Archivierter Artikel vom 13.02.2015, 19:00 Uhr

Zehn Jahre Youtube: Ein Deutscher gründete den Dienst mit

Vor zehn Jahren gründeten drei Studenten in Kalifornien Youtube. Das Netzwerk für Kurzvideos hat seitdem weltweit immense Bedeutung erlangt und unseren Umgang mit Medien massiv verändert. Besonders bei Jüngeren, im Guten wie im Schlechten. Eine Bestandsaufnahme – und ein Ausblick.

Von unserem Digitalchef Marcus Schwarze und
unserer Multimedia-Redakteurin Jennifer de Luca.
Mitarbeit: Anna Aridzanjan

Beliebte Videos auf Youtube im Jahr 2015.
Beliebte und stark beachtete Videos auf Youtube im Jahr 2015.
Foto: Screenshots: Marcus Schwarze

Wenn in einer Wüste im Jemen Barbaren einen Menschen enthaupten, passiert heute etwas, das vor zehn Jahren noch nicht möglich war.

Das grausige Davor, Währenddessen und Danach des Mordes wird mit semiprofessionellen Kameras gefilmt. Eine halbe Stunde später kann kaum jemand verhindern, dass diese Szenen auch durch deutsche WLANs in Kinderzimmer gelangen, als Links auf Schulhöfen zwischen Hamburg und Haiti die Runde machen oder versehentlich bei Facebook über den Bürobildschirm flimmern.

Willkommen in der Medienwelt 2015: Zehn Jahre nach dem Aufstieg von Youtube ist dieses Medium namens Webvideo in der Hand von Terroristen eine Waffe.

Wenn in einer Straße in Westerburg Polizeibeamte einen Menschen misshandeln, ihn mit Fußtritten malträtieren und das Geschehen anschließend verheimlichen wollen, ist heute ebenfalls etwas anders als vor zehn Jahren: Keiner der Beteiligten kann mehr sicher sein, dass nicht irgendwo hinter einem Vorhang jemand mit dem Handy draufhält, die Aufnahmen der Taten direkt bei Youtube hochlädt oder zusammen mit der örtlichen Zeitung die Hintergründe veröffentlicht – und der Missetat eine Aufmerksamkeit verschafft, die der Aufklärung und Sühne dient.

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Auch das ist die Medienwelt 2015: Youtube als Waffe der Wehrlosen, vom Zufall digitaler Beweismittel befördert. Auch davon abhängig, dass der Handyakku genügend Strom hatte.

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An diesem Sonntag vor 10 Jahren gründeten die früheren PayPal-Mitarbeiter Chad Hurley, Steven Chen und der gebürtige Deutsche Jawed Karim das Filmchennetzwerk. Die damals absurde Vorstellung, über dünne Internetleitungen Videos bereitzustellen, wurde nicht überall belächelt: Nur 246 Tage später machte Google die drei zu Multimillionären, kaufte den Betrieb mit 68 Mitarbeitern für umgerechnet 1,3 Milliarden Euro.

Jawed Karim war 1982 mit seinen Eltern zunächst aus der DDR nach Westdeutschland und dann aus Dormagen in Nordrhein-Westfalen in die USA ausgewandert. Der Vater, Chemiker ursprünglich aus Bangladesh, und die Mutter, Biochemikerin, nannten später Ausländerhass und Fremdenfeindlichkeit als Gründe. An der Universität von Stanford heckte Karim gemeinsam mit seinen Kommilitonen die Idee für Youtube aus. Computer gelernt hatte er auf einem Commodore 64. Heute gilt sein Video „Ich im Zoo“ als erstes überhaupt auf der erfolgreichsten Videoplattform der Welt. In den Kommentaren ist sein Unverständnis darüber nachzulesen, dass Google später die Kommentarmöglichkeit an ein Google+-Konto knüpfte.

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Heute werden in jeder Minute durchschnittlich 13 Stunden Videomaterial bei Youtube hochgeladen. Es sind Videos

  • der zehn wichtigsten deutschen Stars auf Youtube
    (hier auffindbar in unserem Dossier);
  • über Bibi und Tina, voll verhext;

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  • darüber, wie lustig ein Katzenbaby auf einen kuschelnden Zeigefinger reagiert;

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  • wie man Blumenbänder bindet;

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  • wie ein Pandababy seine Mutter erschreckt;

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  • wie man eine Gangschaltung am Fahrrad repariert;

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  • wie Gärtner Markus Kobalt Spalierbäume beschneidet;

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  • wie der Liedtext und die Melodie von Rolf Zuckowskis „Es schneit“ gehen;

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  • wie Lidschatten perfekt aufgetragen werden;

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  • was Youtuber Gronkh zuletzt bei Minecraft erschaffen hat;

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  • wie Terroristen eine Geisel töten (wir zeigen hier nicht das Originalvideo, sondern Ausschnitte davon, wie sie in einer US-amerikanischen Fernsehsendung gezeigt wurden – zum Verständnis der gesellschaftlichen Mechanik solcher Videos, über die USA hinaus);

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  • was LeFloid zum deutschen Gesundheitssystem meint („Fickt doch hart die Wand an mit Anlauf von hinten“);

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  • was jemand mit Namen ungespielt oder neuerdings unge in der Medienwelt erlebt;

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  • wie ein Nachwuchsjournalist namens Tilo Jung durch das Konzept vermeintlich naiver Fragen Politiker und schon mal die Bundespressekonferenz aufs Glatteis führt;

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  • und, und und.

