Beweissicherungsverfahren der Flutursache zu unterstützen. Lüttger zögerte keinen Moment, dankt ihm der Hochstätter Ortsbürgermeister. Von all diesen Regularien, den Behörden und Firmenkontakten bekommen die betroffenen Hochstätter nichts mit. Wollen sie auch gar nicht. Denn sie haben andere Sorgen, denken daran, ihre Heime zu säubern, die Flut schnell hinter sich zu lassen.

    Etwa die junge Familie Stefan und Simone Pietsch mit zwei Kindern (drei Jahre und zwei Monate) an der Hauptstraße. Der Leichbach hat ihr Haus, das nur wenige Meter von der Einmündung in die Alsenz entfernt liegt, erschüttert. „Ich habe einen dumpfen Knall gehört“, sagte Stefan Pietsch zum Montagmorgen. Draußen sah er dann das Unfassbare: Der stürzend-reißende Bach hatte eine große Ecke des Hauses abgerissen. Keine Einsturzgefahr, aber doch zu beunruhigend, um weiter darin zu wohnen. Am frühen Montagmorgen galt: Sofort raus mit den Kindern und rüber zu den Schwiegereltern. Und da bleiben Pietschs, bis alles repariert ist.

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