Archivierter Artikel vom 19.06.2010, 00:00 Uhr

Polen wollen mit Wahl die Trauer überwinden

Warschau -An diesem Sonntag richtet Polen den Blick wieder in die Zukunft. Nachdem die Führungselite des Landes bei einem Flugzeugabsturz im russischen Smolensk ums Leben gekommen war, war das Land in Trauer erstarrt. Mit der Präsidentenwahl wenden sich die Polen wieder nach vorn – doch diesmal ist alles anders.

Die Kandidaten setzen auf Versöhnen statt Spalten.
Die Kandidaten setzen auf Versöhnen statt Spalten.
Foto: dpa

Warschau -An diesem Sonntag richtet Polen den Blick wieder in die Zukunft. Nachdem die Führungselite des Landes bei einem Flugzeugabsturz im russischen Smolensk ums Leben gekommen war, war das Land in Trauer erstarrt. Mit der Präsidentenwahl wenden sich die Polen wieder nach vorn – doch diesmal ist alles anders.

Präsidentenwahl auf Polnisch: Statt Wahlkundgebungen gibt es Wohltätigkeitskonzerte, statt leidenschaftlicher Rededuelle mahnende Aufrufe zu Dialog und Kompromiss, statt Politiker-Auftritten in überfüllten Bierzelten werden Treffen mit Flutopfern auf Deichen organisiert. Kurz vor dem Urnengang erinnert in Polen nichts an den üblichen Wahlkampfbetrieb. Im Warschauer Park Agrykola, wo eine Politveranstaltung geplant war, spielten nun Musiker für Hochwasseropfer. Angriffe auf Rivalen? Fehlanzeige.

Rennen schien entschieden

Anfang April schien der Ausgang des Rennens um das höchste Staatsamt bereits entschieden zu sein. Parlamentspräsident Bronislaw Komorowski (58) wusste als Kandidat der populären Regierungspartei Bürgerplattform (PO) die große Mehrheit seiner Landsleute hinter sich und galt als klarer Favorit. Die Chancen von Amtsinhaber Lech Kaczynski auf eine Wiederwahl wurden sogar von seinen treuesten Anhängern skeptisch bewertet.

Doch wie in einem antiken Drama machte dann das Schicksal allen Polit-Strategen einen Strich durch die Rechnung: Zunächst kam Lech Kaczynski bei einem Flugzeugabsturz ums Leben, einige Wochen später verwüstete das Hochwasser große Teile des Landes. Für den Wahlkampf blieben den Kandidaten nur Wochen statt Monate: Statt erst im Herbst wird schon am Sonntag gewählt.

Für den tödlich verunglückten Präsidenten sprang Zwillingsbruder Jaroslaw Kaczynski (61) ein. Er wolle die Mission des tragisch Verstorbenen vollenden, erklärte der Oppositionsführer. Der nationalkonservative Ex-Regierungschef profitiert von der starken Sympathiewelle für seinen Bruder. Denn Lech Kaczynski, zu Lebzeiten ungeliebt und stark umstritten, wurde nach seinem Tod zum Helden. Ein Mythos war geboren: der eines Politikers, der von den Medien ungerecht behandelt worden und auf dem Weg zur Gedenkstätte für die ermordeten polnischen Offiziere in Russland im Dienst des Landes „gefallen“ war.

Zum „Friedensboten“ gewandelt?

Auf dieser Welle gelang es Jaroslaw Kaczynski, auch bei jenen Wählern zu punkten, die ihn früher ablehnten. Um neue Anhänger zu gewinnen, wandelte er sich quasi zum Friedensboten. Der konservative Flügel der katholischen Kirche und die Gewerkschaft „Solidarnosc“ stellten sich offen auf seine Seite.

Kurz vor der Wahl liegt Komorowski zwar immer noch in den Umfragen vorn. Doch sein Vorsprung vor dem Hauptrivalen, der zu Beginn des Rennens bis zu 20 Prozentpunkte betrug, schrumpfte schnell.

Komorowski wirkte in diesem „stummen Wahlkampf“ („Polityka“) oft wie gelähmt. Er und seine Parteifreunde sahen sich gezwungen, den trauernden Jaroslaw Ka〜czynski zu schonen. Nach dem Tod von Lech Kaczynski musste der Parlamentspräsident kommissarisch die Geschäfte des Staatsoberhauptes übernehmen. Seine Tätigkeit als Übergangspräsident kollidierte oft mit dem Wahlkampf. Darunter litt das Profil des Politikers, der als bodenständig und berechenbar gilt, aber kein Charisma hat.

Kaczynskis altes Gesicht

Jaroslaw Kaczynski weiß allerdings, dass seine konservativen Stammwähler zu viel Freundlichkeit im Umgang mit Komorowski nicht ertragen. Je näher der Wahltag rückt, desto mehr zeigt Ka〜czynski sein altes Gesicht, auch wenn die Sprache sanft bleibt. Wie vor fünf Jahren, als er bei den Parlamentswahlen siegte und sein Bruder das Präsidentenamt eroberte, stellt er auch jetzt sein „solidarisches Polen“ dem „liberalen“ entgegen – und warnt vor einer „totalen Privatisierung“.

Dabei soll das strategische Ziel des Machtmenschen Kaczynski gar nicht das Präsidentenamt sein, wie manche Politologen behaupten. Denn das polnische Staatsoberhaupt hat zwar mehr Kompetenzen – etwa in der Außen- und Sicherheitspolitik – als der deutsche Bundespräsident, doch die wirkliche Macht hat der Premier. Eine knappe Niederlage gegen Komorowski sei für Kaczynski besser als ein Sieg, heißt es. Denn das würde ihm eine ideale Ausgangsposition vor der Parlamentswahl 2011 verschaffen. Der Gegner: Donald Tusk.

Jacek Lepiarz (dpa)