Archivierter Artikel vom 14.02.2013, 06:00 Uhr

Wie „das Netz“ den Menschen vor sich hertreibt : Im Internet haben es Personen der Öffentlichkeit schwer, Vorwürfe zu entkräften

Nur wenig konnte man erkennen von Viktoria: Sechs Aufnahmen zeigten im Internet im Dezember 2011, als die mediale Aufregung ihren vorläufigen Tiefpunkt fand, diese hochgewachsene Frau; mal war sie leicht bekleidet oder zeigte den Oberkörper entblößt, mal war sie von hinten fotografiert oder das Gesicht von einem Hut verdeckt.

Es waren Bilder aus dem Chateau Club im Rotlichtviertel von Osnabrück, veröffentlicht auf einer Webseite eines Begleitservices. Wegen eines Gerüchts begaben sich damals viele Internetnutzer auf diese Seite. Das Gerücht war für eine Frau zerstörend: Es besagte, die Bilder zeigten nicht „Viktoria“, sondern Bettina Körner, die spätere Frau Wulff, Gattin des Ex-Bundespräsidenten.

Die „New York Times“ über den angeblichen Drang besonders in Deutschland, sich am Schaden anderer zu erfreuen.
Die „New York Times“ über den angeblichen Drang besonders in Deutschland, sich am Schaden anderer zu erfreuen.

Entfernen dauert ein halbes Jahr

Triumphierend reckte Plagiatsjäger Martin Heidingsfelder die Fäuste vor der Kamera und veröffentlichte das Bild von sich bei Twitter – als wäre es ein Sieg, Ministerin Schavan zum Rücktritt bewegt zu haben.
Triumphierend reckte Plagiatsjäger Martin Heidingsfelder die Fäuste vor der Kamera und veröffentlichte das Bild von sich bei Twitter – als wäre es ein Sieg, Ministerin Schavan zum Rücktritt bewegt zu haben.
Foto: Benjamin Stöß

Inzwischen ist die ursprüngliche Seite aus dem Netz verschwunden. Doch leben Kopien fort. Wer heute danach bei Google sucht, liest am Ende der ersten Seite der Google- Treffer den Hinweis, dass das USUnternehmen „aus Rechtsgründen“ ein einziges Ergebnis von seiner Trefferseite getilgt hat. Ein Rechtsanwaltsbüro hat ein halbes Jahr nach jenem Dezember 2011 im Auftrag von Wulff die Treffer entfernen lassen. Sie habe bittere Tränen wegen der Gerüchte geweint, berichtete die Betroffene später in ihrem Buch.

„Zeit Online“ über die Effekte der Netzöffentlichkeit, in der immer mehr Teilnehmer mitreden und Entwicklungen verstärken können.
„Zeit Online“ über die Effekte der Netzöffentlichkeit, in der immer mehr Teilnehmer mitreden und Entwicklungen verstärken können.

Noch einmal sieht sie sich gezwungen klarzustellen: „Ich habe nie als Escort-Lady gearbeitet.“ Wie wehrt man sich gegen „das Netz“? Gegen eine virale Internetmechanik, in der Neugierde, Boulevardisierung und Verkürzung aus teilweise anonymen Quellen sich gegenseitig verstärken? Starke Kräfte müssen da am Werk sein. Bundesbildungsministerin Annette Schavan trat zurück, nachdem Betreiber der Internetseite Schavanplag in ihrer Doktorarbeit von vor mehr als 30 Jahren fragwürdige Textpassagen zusammengestellt hatten und die Universität ihr nach eigener umstrittener Prüfung den Doktortitel aberkannte.

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg trat zurück, nachdem ein Bremer Juraprofessor, Journalisten und dann Betreiber der Internetseite Guttenplag immer weitere neue abgekupferte Passagen in der Doktorarbeit des Politikers entdeckt hatten. Die Liste der Politiker wächst, die für den „Dr.“ geschummelt haben oder haben sollen: Koch-Mehrin, Chatzimarkakis, Kasper, Pröfrock, Djir-Sarai, Saß, Dominic Stoiber. Wer ist der Nächste? Die Internetplattformen, die die Plagiate öffentlich machen, tragen skurrile Namen. Auf Schavanplag, Guttenplag und Vroniplag folgt nun unter anderem Politplag.

Als Dienstleister dahinter will Martin Heidingsfelder, früherer Deutscher Meister im American Football und jetzt Betreiber einer Ein-Mann-Firma für Web-Projekte, einzelne Politikerarbeiten durchleuchten – das Scannen der Arbeit kostet 50 Euro, die erste Analyse 300 Euro (wir berichteten). Auch bei Plagipedi, wo es noch ohne Geld geht, gibt es eine Liste aller Bundestagsmitglieder, die den Doktor im Namen tragen – welche Arbeit als nächstes untersucht wird, ist unklar. Das Benutzerverzeichnis der Plattform zählt 271 aktive Teilnehmer.

