Archivierter Artikel vom 01.10.2018, 20:26 Uhr

Wie groß ist die Mauer im Kopf, Petra Köpping?

Woher kommt die Wut im Osten? Für ihre Streitschrift „Integriert doch erst mal uns!“ hat die sächsische Ministerin für Gleichstellung und Integration, Petra Köpping (SPD), das Gespräch mit Pegida-Sympathisanten gesucht. Ihre Einschätzung: Selten sind Migrations- oder Globalisierungsängste das entscheidende Problem, sondern häufig Verletzungen der Nachwendezeit. Die Zeit nach 1990 habe Narben und Demütigungen hinterlassen, die nun zu Wut werden.

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Petra Köpping, Integrationsministerin von Sachsen. Foto: dpa
Petra Köpping, Integrationsministerin von Sachsen.
Foto: dpa

Frau Köpping, Sie schreiben, dass Demütigungen der Nachwendezeit Ostbürger noch immer prägen. Wo sind Benachteiligungen spürbar?

Es gibt große Differenzen, die die Lebensqualität der Menschen im Osten beeinflussen. Verschiedene Gehälter, unausgeglichene Renten oder der fehlende Anteil Ostdeutscher in Spitzenpositionen. Das alles ist bedenklich, vor allem weil in Sachsen nicht etwa nur ehemalige DDR-Bürger das Gefühl haben, Bürger zweiter Klasse zu sein, sondern auch die junge Generation.

Dabei denken viele, dass bei den Jungen Ost und West keine Rolle mehr spielen.

Unsere Studie „Sachsen-Monitor“ hat 2017 etwas anderes ergeben. Ein großer Teil der 18- bis 27-Jährigen gab dabei an, sich als Bürger zweiter Klasse zu fühlen. Das ist alarmierend. Viele Politiker haben lang geglaubt, dass Themen der Nachwendezeit an Interesse verlieren, wenn die Zeitzeugen alt werden. Aber natürlich werden Geschichten weitervererbt. Als ich Landrätin in Borna war, gab es Familien, in denen nur einer früh das Haus verlassen hat, und das war das Kind, weil es in die Schule musste. Alle anderen blieben zu Haus, weil sie arbeitslos oder im Vorruhestand waren. Diese emotionale Erfahrung prägt die dritte Generation und nachfolgende genauso wie faktische Benachteiligungen. Warum bekommt ein Fliesenleger auf dem Land im Osten heute noch immer weniger Lohn als ein Fliesenleger im ländlichen Raum von Bayern? Das ist das konkrete Erleben von Ungleichheit. Sicher spielt auch eine Rolle, dass es viele Jahre politisch gewollt war, dass Sachsen ein Billiglohnland ist. Wir sind nicht tarifrechtlich organisiert – das kommt hinzu.

Warum genau fordern Sie eine Nachwende-Aufarbeitung?

Weil das Gefühl der fehlenden Anerkennung von Leistungen im Osten sehr präsent ist und zu Frust und Protestwahl führt. Ich muss von vorn anfangen, um das zu erklären. Die friedliche Revolution wurde emotional und euphorisch im Osten aufgenommen. Man dachte, jetzt geht es für mich los, ich kann reisen, ich kann mich beruflich entwickeln. Und dann haben über Nacht Hunderttausende Menschen ihre Arbeit verloren – und die Perspektive. Hoch qualifizierte Menschen mussten wieder von vorn angefangen. In Sachsen gab es ein hohes Ingenieurwesen. Doch nach der Wende standen reihenweise Ingenieure plötzlich mit der Schaufel in der Hand an der Straße und haben gebuddelt. Viele sind abgestiegen. Ist es da nicht nachvollziehbar, dass man sich fragt: Was ist aus mir und meiner Qualifikation geworden? Warum soll das, was ich geleistet habe, plötzlich weniger wert sein?

Inwiefern fühlen sich Ostdeutsche bei der Einheit übergangen?

Sie müssen verstehen, Verletzungen sind im Osten auch entstanden, weil vieles abgebügelt wurde. Ein Beispiel: Wir hatten in der DDR ein sehr gutes Kinderbetreuungssystem. Frauen konnten problemlos arbeiten gehen, weil das Kind versorgt wurde. Trotzdem dachte man nicht daran, dieses Modell mit anderen Inhalten für ganz Deutschland zu übernehmen. Damals habe ich eine Konferenz in der Schweiz besucht, die mir erklären wollte, wie man genau so ein System in der Praxis gestalten könnte. Das verletzt, denn wir hatten das ja, es war aber plötzlich nichts mehr wert.

