Archivierter Artikel vom 02.04.2015, 05:43 Uhr
Rheinland-Pfalz

Psychologen: Depressive nicht brandmarken

Psychologen warnen davor, depressive Menschen nach dem Absturz der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen als gefährlich und unberechenbar zu brandmarken. „Es wird gerade verzweifelt versucht, die depressive Phase des Co-Piloten als Erklärung für seine Tat zu geben, um das Unfassbare fassbar zu machen. Das ist aber unsinnig“, sagt der Sinziger Psychoanalytiker Werner Dinkelbach im Gespräch mit unserer Zeitung.

Symbol für eine unfassbare Tat: Auch die Bergungshelfer sind ob des monströsen Absturzes der Germanwings-Maschine fassungslos. Der Psychoanalytiker Werner Dinkelbach sagt, dass wir vielleicht damit leben müssen, die Hintergründe der Tat des Co-Piloten nie verstehen zu können.  Foto: afp
Symbol für eine unfassbare Tat: Auch die Bergungshelfer sind ob des monströsen Absturzes der Germanwings-Maschine fassungslos. Der Psychoanalytiker Werner Dinkelbach sagt, dass wir vielleicht damit leben müssen, die Hintergründe der Tat des Co-Piloten nie verstehen zu können.
Foto: afp

Von unserem Redakteur Christian Kunst

Denn: „Ein Depressiver würde bei dem Gedanken daran, andere Menschen töten zu wollen, noch depressiver werden. Er würde sogar, um den anderen zu schützen, sich selbst das Leben nehmen. Depression ist die Fürsorge gegenüber dem anderen.“

Der Versuch, die Tat des Co-Piloten mit seiner depressiven Phase von 2009 in Verbindung zu bringen, birgt laut dem Experten die Gefahr, dass aus der Brandmarkung Depressiver ein „paranoides Klima“ entsteht. „Die Gefahr besteht, dass Betroffene ihre Krankheit künftig verschweigen. Und die Kurzschlussreaktion der Gesellschaft könnte sein: Depressive sind gefährlich. Es entsteht ein Klima des Misstrauens.“

Laut Asmus Finzen, Psychiater und Gründungsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Sozialpsychiatrie, übersteigt eine solche Tat das Vorstellungsvermögen vieler Menschen. „Dann glauben wir, das kann nur ein psychisch Kranker gewesen sein“, sagt er. Doch sind psychisch Kranke automatisch gefährlicher als Gesunde?

„Nein“, sagt er. Auch Fizen befürchtet, dass das Unglück die Stigmatisierung psychisch Kranker verstärken wird. Ulrich Krüger, Geschäftsführer der Aktion Psychisch Kranke (APK) in Bonn, betrachtet die öffentliche Diskussion ebenfalls mit großer Sorge. „Hier wird suggeriert, dass Menschen mit einem psychischen Leiden automatisch mit einer Gefährdung verbunden sind.“ Aus Sicht von Werner Dinkelbach muss die Politik jetzt handeln: „Sie muss deutlich sagen: Seelisch kranke Menschen sind in der Regel nicht gemeingefährlich.“

Der Sinziger Psychoanalytiker glaubt, dass die Tat nach derzeitiger Sachlage vielleicht nie aufgeklärt wird. „Wir müssen damit leben lernen, dass es Unerklärbares im menschlichen Sein gibt.“ Dinkelbach selbst bezeichnet die Tat als „das europäische 9/11 aus der Mitte unserer Gesellschaft“. Allerdings könnte der Absturz „in seiner Wirkung noch dramatischer sein, weil der Tat die Rationalität fehlt“. Schließlich hätten die Anschläge am 11. September 2001 einen ideologischen Hintergrund gehabt. Hier gebe es keinen Sinn. „Deshalb ist die Verführung groß, sich auf eine Diagnose festzulegen.“