Berlin

Wowereits Sieg berauschtdie Genossen nicht

Das Interesse an der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus ist immens. Allein 750 Medienvertreter haben sich zur Berichterstattung aus dem Berliner Parlament akkreditiert. in Ameisenhaufen ist ein Meditationstempel im Vergleich zu dem, was sich dort abspielt. Bei den Sozialdemokraten ist die Stimmung mäßig.

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Berlin – Das größte Drama spielt sich an diesem Abend im kleinsten Saal des Abgeordnetenhauses von Berlin ab. „Oh nein“, „Das kann nicht sein“, „Sch ...“. Die Berliner Abgeordneten der FDP sind blass. Sie wussten, dass es eng wird an diesem Abend. Aber gerade mal um die 2 Prozent? Damit hatten sie nicht gerechnet.

Foto: picture alliance / dpa

Das Interesse an der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus ist immens. Allein 750 Medienvertreter haben sich zur Berichterstattung aus dem Berliner Parlament akkreditiert. Ein Ameisenhaufen ist ein Meditationstempel im Vergleich zu dem, was sich dort abspielt.

Bei den Sozialdemokraten ist die Stimmung mäßig. Wowereit hat in den vergangenen Wochen mit seinem Lächel-Wahlkampf mächtig aufgeholt. Am Ende aber bleibt er hinter dem Wahlergebnis von 2006 und den Erwartungen der Genossen zurück. „30 hätten es schon sein müssen“, sagt einer, der sich im Straßenwahlkampf aufgerieben hat, und nippt missmutig an seinem Pils.

Aus für Rot-Rot

Wowereit darf Berlin weiterregieren. Allerdings reicht es für eine Koalition mit der Linken nicht mehr. Die waren in den vergangenen zehn Jahren ein bequemer Partner für den Regierungschef. Für ihren Stimmenverlust werden sie sich sicherlich noch bei der eigenen chaotischen Bundesführung bedanken. Mit den Grünen bekommt Wowereit voraussichtlich einen anstrengenderen Koalitionspartner.

Als Regierungschef zum zweiten Mal wiedergewählt zu werden, ist achtbar. Inmitten der bundesweiten SPD-Erfolgsserie ist sein Sieg aber nicht berauschend. Seine Chancen, weiter als Kanzlerkandidat der Parteilinken gehandelt zu werden, sinken. Generalsekretärin Andrea Nahles nennt das Berliner Ergebnis einen „schönen Erfolg“. Wenn Politiker sich wirklich über ein Wahlergebnis freuen, dann klingt das anders.

Dann klingt das wie beim Berliner CDU-Chef Frank Henkel. Schon um 18.20 Uhr sucht er die Kameras. „Wir haben unser wichtigstes Wahlziel erreicht: Der rot-rote Senat hat keine Mehrheit mehr“, ruft er unter dem Jubel seiner Anhänger. Henkel wertet sein Ergebnis auch als „Signal an den Bund“, dass die CDU auch in schwierigen Zeiten in Großstädten zulegen könne.

Nachdem die CDU-Länderchefs in den vergangenen Jahren auf Bundesebene an Bedeutung eingebüßt haben, sieht Henkel offensichtlich eine Lücke für sich. Seine Worte zur FDP werden bei der Bundes-CDU zurzeit gern gehört. Es sei unverantwortlich, dass die FDP auf Kosten Deutschlands und auf Kosten Europas Wahlkampf gemacht habe, betont er. Henkel gilt als moderner CDU-Mann, keiner, der aus dem Land heraus Opposition gegen die eigene Parteichefin machen würde.

Einen kräftigen Seitenhieb bekommt die Spitzenkandidatin der Grünen, Renate Künast. Es gebe zwei Verlierer, meint Henkel: die Linken und Renate Künast. Die Grünen sind in der vertrackten Lage, dass sie ähnlich viel dazugewonnen haben, wie die FDP verloren hat. Dennoch sind sie die gefühlten Verlierer, weil sie auch weit unter den Erwartungen geblieben sind. „Es wäre mehr drin gewesen“, räumt der Grünen-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Wieland freimütig ein. Der Wahlkampf sei zu stark personenabhänig. Grünen-Parteichef Cem Özdemir sagt unserer Zeitung: „In der Analyse des Berliner Wahlkampfs müssen wir abwägen, wie wir Stammwähler halten, wenn wir gleichzeitig neue Wählerpotenziale für uns erschließen.“

Mahnende Worte an die FDP

Kaum einer, der an diesem Abend nicht mahnende Worte an die Liberalen schickt. „Die Anti-Europa-Kampagne der FDP ist in Berlin von den Wählern dramatisch abgestraft worden“, betont Özdemir. Er fügt hinzu: „Ich hoffe, dass die Älteren in der FDP den Jungen gründlich die Leviten lesen werden, damit bei der FDP endlich Vernunft einkehrt. Ob sie diese Lernfähigkeit hat, wird sich in den nächsten Tagen zeigen.“ Eva Quadbeck

Archivierter Artikel vom 19.09.2011, 11:29 Uhr