Haben eine Ein-Mann-Firma und bestenfalls ein paar Hundert Mitarbeiter der Plagiate-Plattformen tatsächlich die Macht, die Karrieren von Politikern zu beeinflussen? Immerhin gerät der akribische technische Vergleich von Textpassagen zum objektiven Kriterium, wenn sie aufs Wort exakt gleich sind. Dann hat der eine vom anderen abgeschrieben – egal, ob der Betrug per Internet herausgefunden wurde oder in einem Fachblatt für Dissertationen (oder in der „Bild“). In jedem Fall müssen die Universitäten die Vorwürfe fachlich prüfen. Neu ist die Wucht, mit der sich solche Informationen vermehren, befördert von einer Öffentlichkeit, die selbst den Prasselkuchen auf Relevanzkriterien untersucht und seitenweise darüber im Wiki diskutiert.

Der #Aufschrei, die Sexismus-Debatte bei Twitter, hat nicht anders funktioniert: Durch massenhaftes Beleuchten von Einzelfällen wurde eine Strömung dargestellt, die offensichtlich von größerer Bedeutung ist. Es waren vielleicht „nur“ rund 15 000 Nutzer, die das Wort #Aufschrei bei Twitter in den ersten Tagen verwendeten. Doch reichte diese Zahl, um das komplette TV-Programm einer Woche in den abendlichen Talkshows auf das Thema Sexismus auszurichten.

Hinter solchen Phänomenen steckt kein größerer Schlachtplan einer geheimen Macht. Dass ausgerechnet das riesige Nachschlagewerk Wikipedia mit Stand gestern keinen Eintrag zu Veronica Saß aufwies, die als Namensgeberin für die Vroniplag-Seite herhalten musste, zeigt die Zufälligkeit der Entwicklung. Dass Journalisten klassischer Medien dabei zunehmend ihre Deutungshoheit verlieren, ist ein Begleiteffekt. Eine „mediale Erregungsmaschinerie“ beklagt ein Journalist auf „Zeit Online“ mit Blick auf Rassismusvorwürfe gegen einen Politiker – wo einen Klick weiter just dessen Äußerung über Vizekanzler Rösler im Detail ausgebreitet wird. Die Maßstäbe der medialen Berichterstattung verschieben sich: Galt früher die Regel, das Große groß und das Kleine klein zu berichten, wird nun fast alles ein Thema, das für den kleinsten Aufregertweet taugt.

Als jüngst ein E-Mail-Konto der US-Präsidenten- Familie Bush angegriffen und private Fotos aus der Bush'schen Badewanne im Netz veröffentlicht wurden, kommentierte die „Washington Post“: Nach alten Regeln des Journalismus hätten die E-Mails nie veröffentlicht werden dürfen. „Aber das war früher.“ Droht so etwas auch hierzulande? Die „New York Times“ nennt Deutschland das „Heimatland der Schadenfreude“ und zitiert den Münchener Professor Volker Rieble zu einer Art teutonischer Rechthaberei und Prinzipientreue: „Ich glaube einfach, dass viele Deutsche ein Polizei-Gen in sich tragen.“

Wenn das so wäre, gäbe es viel zu tun: Laut Studie von Soziologen der Universität Bielefeld haben 79 Prozent der Studenten in Deutschland innerhalb eines Semesters mindestens einmal geschummelt, jeder fünfte hat ein Plagiat abgegeben. Auftraggeber für die Studie war das Bundesbildungsministerium – dessen Ministerin nun zurücktrat.

Schein eines Funkens reicht

Schavan trat zurück, weil sie sich ohne Schaden fürs Amt dagegen wehren will, dem Vorwurf ausgesetzt zu sein, abgeschrieben zu haben. Und für diesen Vorwurf reicht schon der Schein eines Funkens Wahrheit, um zu zünden. Dabei ist nicht nur die Vorgehensweise der Universität umstritten.

Zwei Bildungsforscher kamen zu dem Schluss, es gebe in Annette Schavans Doktorarbeit lediglich Regelwidrigkeiten und Zitierfehler, aber keine leitende Täuschungsabsicht. Ohnehin waren die Akteure bei Schavanplag mehrheitlich dagegen, die

Untersuchung zu „A.S.“ öffentlich zu machen – aus Zweifel, ob die Vorwürfe schwer genug wiegen. Letztlich reichte ein Plagiatsjäger aus der Gruppe, der anderer Meinung war und die Textvergleiche auf einer separaten Seite öffentlich machte. Dort möge der unvorgeingenommene Leser einmal nachlesen, was als „eindeutiges Plagiat“ bezeichnet wird (Kurz-Link: http://kurz.de/haarspalterei). Kommentare haben die Macher der Seite dort übrigens nicht zugelassen. Wie auch eine Bettina Wulff bei jeglichem Google-Treffer keine Gelegenheit zum Kommentar bekommt. Da ist das Internet 2013 nicht weiter als Ende 2011.

Von unserem Digitalchef Marcus Schwarze