Archivierter Artikel vom 04.05.2010, 14:07 Uhr
Derby

„Schwerkraft ist doof“ – Neues von der Monster Raving Loony Party

„Nichts in der Welt ist so ansteckend, wie das Lachen“, sagte einst Dickens. Nach drei Jahren in England weiß ich: Wenn hier irgendwo gelacht wird, dann ist einer jener sympathischen Exzentriker nicht weit, die in keiner noch so schwierigen Lebenslage den Humor verlieren. Selbst die Politik, die viele Menschen als langweilig empfinden, ist nicht frei von Spaßmachern in besonderer Mission.

Menschen in besonderer Mission: Die Wahlkandidaten RU Serious (l.) und  Nick The Flying Brick (r.) von der Monster Raving Loony Party in einem Pub in  Derby.
Menschen in besonderer Mission: Die Wahlkandidaten RU Serious (l.) und Nick The Flying Brick (r.) von der Monster Raving Loony Party in einem Pub in Derby.
Foto: Alexei Makartsev

Derby – „Nichts in der Welt ist so ansteckend, wie das Lachen“, sagte einst Dickens. Nach drei Jahren in England weiß ich: Wenn hier irgendwo gelacht wird, dann ist einer jener sympathischen Exzentriker nicht weit, die in keiner noch so schwierigen Lebenslage den Humor verlieren. Selbst die Politik, die viele Menschen als langweilig empfinden, ist nicht frei von Spaßmachern in besonderer Mission.

Nehmen wir die Parlamentswahl am 6. Mai. Unter den 4 149 Kandidaten der 132 Parteien, die sich um 650 Sitze im Westminster-Parlament bewerben, findet man neben seriösen Politikern auch Mitglieder einer schrägen Truppe, die für die Rechte der Untoten kämpft.

Die Zombie-Fans wollen die Friedhöfe „komfortabler machen“, die Ehen mit Untoten erlauben und das gesetzliche Rentenalter bis nach dem Ableben erhöhen. Als ich in einer Zeitung über diese Programmziele las, fühlte ich mich an meine neuen Freunde von der „Völlig bekloppten Monsterpartei“ erinnert, die ich kürzlich in einer kleinen Stadt nahe des zentralenglischen Derby kennengelernt habe.

„Hier gibt es keinen, der noch alle Tassen im Schrank hat“

Darf ich vorstellen: Nick „the Flying Brick“ (fliegender Ziegelstein) und sein Kollege RU Serious (zu Deutsch: „Meinen Sie es ernst?“), die Wahlkandidaten der Monster Raving Loony Party. Ich weiß nicht, was Nick beruflich macht. „Ich lasse mich von meiner Frau pflegen“, sagt geheimnisvoll der großgewachsene Mann, der Lebensfreude verströmt. RU Serious – es ist sein offizieller Name – verkauft im Internet britische Fahnen an Fans des Königreichs in aller Welt. Wir treffen uns im Pub „Kopf des alten Königs“, der den Loonies als Wahlkampfstab dient. „Sie werden Spaß haben“, sagt der Wirt, als er mir ein Ale zapft. Ich frage, ob er auch zu den „Bekloppten“ gehöre. „Na klar, hier gibt es keinen, der noch alle Tassen im Schrank hat“.

Die von dem politisch engagierten Exzentriker Screaming Lord Sutch 1982 gegründete Quatsch-Partei hat 45 angehende Parlamentarier ins Rennen geschickt – so viele wie noch nie. Für Nick ist es das vierte Mal. „Ich trat in die MRLP 1997 ein, weil sie keine Aktivisten in meinem Bezirk hatte. Als ich mich in der Parteizentrale beschwerte, sagten die, ich solle selbst für das Parlament kandidieren“, erinnert er sich. Und so hat sich Nick in die große Politik gestürzt. Während Blair in London für Labour siegte, gewann der neue Loony bei seiner politischen Premiere exakt 284 Stimmen. Er ist stolz darauf. „Sogar mein Friseur hat für mich gestimmt“ sagt der Hobby-Politiker und prustet los: „Wahrscheinlich, weil ich ihm immer Trinkgeld gegeben habe“.

Garantiert gut gegen Langeweile: Wehrpflicht für alle ab 75

2001 schlug Nick mit 472 Stimmen eine Miss Great Britain. Und RU Serious schaffte es, Mitglied in einem Stadtrat zu werden, „weil sonst keiner diesen Job haben wollte“. Die Partei der „bekloppten Monster“ wirbt vor der neuen Abstimmung mit einem kreativen Programm um die Gunst der Wähler. „Ich bin für die Einrichtung einer zweiten Anti-Monopolbehörde, weil die jetzige Anti-Monopolbehörde zu Unrecht ihre Stellung monopolisiert. Wir haben außerdem eine Verfassungsreform vor: Jeder Brite wird täglich 800 Meter spazieren gehen müssen, weil es gut für seine Verfassung ist“, sagt RU, der am liebsten auch eine Wehrpflicht für alle ab 75 Jahren einführen würde. Wozu? „Damit die armen Rentner sich nicht so langweilen“. Zu Nicks Prioritäten gehören der Umbau der britischen Atom-U-Boote mit „Trident“-Raketen zu „Unterwasser-Bowlingcentren“ und die Emission von „Trillion-Pfund-Banknoten“ zur raschen Tilgung von Staatsschulden. „Als Minister für Aufhebung der Gravitation werde ich außerdem alles tun, damit wir zukünftig wie Harry Potter Quidditch spielen können“, verspricht der „fliegende Ziegelstein“, der seinen Beinamen nach einem Gleitschirm-Unfall bekommen hat.

Sie wollen im Parlament mit den (bislang abwesenden) Grünen koalieren, weil die Loonies nach eigenen Worten gerne Gemüse essen. „Mein oberstes Ziel ist es, Abgeordneter zu werden, um hohe Spesenabrechnungen einreichen zu können“, gesteht RU. Kein Engländer wird über diese Worte lachen können, ohne gleichzeitig die korrumpierten Politiker im Londoner Spesensumpf zu verfluchen, die 2009 für einen Skandal gesorgt haben. Die Spaßmacher wollen weiter. Vor dem Abschied werden sie ernst. „Wir sehen wie Idioten aus, weil wir ein Spiegelbild der realen Politik sind“, sagt Nick.

Wir rauben ihre Wählerstimmen, weil sie es verdient haben

RU Serious hebt die Stimme: „Diese hochbezahlten, unfähigen, gierigen Langeweiler im Parlament verabschieden dumme Gesetze. Es muss jemanden geben, der diese Wichtigtuer auf den Arm nimmt. Wir rauben ihre Wählerstimmen, weil sie es verdient haben. Das Lachen über die Politik öffnet den Menschen die Augen. Die Briten werden aufwachen“. Mit dem letzten Schuck Ale stürzen die „Bekloppten“ hinaus, um die imperfekte Welt zu verändern.

von RZ-Korrespondent Alexei Makartsev