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Kommentar: Neue optimistische Sicht auf Deutschlands Chancen

Es ist ja nicht so, als hätte Deutschland keine Übung damit, riesige Herausforderungen zu stemmen. Der Wiederaufbau nach dem Krieg, von den berühmten Trümmerfrauen 1945 mit bloßen Händen gestartet, ließ binnen wenigen Jahren in Deutschland ansehnliche Städte und Dörfer wachsen, während andernorts noch lange Ruinen das Bild prägten.

Gregor Mayntz
Gregor Mayntz

Gleichzeitig schaffte das junge Deutschland die Unterbringung und Integration von rund zehn Millionen Heimatvertriebenen. Und als 1989 ein kollabierender Staat mit 17 Millionen Menschen den Anschluss an Einigkeit und Recht und Freiheit und nicht zuletzt an die D-Mark und die Sozialsysteme suchte, da bekam unser Land das auch hin.

Jetzt also die Flüchtlinge. Die Willkommenskultur ist überragend, lässt die ganze Welt über Deutschland staunen, wirkt schon jetzt ansteckend auf Partner, die bislang eher zurückhaltend waren. Das müssen wir uns erhalten. Aber wir müssen es auch durch Augenmaß, Selbstkritik und Korrektur ergänzen.

Millionen Menschen sehen die Bilder und vernehmen die Botschaft, sie persönlich würden ebenfalls mit offenen Armen in Deutschland empfangen, wenn sie sich nur schnell genug auf den Weg machen. Schleuser verdrehen Informationen, um noch bessere Geschäfte mit der Sehnsucht nach einem besseren Leben in Deutschland zu machen. Und dann führen auch noch Gerüchte über eine drohende Aufnahmesperre dazu, dass sich die von Kanzlerin Angela Merkel als Ausnahmefall charakterisierte Notsituation in Syrien zum Dauerzustand zu entwickeln droht.

Wir müssen die Begleiterscheinungen sehen: Weil Deutschland grundsätzlich keine Syrer mehr zurückschickt, sind syrische Pässe unter den Angehörigen vieler Nationen so begehrt geworden wie nie zuvor, zu Zehntausenden scheinen sie in diesen Tagen gestohlen und gefälscht zu werden. Und wir müssen dringend Klarheit über die Dimensionen bekommen. Die Infrastruktur der Flüchtlingsaufnahme war dabei, sich mit großer Verspätung von 100 000 auf 200 000 Antragsteller einzustellen, als längst 400 000 unterwegs waren.

Die Behörden haben diese Zahl noch lange nicht im Griff und müssen doch schon mit 800 000 rechnen. Wahrscheinlich ist auch diese Schätzung längst Makulatur, wenn nun pro Woche schon mehr als 70 000 kommen. Dabei ist das große Interesse so vieler Menschen daran, in Deutschland neu anzufangen, ein Glück für unser Land. Waren wir doch gerade damit beschäftigt, den wachsenden Fachkräftemangel und die unbesetzten Ausbildungsplätze zu beklagen.

Mit wachsendem Pessimismus blickten wir auf schrumpfende Dörfer und Städte, wo die Infrastruktur für 40 000 Menschen geschaffen worden war und nun von 20 000 Verbliebenen nicht mehr finanziert werden konnte, wo Kindergärten und Schulen schließen mussten, weil es zu wenig Kinder gab. Auch dieser Pessimismus wird gerade überschwemmt von einer neuen optimistischen Sicht auf Deutschlands Chancen. Damit das gelingt, benötigen wir tatsächlich eine Kraftanstrengung, die die zur deutschen Einheit in den Schatten stellen könnte. Und wir sind dringend auf die europäische Solidarität angewiesen.

Kommentare aus Berlin
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