Archivierter Artikel vom 19.06.2013, 21:57 Uhr
Berlin

Staatsbesuch – Obama sagt: „Hallo Berlin!“

Als Barack Obama im Juli 2008 zum ersten Mal nach Deutschland kommt, ist es auch ein warmer Sommertag. 200 000 Menschen jubeln dem damaligen Kandidaten für das Amt des US-Präsidenten an der Straße des 17. Juni in Berlin zu. Heute steht der Demokrat am Anfang seiner zweiten Amtszeit, und 4500 geladene Gäste begrüßen ihn am Brandenburger Tor mit freundlichem, nicht mehr ganz so frenetischem Applaus.

Nach seiner Rede am Brandenburger Tor winkt Barack Obama in die Menge. 
Nach seiner Rede am Brandenburger Tor winkt Barack Obama in die Menge.
Foto: DPA

Als Barack Obama im Juli 2008 zum ersten Mal nach Deutschland kommt, ist es auch ein warmer Sommertag. 200 000 Menschen jubeln dem damaligen Kandidaten für das Amt des US-Präsidenten an der Straße des 17. Juni in Berlin zu. Heute steht der Demokrat am Anfang seiner zweiten Amtszeit, und 4500 geladene Gäste begrüßen ihn am Brandenburger Tor mit freundlichem, nicht mehr ganz so frenetischem Applaus.

Von unserer Korrespondentin Rena Lehmann

Die Sicherheitsvorkehrungen lassen zwar ohnehin keinen Auftritt in einem größeren Rahmen mehr zu. Viele Hoffnungen auf eine friedlichere Welt, die die Deutschen in Obama gesetzt hatten, hat er aber nicht erfüllt. Obama 2013 streckt die Hand aus für ein pragmatischeres, vielleicht realistischeres Verhältnis zwischen Deutschland und den USA.

Einen Tag und eine Nacht hat der US-Präsident mit seiner Familie in Berlin verbracht. Er und Bundespräsident Joachim Gauck umarmen sich herzlich zur Begrüßung. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel ist sichtbar bemüht, dem seit Jahren als etwas abgekühlt geltenden Verhältnis zwischen den USA und Deutschland neuen Schwung zu verleihen. Man fasst einander vertraulich an die Schulter, man duzt sich und küsst sich herzlich auf die Wange. Um 12.45 Uhr treten Obama und Merkel gemeinsam vor die Presse. Beide sind ernst, sachlich, kommen gleich zur Sache. Merkel dankt Obama für „inzwischen viele Begegnungen“. Die Beziehungen zwischen Deutschland und den USA seien „auch deshalb so gut, weil sie auf gemeinsamen Werten basieren“. Sie freue sich sehr, dass sie die Eröffnung der Verhandlungen für ein Freihandelsabkommen beschließen konnten. Auch das umstrittene US-Spähprogramm Prism habe sie angesprochen. „Das Thema Verhältnismäßigkeit ist wichtig“, sagt Merkel. Gemeint ist die Verhältnismäßigkeit zwischen Überwachung und Bürgerrechten. Darüber werde man „weiter miteinander sprechen“. Es geht heute um Sachpolitik, man hatte einiges miteinander zu klären.

Obama pflegt eine andere Sprache, einen anderen Stil. Er hört aufmerksam und zugewandt zu. Er kann rasch Räume ausfüllen, findet einfache Worte. Er wisse, dass in Deutschland darüber gesprochen wird, dass die USA ihren Blick heute mehr Richtung Asien richten. Die Beziehungen zwischen seinem Land und Europa sind für ihn aber nach wie vor die „Eckpfeiler für Frieden und Sicherheit“, sagt er. Und fügt hinzu: „Sie sind das Wichtigste.“

Die Frage einer Journalistin nach der Erfüllung des Versprechens, das ihm mit der Verleihung des Friedensnobelpreises abgenommen wurde, übergeht er allerdings geflissentlich. Zum Krieg in Afghanistan, zu Syrien antwortet er dafür lang und ausführlich. So ausführlich, dass die Kanzlerin rasch das Wort ergreift, als es eine Lücke gibt. Selbstbewusst unterstreicht sie ihren Sparkurs in Europa als richtig und widerspricht damit dem US-Präsidenten, der gern mehr finanzielles Engagement von Deutschland sähe. Merkels Botschaft ist an diesem Tag auch: Deutschland und Amerika begegnen sich auf Augenhöhe. Wenige Stunden später wird Obama als erster US-Präsident auf der östlichen Seite des Brandenburger Tors sprechen. Als er um 15.29 Uhr „Hallo, Berlin“ sagt, haben viele hier seit Stunden in der prallen Sonne ausgeharrt. Der Präsident legt das Jackett ab und fordert alle auf, es ihm nachzutun. „Wir sind hier schließlich unter Freunden“, sagt er. Applaus brandet auf. Obama erinnert an die großen Worte von Kennedy („Ich bin ein Berliner“) und Ronald Reagan („Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder“) und erklärt, dass die Zeit der Herausforderung des Kalten Krieges zwar vorbei ist, aber neue Aufgaben da sind. Er beschwört den Geist von Berlin als Beispiel für einen Weg zu Freiheit und Wohlstand für andere Völker der Welt. Er erklärt seinen Traum von einer Welt, „in der alle Menschen das Recht auf Freiheit und das Streben nach Glück“ haben. „Sie brauchen uns“, sagt er und lässt das für ein paar Sekunden wirken. Es ist einer der stärksten Momente dieser Rede. Ein Gänsehaut-Moment, der an die Hoffnung erinnert, die einst so stark mit dem Namen Barack Obama verbunden war. Der Friedensnobelpreisträger kündigt an, die Anstrengungen „zu verdoppeln“, das umstrittene Gefangenenlager Guantánamo zu schließen. Es folgt der wohl stürmischste Beifall während der Rede. Er verspricht viel: mehr zu tun für den Klimawandel, die atomare Abrüstung voranzutreiben, dem Hunger in der Welt entgegenzutreten.

Ein Gospelchor hatte am Nachmittag ein Lied über den Wandel, englisch: „Change“, gesungen, für den sich jeder entscheiden könnte. „Wandel“ war Obamas einstiges Wahlkampfmotto. Seine Rede in Berlin lässt vermuten, dass er sehr wohl noch gedenkt, es umzusetzen.