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Kreis Altenkirchen

Schuldnerberatung im Kreis Altenkirchen: Wenn man weder ein noch aus weiß

Vor etwa sechs Jahren wuchs Jürgen Weller (Name von der Redaktion geändert) alles über den Kopf. Der selbstständige Versicherungskaufmann hatte gute wie schlechte Monate, doch die schlechten, in denen fast keine Einnahmen kamen, wogen die guten irgendwann nicht mehr auf. Das Geld reichte oft nicht, um die laufenden Kosten zu decken. Die Rechnungen stapelten sich, die Mahnungen, teils mit hohen Kosten versehen, flatterten zuhauf ins Haus. „Irgendwann wusste ich weder ein noch aus.“

Für viele Menschen mit Schulden ist eine Privatinsolvenz letzter Ausweg. Die Diakonie berät und begleitet intensiv bei diesem Thema.  Foto: dpa Picture-Alliance
Für viele Menschen mit Schulden ist eine Privatinsolvenz letzter Ausweg. Die Diakonie berät und begleitet intensiv bei diesem Thema.
Foto: dpa Picture-Alliance

Per Telefon nahm er Kontakt zur Diakonie in Altenkirchen auf. „Nach einem ersten Gespräch schickte man mir Unterlagen zu, in denen ich alles Finanzielle offenlegen musste“, erinnert sich Weller. Auf gut 25.000 Euro hatten sich seine Schulden zu diesem Zeitpunkt angehäuft, etwa 20 Gläubiger mussten besänftigt werden. Allein, so gibt Weller zu, hätte er diesen Berg nicht meistern können.

Doch zum Glück bekam er einen Termin bei Ute Weber, die seit 25 Jahren Menschen wie Weller in solch existenzbedrohenden Ausnahmesituationen hilft. Sie hat oftmals Hilfesuchende am Telefon, die kaum noch wissen, wie sie den nächsten Tag, geschweige denn die nächsten Wochen durchkommen sollen. „Menschen lassen sich da von den Gläubigern oft unter Druck setzen. Dabei sagt der Gesetzgeber ganz klar, dass der Mensch erst mal das Nötige zum Überleben haben muss; Miete, Strom, Wasser, Essen. Erst, wenn diese Grundbedürfnisse gestillt sind, kann man schauen, was noch übrig ist“, so Weber.

Dabei hilft, dass man bei der Diakonie in Altenkirchen schnellstmöglich einen Termin bekommt, denn wenn jemand bei der Schuldnerberatung anruft, dann brennt es meist schon an allen Ecken und Enden. „In großen Städten müssen die Menschen oft bis zu zwölf Monate auf einen Termin warten“, erläutert Timo Schneider, Geschäftsführer der Diakonie. Da man es bei der Schuldnerberatung oft mit „Multiproblemlagen“ zu tun hat, vor allem oft Sucht und Schulden Hand in Hand gehen, ist die Diakonie eine von fünf Fachstellen im Land, die spezielle Schuldnerberatung in der Suchtkrankenhilfe anbieten.

Dabei kann die Sucht viele Gesichter haben. „Alkohol, Drogen, Spiel-, Kauf- oder Bestellsucht“, zählt Weber auf. Schulden kommen da fast zwangsläufig zum Problemberg hinzu. In der Schuldnerberatung, so Weber, brauche es dann viel Zeit und Geduld. Die meisten Menschen bleiben über Jahre mit Ute Weber in Kontakt, so auch Jürgen Weller.

„Etwa sechs Jahre hat es gedauert, bis so gut wie alle Schulden abgetragen waren“, sagt er heute. Und Weller ist verhältnismäßig noch ein „kleiner Fisch“. Ute Weber hat Fälle, in denen teils bis zu 140 Gläubiger auf Geld warten. Entsprechend hoch ist dann der Schuldenberg. Im Schnitt sind es aber weniger, etwa 20 Gläubiger und Schulden von 45.000 Euro, mit denen die Menschen kommen und Hilfe suchen. Weil die Diakonie in der Beratung so gut vernetzt ist, können auch andere Probleme, die während der Beratung auftauchen – das können Erziehungs- oder Beziehungsprobleme, psychische oder soziale Thematiken sein – an entsprechende Berater weitergeleitet werden. Die häufigsten Ursachen für eine Überschuldung sind übrigens Arbeitslosigkeit, Krankheiten, Trennung, Scheidung oder Tod eines Partners. Wichtig ist Ute Weber, dass die Menschen nicht das Gefühl haben, sie würden be- oder sogar verurteilt. „Schulden, da steckt ja irgendwie schon das Wort Schuld drin. Wir wollen aber keinen Schuldigen suchen, sondern Lösungen finden, helfen und präventiv arbeiten“, so Weber.

Oft genug fließen erst einmal die Tränen, wenn jemand in der ersten Beratung sitzt. „Eine Box Kleenex steht immer bereit“, sagt Ute Weber, die sich selbst ein dickes Fell während ihrer 25-jährigen Beratertätigkeit anschaffen musste. „Man darf das nicht zu nah an sich ran lassen“, sagt sie. Oberstes Gebot sei es, den Menschen schnell ein Licht am Ende des Tunnels aufzuzeigen. Das kann durch Sachspenden sein, wenn etwa der Kühlschrank leer ist. Das können Vergleiche sein, die mit ungeduldigen Schuldnern geschlossen werden – die Lösungen sind so individuell wie die Menschen, die mit ihren Problemen vor Ute Weber sitzen. Manchmal kann sie einen Plan erarbeiten, können Schuldner ihre Gläubiger auch schon mit Kleinstbeträgen besänftigen. Oft hilft jedoch nur noch der Schritt in die Privatinsolvenz. „Es sind etwa 120 bis 140 Privatinsolvenzen, die im Jahr begleitet oder auf den Weg gebracht werden“, weiß Weber.

Dieses Schicksal blieb Jürgen Weller erspart. „Ich habe rechtzeitig die Notbremse gezogen. Aber ich kann gut verstehen, wie es so weit kommen kann“, sagt er. Für ihn ist alles gut ausgegangen, er hat eine Umschulung gemacht und bewirbt sich gerade auf eine Stelle, weg von der Selbstständigkeit. Für viele ist der Weg bis dahin aber noch weit. Gut, dass Ute Weber und das Team der Diakonie ihnen da zur Seite stehen.

Von unserer Redakteurin Sonja Roos

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