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    Koblenz

    Wenn sich Videospiel- und Orchesterklang vereinen

    Der Vorhang hebt sich zur deutschen Erstaufführung von Søren Nils Eichbergs Oper „Glare“: „Aha!“ von allen Besuchern, die am Vorabend Philips Glass' „The Fall of the House of Usher“ gesehen haben, ein Fragezeichen von allen anderen. Denn die Science-Fiction-Oper „Glare“ spielt mitnichten in einer sofort erkennbaren Zukunftswelt, sondern in den Mauern von Schloss Usher. Die dienen hier als „Madeline's Dream Hotel“ – ein Themenressort für Gothic-Fans und ihre Freunde.

    Situation mit Ungemütlichkeitspotenzial: Per Zufall lernt Lea (Hana Lee, Mitte), die neue Freundin von Alex (Martin Shalita, rechts), seine Ex-Partnerin Christina (Haruna Yamazaki) kennen in Søren Nils Eichbergs Oper „Glare“.
    Situation mit Ungemütlichkeitspotenzial: Per Zufall lernt Lea (Hana Lee, Mitte), die neue Freundin von Alex (Martin Shalita, rechts), seine Ex-Partnerin Christina (Haruna Yamazaki) kennen in Søren Nils Eichbergs Oper „Glare“.
    Foto: Matthias Baus

    Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius

    Als Gäste ziehen ein: Das Liebespaar Lea und Alex, dessen Ex-Freundin Christina und ihr gemeinsamer Bekannter Michael. Im Libretto von Hannah Dübgen bleiben viele Handlungsfäden geschickt offen und einiges der Interpretation überlassen, doch die Hauptgeschichte ist fesselnd klar erzählt: Alex und Lea verbindet das Feuer aller frisch Verliebten – doch in Alex keimt ein Zweifel. Denn Leas Gehör kann Lautstärke in Dezibel messen – und ständig fühlt er sich von ihr perfekt nachgeahmt. Könnte sie ein Roboter sein, eine Menschmaschine, von denen Literatur und Kinofilme so viel erzählen und über die Philosophen so heftig diskutieren?

    Alex' Freund Michael bestärkt ihn in diesem Glauben – und die Situation eskaliert. Mehr sei nicht verraten, um den Genuss an dem spannenden Abend nicht zu schmälern. Man kann ihn auch ohne vorherigen Besuch der „Usher“-Oper verstehen, obwohl man dann die Verweise nicht erkennt, die mit großer Konsequenz gezogen werden – etwa, wenn Alex sich am Ende die nächstbeste Rotperücken-Statistin schnappt und das Spukschloss der (Un-)Toten wohl als nächstes ihn in seinen Grüften verschlingen wird.

    Doch viel wichtiger für „Glare“ ist: Regisseurin Waltraud Lehner, die das Operndoppel in Koblenz mit ihrem Team verantwortet, entscheidet sich für klare, harte Bilder. Ist Lea erst von den anderen entmenschlicht, wird sie zum Opfer gleich zweier Schändungen – da ist Betroffenheit im sehr aufmerksam den Abend erlebenden und am Ende lange und kraftvoll applaudierenden Publikum spürbar.

    In anschließenden Diskussionen wird klar: Eine einzige Produktion kann auch mit sehr intensivem Spiel der vier Sängerdarsteller wie in Koblenz längst nicht alle Möglichkeiten der Figuren auserzählen – schon deshalb wäre zu begrüßen, „Glare“ noch an anderen Theatern immer wieder neu zu befragen.

    Der zweite, noch wichtigere Grund dafür aber lautet: Søren Nils Eichberg gelingt die Quadratur des Kreises, eine Opernmusik zu schreiben, die anspruchsvoll auf der Höhe unserer Zeit ist, dabei aber neben dem Kopf auch und immer wieder intensiv Herz und Bauch anspricht. Und auf deren Umsetzung kann Koblenz stolz sein: Karsten Huschke leitet das Kammerorchester sensationell exakt und umsichtig, das Zusammenschmelzen des Orchesterklangs mit den live gespielten elektronischen Effekten gelingt gut: Diese zweite Ebene klingt mal wie ein Videospiel, mal wie Filmeffekte der Grusel- und Science-Fiction-Filme. Immer wieder zitiert der Komponist Genres vom Swing bis zur großen Oper, lässt Ahnungen von Debussy bis Puccini entstehen, ohne platt nachzuschaffen.

    Effektvoll und musikerfreundlich

    Eine Taktik, die dem Ohr immer wieder Fallen stellt, scheinbar Vertrautes anklingen lässt, um auf andere Fährten zu führen. Das alles in handwerklicher Meisterschaft und mit Blick auf die gute Spielbarkeit für die Musiker und eine gute Präsentation der Singstimmen ohne jede Überforderung: eine große, eine wichtige Komposition.

    Bei den passgenau ausgesuchten Sängern leistet Hana Lee eine Glanzleistung als „Lern effektiver Android“ Lea. Sie wirft sich unerschrocken in die Darstellung – und kann in der großen Sopranarie des Werkes zu Herzen Gehendes mit großer Kraft und viel Gefühl servieren. Als ihr Freund Alex kehrt Tenor Martin Shalita als Gast nach Koblenz zurück – nach offenbar erfolgreichem Fachwechsel in dramatischere Stimmgefilde. Haruna Yamazaki als geheimnisvolle Freundin Christina präsentiert klangvolle, nach oben strebende Mezzosopranklänge – und Christoph Plessers gibt den Fiesling Michael mit kräftigen, unangestrengten und sehr konditionsstarken Höhenausflügen.

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