Archivierter Artikel vom 18.05.2010, 08:58 Uhr
Rheinland-Pfalz

Trennung und Geldsorgen quälen Eltern

Immer mehr Familien im Land brauchen ambulante Erziehungshilfen. Die Experten nennen vor allem drei Gründe für den steigenden Bedarf:

Das im Jahr 2008 in Kraft getretene Landes-Kinderschutzgesetz führt zu mehr Verdachtsmeldungen auf Kindesmisshandlung – was alle begrüßen. Allgemein ist das Umfeld aufmerksamer geworden für Hilfebedarf in Familien. Doch auch die Risikofaktoren dafür, dass Eltern mit der Erziehung ihrer Kinder überfordert sind, nehmen zu: Trennung und Scheidung, Arbeitslosigkeit und als Folge Armut und soziale Ausgrenzung.

Im Kreis Mayen-Koblenz haben ambulante Hilfen Konjunktur. Die Fallzahlen in der sozialpädagogischen Familienhilfe – ein Teilbereich der ambulanten Hilfen – stiegen seit 2005 um 83 Prozent: „Es gibt mehr Hinweise, dass gehandelt werden muss, und zwar früh, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist“, sagt der Leiter des Kreisjugendamts Gerhard Born. Trotzdem könne man nicht von einer Kostenexplosion im Gesamtbereich „Hilfen zur Erziehung“ sprechen. 2005 gab der Kreis inklusive Heimerziehung und Unterbringung in Pflegefamilien 9,22 Millionen Euro aus. 2008 waren es 9,95 Millionen Euro.

Kritik von Trägerverbänden wegen Preisdrückerei bei ambulanten Hilfen kann der Kreis nicht nachvollziehen. Die Standards entwickelt das Jugendamt gemeinsam mit den Anbietern, betont Jugendhilfeplaner Guido Bayer. Die Hilfen sollen qualitativ gut ankommen: „Billige Hilfe wird ein Bumerang, der irgendwann zurückkommt.“ Wenn frühe Erziehungshilfen nicht greifen, seien „negative Hilfekarrieren“ die Folge. Im Extremfall werden Jugendliche von Heim zu Heim weitergereicht, weil sie sich nirgendwo mehr einfügen können, sagt der Experte.

In Ballungszentren wie der Stadt Koblenz verstärkt die soziale Struktur den Bedarf an Erziehungshilfen. 8,68 Millionen Euro gab Koblenz 2008 für Hilfen zur Erziehung aus, Tendenz seit Jahren steigend. „Die gesellschaftlichen Entwicklungen gehen an den Familien nicht vorbei“, sagt Jugendamtsleiterin Elvira Unkelbach. Gerade in großen Städten leben mehr Familien mit Risikofaktoren: Arbeitslosigkeit, Armut, Drogenmissbrauch, Zuwanderungshintergrund. Dass immer mehr Kinder in Patchworkfamilien aufwachsen, will Unkelbach gar nicht kritisieren. Man müsse aber sehen, dass es „für die Kinder immer eine Belastung ist, auch wenn noch so viel abgesprochen wird“. Zudem seien immer mehr berufstätige Eltern mit dem Erziehen überfordert. „Auch wenn das Geld reicht, kann die Zeit fürs Kind fehlen.“ Gleichzeitig seien die Anforderungen an Kinder in Schule und Ausbildung höher als früher. Eltern, die mit ihren eigenen Problemen nicht fertig werden, können nicht ausreichend helfen.

Im Kreis Cochem-Zell ist die Zahl der sozialpädagogischen Erziehungshilfen von 30 im Jahr 2002 auf geschätzte 125 im Jahr 2009 hochgeschnellt. Klar, dass die Kosten stiegen: Von 118 000 auf vorläufig geschätzte 518 000 Euro im vergangenen Jahr. Die Kreisverwaltung versucht den Spagat: Regelmäßig werden das Angebot der freien Jugendhilfeträger und die bestehenden Verträge „kritisch überprüft“, sagt Jugendamtsleiter Stephan Weber. Dennoch würden keine Verhandlungen mit dem Ziel der Kostensenkung geführt, die eine Qualitätsverschlechterung zur Folge hätten. Stattdessen will der Kreis das Betreuungsangebot mit Familienberatung, Schulsozialarbeit und Kindergärten so ausbauen, dass Kinder mit Unterstützungsbedarf noch früher erreicht werden, um später teurere Jugendhilfemaßnahmen und „Sozialkarrieren“ zu verhindern.

Von unserer Redakteurin Claudia Renner