Archivierter Artikel vom 08.03.2014, 06:57 Uhr

Kommentar: Putin wittert Schwäche des Westens

Wladimir Putin ist ein lupenreiner Machtpolitiker. Als solcher folgt er nüchternem Kalkül. Wittert er Schwäche, schlägt er zu. Spürt er Stärke, steckt er zurück. Europa ist schwach, die USA sind mit sich beschäftigt, und die postrevolutionäre Ukraine hat noch keinen festen Boden unter den Füßen. Eine bessere Chance, sich die Krim zurückzuholen, wird sich Russland und Putin wohl nie mehr bieten. Daher schafft er jetzt Fakten, solange Europa und Amerika noch diskutieren und die Ukraine keinerlei Widerstand leisten kann.

Dietmar Brück kommentiert.
Dietmar Brück kommentiert.
Foto: Jens Weber

Dietmar Brück zum Konflikt um die Halbinsel Krim

Dabei ist – psychologisch betrachtet – durchaus nachvollziehbar, wie die gekränkte Ex-Weltmacht Russland agiert. Die einstigen Bündnispartner sind Moskau reihenweise von der Fahne gegangen. Das westliche Militärbündnis Nato hat sich vor seinen Toren breitgemacht. Und die Krim ist vielen Russen so heilig wie der Kreml. Dass die Halbinsel im Schwarzen Meer 1954 an die Ukraine ging, lieferte nur so lange keinen Sprengstoff, solange all dies innerhalb der Sowjetunion geschah. Doch inzwischen sind aus Republikgrenzen Staatsgrenzen geworden. Und dieser Stachel sitzt tief in der russischen Seele.

Was nicht heißt, dass sich Russland die Krim einfach nach einem schlichten Referendum schnappen kann. Es gibt eine Menge andere Lösungen: eine größere Teilautonomie, noch dauerhaftere Garantien für einen Verbleib der russischen Schwarzmeerflotte. Sogar ein Kleinstaat Krim wäre denkbar. Aber Russland will die Halbinsel heim ins Reich holen.

Putins Vision ist keine friedliche Kooperation, sondern die Wiederauferstehung der russischen Supermacht. Sein Signal an die Ukraine ist zugleich auch ein Signal an die innerrussische Opposition: Wer aufbegehrt, zahlt einen hohen Preis. Die Antwort des Westens muss in harten Wirtschaftssanktionen bestehen, vor allem aber in einer Demonstration der Einigkeit. Spürt Putin Widerstand, ändert er die Taktik. Mit hektischen Konferenzen und kraftlosen Worthülsen indes lässt sich ein Politiker seines Schlages niemals bremsen.

dietmar.brueck@rhein-zeitung.net