Archivierter Artikel vom 10.04.2010, 08:24 Uhr

Ohne Einheitsgrößen fällt der Durchblick schwer

Die Regale zum Bersten gefüllt, das Angebot bunt und in allen Facetten: Wer in Deutschland einkaufen geht, braucht einen Leitfaden, um nicht im Angebot zu ertrinken. Einige Hersteller machen sich die Unübersichtlichkeit zunutze – für versteckte Preiserhöhungen.

An Grundpreisen orientieren: Verbraucherschützer werfen Herstellern versteckte Aufschläge vor 
 
An Grundpreisen orientieren: Verbraucherschützer werfen Herstellern versteckte Aufschläge vor

Bitterer Beigeschmack: Verpackungstricks und Rechenmogeleien machen dem Verbraucher den Vergleich schwer – dieses Beispiel aus dem Hause Nestlé ist nur ein Beispiel von vielen.
Bitterer Beigeschmack: Verpackungstricks und Rechenmogeleien machen dem Verbraucher den Vergleich schwer – dieses Beispiel aus dem Hause Nestlé ist nur ein Beispiel von vielen.
Foto: Verbraucherzentrale HH

Von unserem Redakteur Peter Lausmann

„Ein Liter Milch, ein halbes Pfund Butter, eine 100-Gramm-Tafel ...“ – viele Maßangaben auf der Einkaufsliste sind über Jahrzehnte sprichwörtlich geworden. Doch damit ist es vorbei. Allein auf den Endpreis schauen hilft vor dem reichhaltig gefüllten Regal nicht mehr. Hintergrund: Die EU will den Handel seit zehn Jahren schrittweise entbürokratisieren. Statt vieler festgelegter Standardgrößen sollte der Grundpreis verpflichtend genannt werden, feste Größen damit überflüssig werden.

Doch die Verbraucherschützer wittern hinter der neuen Vielfalt im Supermarkt „versteckte Preiserhöhungen“ – schleichend würden Größen verringert, während der Endpreis gleich bleibe: „Vor allem bei Design- und Rezepturänderungen greifen die Hersteller darauf zurück“, erklärt Waltraud Fesser von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. Belegt werden die Vorwürfe durch eine Liste der Hamburger Verbraucherschützer (siehe Grafik), die zahlreiche Produkte ausgemacht haben. Unangefochtener Spitzenreiter: Clearasil. Hier schrumpfte die Tube von 30 auf 15 Milliliter – der Preis blieb gleich. Das Produkt kostet also doppelt so viel. In einem anderen Fall war die neue Packung nicht nur modischer und lag besser in der Hand, sondern war bei dieser Gelegenheit auch um ein Fünftel geschrumpft, ohne dass es optisch auffiel.

Industrie verteidigt sich

„Die Verbraucherzentrale zerrt Einzelbeispiele aus einem riesigen Angebot heran“, wehrt sich indes Andrea Moritz vom Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde, der die Ernärhungsindustrie in diesen Fragen vertritt. Da werde derzeit auch viel Stimmung gemacht. Sie plädiert deshalb dafür, nicht hinter jeder Änderung gleich einen Abzockeversuch zu vermuten. „Man muss den Herstellern auch mal glauben, wenn Preiserhöhungen durch eine bessere Rezeptur oder teurere Rohstoffe entstehen“, gibt Moritz zu bedenken.

Viele Änderungen seien zudem durch die Marktforschung belegt: „Wenn eine Firma merkt, dass aus einer Packung immer am Ende ein gewisser Anteil weggeworfen wird, sollte man darauf reagieren“, sagt Moritz. Hinzu kämen die sich ständig ändernde Lebenssituation der Verbraucher und auch die harte Konkurrenz der Hersteller. Moritz: „Jeder Hersteller will das beste Preis-Leistungs-Verhältnis bieten, um am Markt bestehen zu können.“

Doch, so die Verbraucherschützer, allein darauf sollten sich die Konsumenten nicht verlassen – vor allem wenn es ihnen besonders schmackhaft gemacht wird: „Aktionspreise“ oder „Familienpackungen“ seien oftmals teurer, als es die kleineren Packungen zusammen gewesen wären. „Auch wenn plötzlich ,25 Prozent mehr“ auf der Packung steht, muss man nachsehen, ob die Packung vorher vielleicht verkleinert worden ist„, warnt Fesser.

Ähnliches gelte für den Hinweis “Neue Rezeptur„: Auch hier raten die Verbraucherzentralen zu regelmäßigen Vergleichen bei der Zusammensetzung. So könnten beispielsweise Nüsse durch günstigen Ersatz ausgetauscht werden, “was dann letztlich eine Preiserhöhung ist, die über die geminderte Qualität statt die Quantität entsteht„. Fesser rät: “Bei Produkten, die man regelmäßig kauft, lohnt es sich, von Zeit zu Zeit die Zusammensetzung zu überprüfen.„

Zwar gibt es in Deutschland eine Kennzeichnungspflicht, die alle Werte transparent machen soll – doch der Teufel steckt im Detail. “Natürlich muss am Regal der Grundpreis pro Kilo oder pro Liter angegeben werden„, erklärt Fesser, “doch die Schriftgröße ist nicht festgelegt. Folge: Während der Endpreis groß und gut zu erkennen ist, verschwindet der Grundpreis meist sehr klein aus dem Blickfeld. „In einigen Fällen rutscht der Grundpreis sogar so tief auf dem Schildchen, dass er von den Halterungen in der Leiste überdeckt wird“, warnt Fesser. Manche Märkte hätten als Werbegag eine Lupe am Einkaufswagen angebracht, um den Kunden bei der Orientierung zu helfen. Aber das könne nicht die Lösung sein.

Preisplus schwer erkennbar

Ein weiteres Problem für den unaufmerksamen Konsumenten: Zwar müssen alle Produktdaten zu Preis, Zusammensetzung und Nährstoffen angegeben werden, doch bezieht sich dies immer nur auf den Ist-Zustand. Wie sich Preise entwickeln, muss der Kunde hingegen selbst verfolgen – gar nicht so einfach bei dem reichhaltigen und sich ständig ändernden Warenangebot in den Regalen der Märkte.

Doch letztlich – und da sind sich Industrie und Verbraucherschützer einig – kommt es auf den Kunden an: „Man muss aufmerksam sein und vergleichen“, bilanziert Waltraud Fesser, „daran führt kein Weg vorbei.“ Und Andrea Moritz ergänzt: „Alle wichtigen Informationen werden offen gegeben – es liegt am Kunden, sie auch zu nutzen.“