40.000
  • Startseite
  • » Berliner Büro
  • » Kommentare aus Berlin
  • » Kommentar: Führt uns der Kampf um klare Sprache bald zur "Vegadelle"?
  • Aus unserem Archiv

    Kommentar: Führt uns der Kampf um klare Sprache bald zur "Vegadelle"?

    Im Kampf für die klare Sprache hat sich der CSU-Politiker Christian Schmidt nach dem Käse nun das Fleisch vorgeknöpft. Der Landwirtschaftsminister wirbt beim EU-Amtskollegen Vynetis Andriukaitis dafür, das vegetarische Schnitzel und die vegane Currywurst den Weg des analogen Käses gehen zu lassen – und somit als Produktbezeichnung wegen Irreführung der Verbraucher zu verbieten. "Was draufsteht, muss auch drin sein", lautet die Devise des Ministers aus Bayern. Da sollte er künftig in seiner Heimat jeden Fleischkäse meiden.

    Gregor Mayntz
    Gregor Mayntz

    Gregor Mayntz zum CSU-Vorstoß für mehr Schutz der Verbraucher

    Als weiteren Beleg nimmt er die aus Pflanzen gewonnenen Streichfette, die früher fälschlich als Butter in den Regalen standen und nun einheitlich als Margarine gekennzeichnet werden. Das Beispiel trifft. Aber der Verbraucher musste nicht lange umlernen. Die Begriffe waren geläufig. Anders ist es bei den erst seit wenigen Jahren auf breiter Front vorrückenden veganen oder vegetarischen Fleischersatzmitteln. Sie dienen ja gerade dazu, das Geschmacksmuster zu erfüllen, es inhaltlich aber als fleischlose Alternative anzubieten. Wer die "vegane Currywurst" auf der Speisekarte liest, weiß sofort, dass hier etwas wie Currywurst aussehen und wie eine schmecken soll, dass aber keine Wurst im herkömmlichen Sinne drinsteckt.

    Verwirrung gibt es für den Außenstehenden zur Genüge, ohne dass es gegen Vegetarier oder Veganer geht. Wie viel Fleisch steckt etwa im Palatschinken? Wie groß ist das Geflügel, das in Köln für den "Halven Hahn" Verwendung findet? Für Nicht-Österreicher und Nicht-Rheinländer: Das eine ist ein Eierkuchen, das andere ein Stück Käse auf Roggenbrötchen. Von Fleisch und Flattermann weit und breit keine Spur. Wird Schmidt den Kölnern ihre sprachliche Gewohnheit wegnehmen, wenn er Fleisch genau so schützen will wie Käse? Das dürfte Probleme über Probleme verursachen: Müssen die Angaben auf Saftflaschen verschwinden, die bislang mit ihrem Anteil an Fruchtfleisch warben? Werden dann auch die Fleischtomaten verboten? Soll man sich doch, wie die Komikerin Carolin Kebekus, über die Neigung von Vegetariern und Veganern lustig machen, wenn sie krampfhaft versuchen, zu fleischlosem Fleischgeschmack zu kommen. Sie ist umgekehrt so frei, Mett als "Bauarbeitermarmelade" zu bezeichnen oder sich eine Möhre aus Hackfleisch zu wünschen. Wichtigste Orientierung sollte in all diesen Zusammenhängen das Kochbuch und nicht das Gesetzbuch bleiben.

    Überzeugender wäre der Vorstoß zudem, wenn es wenigstens schon Ideen für Alternativbezeichnungen gäbe. Schmidt verweist hier auf die Verantwortung der Nahrungsmittelproduzenten und auf seine Lebensmittelkommission, in der sich Vertreter von Verbrauchern, Herstellern und Einzelhandel um Produktklarheit kümmern. Sollten sie schon beim Kunstwort "Vegulasch" ansetzen und dann halt aus der vegetarischen Wurst eine "Vegurst" machen, aus dem vegetarischen Schnitzel ein "Venitzel" und aus der vegetarischen Frikadelle eine "Vegadelle"? Und kann das zu mehr Klarheit führen?

    Schmidt hat sich zu Beginn seiner Amtszeit von der "heute-show" vorführen lassen und sich vor der Kamera zum Hanswurst gemacht, indem er bekannte: "Je suis Greußener Salami." Rührt daher seine Sehnsucht nach Bezeichnungsklarheit? Oder muss er immer dann daran denken, wenn er daheim im Wirtshaus zu einem alkoholfreien Bier ein Fleischpflanzerl verzehrt (für Nicht-Bayern: eine Frikadelle)?

    Kommentare aus Berlin
    Meistgelesene Artikel