Archivierter Artikel vom 02.09.2010, 00:00 Uhr

RZ-KOMMENTAR: Schöne Bilder trügen

Es ist noch gar nicht lange her, da erhielt Barack Obama den Friedensnobelpreis. Daran war die Hoffnung geknüpft, dass es dem charismatischen US-Präsidenten gelingen könnte, die Welt ein Stück friedlicher zu machen

Von Dietmar Brück

Es ist noch gar nicht lange her, da erhielt Barack Obama den Friedensnobelpreis. Daran war die Hoffnung geknüpft, dass es dem charismatischen US-Präsidenten gelingen könnte, die Welt ein Stück friedlicher zu machen. Oberflächlich betrachtet, könnte jetzt der Moment gekommen sein, da Obama die ersten Früchte seiner Mühe erntet: Die Kampfhandlungen im Irak hat er für beendet erklärt; in Afghanistan soll der Rückzug im nächsten Jahr beginnen; und ein neuer Nahost-Gipfel bringt die Israelis und Palästinenser endlich wieder an einen Tisch.

Doch wer genau hinschaut, sieht schnell, dass die schönen Bilder und die großen Worte trügen. Im Irak haben viele Menschen geradezu panische Angst vor einer neuen Gewaltwelle, wenn die US-Truppen abziehen. Eine Sandburg in einer Sturmflut ist stabiler als die politischen Verhältnisse in dem Zweistromland. Und in Afghanistan sind die einheimischen Sicherheitskräfte so schwach und korrupt, dass sie zum Kanonenfutter werden, sobald sie in einen Kampfeinsatz ziehen. Der Westen kann die Wirklichkeit noch so sehr kaschieren; die Zeit für einen Rückzug ist noch nicht gekommen. Der US-Oberbefehlshaber David Petraeus sagt es ganz offen. Doch wird Obama auf ihn hören, zumal er die Kongresswahlen vor der Brust hat?

Ähnlich düster sieht es im Nahen Osten aus. Die USA mussten Israelis und Palästinenser quasi an den Verhandlungstisch zwingen. Doch Israels Premier Netanjahu wird von den Rechten in seiner Regierung unter Druck gesetzt, Palästinenserpräsident Abbas von der radikal-islamischen Hamas. Beide politischen Führer sind so schwach, dass es den Extremisten leicht fallen wird, den Friedensprozess zu torpedieren. Schlechte Perspektiven für Barack Obama. Bewegt er dennoch etwas, hat er den Friedensnobelpreis mehr als zurecht verdient.