Welchen Vorwurf machen Sie also dem Westen?

Ich mache keine Vorwürfe, ich werbe für Verständnis und Austausch. Ich möchte Ost und West nicht gegeneinander ausspielen. Trotzdem gibt es Dinge, die benannt werden müssen. Ich höre oft: In den Steinkohlewerken im Ruhrgebiet haben auch viele ihren Job verloren. Das stimmt, der Unterschied ist aber, dass dieser Wandel jahrelang vorbereitet wurde. Zudem wurden berufliche Perspektiven in neuen Industriezweigen geschaffen. Im Osten war das nicht möglich. Das ist eine ganz andere Erfahrung, ohne andere Biografiebrüche kleinreden zu wollen.

Welches Eingeständnis müssen auch Ostbürger machen?

Dass man zu naiv war. Mit der Wende dachten viele, jetzt wird endlich was aus mir, ich war ja schon zu DDR-Zeiten benachteiligt, ich bin doch dort schon nicht vorangekommen. Man hatte eine zu große Staatsgläubigkeit und darauf vertraut, dass sich der Staat kümmert. Das ist natürlich nicht passiert. Kapitalismus bedeutet, dass sich jeder um sich selbst kümmert. Insofern ist eine Illusion zerbrochen.

Wenn man in sozialen Netzwerken Kommentare zu Ost-West-Debatten verfolgt, ist schnell von „Jammer-Ossis“ die Rede. Was geht Ihnen beim Stichwort Minderwertigkeitskomplex durch den Kopf?

Dass ich entschieden widersprechen muss. Wir jammern nicht, wir legen die Situation offen. Außerdem spreche ich mit vielen Leuten, die es nach der Wende zu einem guten Leben gebracht haben. Viele sprechen mit Stolz über ihre Kraftanstrengung, da ist kein Minderwertigkeitskomplex erkennbar. Andererseits ist es ein Problem, dass viele Konflikte zwischen Außen- und Innenleben nicht gesehen werden. Wer das schöne Dresden besucht, staunt über diese strahlende Stadt, aber von den persönlichen Geschichten, die hinter diesen Kulissen liegen, ist nichts bekannt. Darum geht es: Gespräche zu fördern.

Welche Verbindung sehen Sie zwischen der Nachwende-Thematik und der Bereitschaft, AfD zu wählen oder mit Pegida zu demonstrieren?

Ich glaube, die Gemeinsamkeit ist eine ähnliche Art der Verunsicherung. Die Frage „Wie geht es jetzt weiter?“ stellte sich Anfang der 90er-Jahre, und sie stellt sich jetzt. Zudem haben die Parteien Vertrauen verloren und Menschlichkeit. Alles wird sehr technisch, unemotional abgewickelt. Das nutzt die AfD, indem sie etwa in der Asyldebatte emotionalisiert. Sie macht Migranten zu Blitzableitern für alle Enttäuschten, um zu zeigen, da steht noch jemand unter dir, auf ihn kannst du deinen Frust abladen.

Was wollen Sie dagegenhalten?

Probleme erkennen und benennen. In puncto Nachwendezeit fordere ich die Aufarbeitung der Treuhand. Das ist nur ein Beispiel. Vielen Menschen ist wichtig zu erfahren, was mit ihrem Betrieb passiert ist. Ob es damals eine reine Marktbereinigung gab, weil die Konkurrenten in den alten Ländern die Produkte selbst herstellen wollten oder weil alle Betriebe marode waren. Deswegen unterstütze ich die Idee, Wahrheitskommissionen einzusetzen, um durch eine umfassende Aufarbeitung der Nachwendezeit den Menschen im Osten Würde und Respekt zu geben.

Das Gespräch führte Melanie Schröder

Zur Person: Petra Köpping

Wer ist die sächsische Integrationsministerin? Welche Bezüge hat sie zur DDR?

Seit 2009 ist Petra Köpping (SPD), Jahrgang 1958, Mitglied im Sächsischen Landtag, seit 2014 Sächsische Staatsministerin für Gleichstellung und Integration. Köpping studierte zu DDR-Zeiten Rechts- und Staatswissenschaft und war 1989/90 Bürgermeisterin der Gemeinde Großpösna (Landkreis Leipzig). Nach der Wiedervereinigung kehrte sie der Politik für einige Jahre den Rücken, um bei der DAK zu arbeiten. Im Jahr 1994 zog es sie zurück in die Politik: erneut als Bürgermeisterin in Großpösna.

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