Archivierter Artikel vom 08.03.2014, 13:37 Uhr

Wird Energie durch die Krise teurer?

Deutschlands Wirtschaft ist mit der Russlands verbunden. Was bedeutete deshalb die Krise für den deutschen Energiemarkt?

Gas kommt in großen Teilen aus Russland. Was passiert, wenn die Sanktionen greifen? Foto: dpa
Gas kommt in großen Teilen aus Russland. Was passiert, wenn die Sanktionen greifen?
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Wie wichtig ist Russland als Gas- und Öl-Exporteur für Deutschland?

Der mächtige Gazprom-Konzern spielt eine Schlüsselrolle. 2012 lag die Bundesrepublik unter 31 Zielländern mit 34 Milliarden Kubikmetern Erdgas auf Platz eins vor der Ukraine (32,9), der Türkei (27,0) und Weißrussland (19,7). Insgesamt stammten 37 Prozent des importierten Erdgases und Erdöls aus Russland, 2013 waren es beim Gas 38,7 und beim Öl 34,8 Prozent. Doch auch jenseits der Rohstoff-Frage sind beide Länder eng verbunden: Deutschland war 2012 nach China Moskaus zweitwichtigster Handelspartner. Zugleich war Russland elfwichtigster Absatzmarkt für Deutschland.

Würde Russland wirklich eine Drosselung des Gasangebots riskieren?

Drastische Kappungen sind eher unwahrscheinlich. „Die Verflechtung ist auch beim Öl groß“, sagt Heino Elfert, Herausgeber des Energie- Informationsdienstes (EID). Das gelte auch für Konzerne wie Rosneft, der mit der britischen BP verbandelt ist, oder die Beteiligung von Gazprom und der BASF-Tochter Wintershall. Russland könne auf die Einnahmen aus dem Gasgeschäft kaum verzichten.

Warum ist die Lage diesmal anders als beim letzten Gasstreit 2009?

Damals wurde der Ukraine vorgeworfen, sie sabotiere die russischen Lieferungen nach Westen. Die Transitleitungen durch die Ukraine sind für Europa zwar immer noch enorm wichtig, etwa die Hälfte der russischen Gasexporte zu uns fließt dort. Mittlerweile bietet aber auch die Ostsee-Pipeline Nord Stream einen alternativen – und direkten – Lieferweg.

Weshalb ist Russlands Rohstoffmacht nicht mehr so groß?

Viele Beobachter sehen Russlands wirtschaftlichen Einfluss auf dem absteigenden Ast. Das liegt vor allem an der „Schiefergas-Revolution“ in den USA. Die Vereinigten Staaten versuchen immer stärker, sich von teuren und instabilen Energieimporten aus Asien oder dem Nahen Osten abzunabeln. Mit der umstrittenen Fracking-Methode lassen sich bisher unangetastete Gasvorkommen erschließen, bis 2020 könnte man zum Netto-Exporteur von Energie werden.

Könnte Deutschland notfalls auf andere Quellen umschwenken?

Neben den traditionellen Lieferländern Norwegen und Niederlande könnte Deutschland auch den US-Gasmarkt anzapfen. Experten halten das aber für Zukunftsmusik – für den Transport über den Atlantik bräuchte man viel mehr Verflüssigungsanlagen in Häfen sowie Spezialschiffe. „Das kann nicht über Nacht passieren. Aber es könnte Russland deutlich schwächen“, meint Experte Elfert.

Drohen den Verbrauchern höhere Benzin- und Heizölpreise?

Bisher schlägt die verschärfte politische Lage nicht ernstlich auf die Endkunden-Preise durch. Dass das Niveau bald anzieht, wollen Fachleute dennoch nicht ausschließen.

Wie lange reichen die Gasvorräte der Bundesrepublik?

Die deutschen Speicher sind dank des milden Winters gut gefüllt, bis zu 60 Prozent der ursprünglichen Menge sollen vorrätig sein. Doch den Bedarf von Verbrauchern und Industrie könnte das kaum lange befriedigen. Der Chef des Außenhandelsverbands für Mineralöl und Energie, Rainer Winzenried, forderte im „Handelsblatt“ den Aufbau einer größeren „nationalen Gasreserve“.

Könnte der Krim-Konflikt die deutsche Energiewende abwürgen?

Ein erklärtes Ziel der Energiewende ist es, die Versorgung mit Strom und Gas von den starken Preisschwankungen bei fossilen Rohstoffen zu entkoppeln. Für die Übergangszeit braucht Deutschland aber effiziente Gaskraftwerke, die den Wegfall der Atomkraft kompensieren. Der Chef des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, hält EU-Sanktionen für deplatziert: „Wir können uns eine Sanktionspolitik nicht leisten, weil wir im Zuge der Energiewende zunehmend auf russische Lieferungen angewiesen sind.“