Und es sind vielfach die Banalitäten und Nichtigkeiten des Alltags, die jedermann auf Youtube hochladen kann und ungestört von Relevanzfragen auch tatsächlich veröffentlicht.

Mit dem Handy abgefilmte Fernsehsendungen sind Realität, dem verunglückten Skateboardsprung folgt ein Gagvideo. Oder auch, aufgenommen mit einer russischen Dashcam, einer Kamera hinter der Windschutzscheibe, ein spektakulärer Unfall auf der Autobahn. Und wenn ein mediales Großereignis wie eine Fußball-WM oder demnächst wieder der Eurovision Song Contest anstehen, herrscht auf den Servern von Youtube Hochbetrieb.

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Nicht alles Hochgeladene darf veröffentlicht werden oder bleiben. Die Server gleichen vollautomatisch jedes neue Video mit einer sogenannten Referenzdatei-Datenbank ab: Darin sind Millionen von Videos von urheberrechtlich geschützten Aufnahmen gekennzeichnet – vom Madonna-Musikclip bis zum Weltmeisterschaftstor von Mario Götze gegen Argentinien. Großer Grünanteil im Bild (Rasen) und die Ton-Kommentare der Sportjournalisten lassen die Algorithmen Alarm schlagen, wenn eine Urheberrechtsverletzung erkannt zu sein scheint. Viele Nutzer umgehen das Verbot regelmäßig, indem sie in den Videos statt des Sportkommentars frei verbreitbare Fahrstuhl-Musik einbauen.

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Dabei ist die populäre Musik einer der wichtigsten Treiber von Youtube. Von den zehn meistgesehenen Videos aller Zeiten entspringen neun dem Musikgeschäft. In Deutschland allerdings pflegt Youtube ein besonderes Verhältnis mit der Öffentlichkeit. Von den tausend weltweit meistgesehenen Videos waren vor Kurzem 60 Prozent von deutschen Rechnern aus aufgerufen, gesperrt, weil sich Youtube nicht mit der Gema einigen konnte. Die Gema ist eine Verwertungsgesellschaft, die Urheberrechte treuhänderisch für Filmemacher, Musiker und Journalisten wahrnimmt. Diese Berufsgruppen übertragen, vereinfacht dargestellt, ihre Rechte an ihren Werken an Gema und Co., und die Gesellschaften regeln dann mit Veröffentlichungsplattformen vom Druckerhersteller über den USB-Stick bis hin zur Video-Website anteilige Vergütungen.

Diese Besonderheit im deutschen Recht ist bei dem weltweit agierenden US-Konzern Google bis heute nicht gelöst. Daher erscheinen hierzulande immer wieder schräge Smileys; viele Videos können nicht abgespielt werden.

Wie sich Youtube finanziert

Durch eingeblendete Textbotschaften und vorgeschaltete 15-Sekünder Werbung finanziert Youtube seine Technik. Wer Videos dort hochlädt, partizipiert an den Werbeeinnahmen. Für 1000 Abrufe gibt es ein paar Euro. Im Gefolge von Youtube agieren wie einst bei den Plattenfirmen in der Musik sogenannte MCN: Multichannel-Networks. Das sind Firmen wie Mediakraft aus Köln. Die Firma berät Youtuber dabei, ihre Videos noch populärer zu machen. Durch gegenseitige Vernetzung und Erwähnung beflügelt man sich untereinander, schafft Netzwerkeffekte bei der wichtigsten Währung, der Aufmerksamkeit.

Facebook gilt unter Experten als das nächste Youtube. Weil der Dienst bei so vielen Internetnutzern beliebt ist, gehen immer mehr Akteure dazu über, ihre Videos direkt bei Facebook hochzuladen. Beim Scrollen durch die Timeline spielen diese Videos automatisch ab, ohne Ton. Eingebettete Youtube-Videos müssen dagegen erst aktiv angeklickt werden. Eine kleine Hürde ist dieser eine Klick nur, aber er ist möglicherweise der entscheidende. Es ist nicht ausgemacht, dass Youtube auch die nächsten zehn Jahre seine Rolle als wichtigste Videoplattform beibehält.