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    Mainz

    Wenn der Regisseur gegen den Autor kämpft: Schauspiel Frankfurt begeht einen groben Fehler

    Manchmal kann eine einzige Regieschnapsidee einen ganzen Theaterabend zerstören. Eigentlich scheint alles bei der Aufführung von Bernard-Marie Koltès‘ Stück „Kampf des Negers und der Hunde“ am Schauspiel Frankfurt zu stimmen – aber nur eigentlich.

    Fabian Wendlings Bühne ist bildmächtig und durchdacht: Keine naturalistische, sondern eine stilisierte Steppe mit einem Baum aus Baustellenkabeln in der Mitte.
    Fabian Wendlings Bühne ist bildmächtig und durchdacht: Keine naturalistische, sondern eine stilisierte Steppe mit einem Baum aus Baustellenkabeln in der Mitte.
    Foto: Arno Declair

    Texttreu bringt Regisseur Roger Vontobel das heute bedauerlicherweise nur noch selten gespielte Drama des vor 28 Jahren verstorbenen Autors Bernard-Marie Koltès auf die Bühne der Frankfurter Kammerspiele. Ort der Handlung ist Afrika. Auf der Baustelle eines westlichen Unternehmens liegt die Leiche eines afrikanischen Arbeiters. War es ein Unfall oder war es Mord?

    Alboury, ein Schwarzer, der lange Zeit nur halb sichtbar im Schatten bleibt, verlangt vom Bauleiter die Herausgabe der Leiche seines „Bruders“. Der Baustellenleiter weicht aus, der verantwortliche Ingenieur redet sich in rassistischen Furor, und Léone, die aus Frankreich eingeflogen ist, will ihre exotischsten Afrikaklischees bestätigt haben. Fabian Wendlings Bühne ist bildmächtig und durchdacht: Keine naturalistische, sondern eine stilisierte Steppe mit einem Baum aus Baustellenkabeln in der Mitte. Ein Niemandsland dank Outsourcing, ein ausgebeuteter, grauer Ort, an dem die hervorragenden Schauspieler Koltès‘ Sprache gerecht werden, die mal umgangssprachlich, mal pathetisch ist.

    Weiße Frau steht im Mittelpunkt

    Koltès ging es in seinen Stücken vor allem darum, „dass Araber und Schwarze auf der Bühne stehen“. Aber eben dieses Anliegen missachtet die Frankfurter Inszenierung. Sie besetzt Alboury mit einer weißen Frau, die lediglich schwarz gekleidet ist. Nun ist das Theater nicht dazu da, Autorenwünsche zu erfüllen, aber diese Umbesetzung ist ein grober Fehler: Ohne den schwarzen Körper funktioniert das Spiel mit dem Exotismus, das Anprangern der neokolonialistischen Ausbeutung, die Präsenz des Anderen im erotischen wie politischen Sinne einfach nicht.

    Weitere Infos zu Tickets und Terminen unter www.schauspielfrankfurt.de

    Derzeit ist es theaterpolitisch opportun, viele Frauen auf der Bühne zu platzieren und Männern zugedachte Rollen (Hamlet, König Lear, Wallenstein) mit Frauen zu besetzen. In Frankfurt geht der emanzipatorische Schuss jedoch nach hinten los und trifft jene, die noch wesentlich stärker marginalisiert sind: Die Verdrängung des schwarzen Schauspielers ist der Preis für die Präsenz der weißen Frau.

    Das Stück ist klüger als der Regisseur

    Problemlos hätte man den Baustellenleiter und den Ingenieur weiblich besetzen können, doch Alboury ist nur als schwarzer Mann eine schlüssige Figur. Denn Koltès fragt, wie zur gleichen Zeit auch sein Kollege Heiner Müller, ob die zwei Emanzipationsbewegungen – die der Afrikaner und die der westlichen Frauen – gemeinsame Sache machen können. Vontobel spielt die einen gegen die anderen aus. Warum? Ist es – wieder einmal – die Kolonialherrenmanier eines deutschsprachigen Theaterregisseurs, der sich bewusst gegen die Intention des Textes stellt? Vielleicht ist die Antwort banaler, aber nicht minder traurig: Es gibt so gut wie keine schwarzen Schauspieler in den Ensembles. War es vielleicht zu aufwendig, einen schwarzen Gastschauspieler zu engagieren? Das deutsche Theater ist sehr weiß. Die Aktualität von Koltès‘ Werk bestätigt Vontobels Inszenierung quasi aus Versehen. Das Stück ist klüger als sein Regisseur.

    Von unserem Reporter Wolfgang M. Schmitt

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