Archivierter Artikel vom 21.09.2015, 21:54 Uhr
Athen

Nach der Wahl Alexis Tsipras’ neue Chance

Darf Alexis Tsipras jetzt wieder als politischer Superstar gelten? Immerhin hat es der griechische Linkspolitiker allen ungünstigen Voraussetzungen zum Trotz noch einmal geschafft: Er hat die Wahlen in seinem Land überraschend klar gewonnen und wird es nun durch schwierige Zeiten führen – wieder mit einem harten Sparprogramm, wieder mit schmerzhaften Reformen. Von einer „Ära Tsipras“ kündete nach der Wahl die Titelschlagzeile der Zeitung „Ta Nea“, einem Blatt der politischen Mitte.

Strahlender Sieger: Der linke Politiker Alexis Tsipras hat die Wahlen in Griechenland klar gewonnen. Nun will er mit den Rechtspopulisten wieder eine „unheilige Allianz“ eingehen und das Land durch die Krise steuern. Foto: dpa
Strahlender Sieger: Der linke Politiker Alexis Tsipras hat die Wahlen in Griechenland klar gewonnen. Nun will er mit den Rechtspopulisten wieder eine „unheilige Allianz“ eingehen und das Land durch die Krise steuern.
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Von Takis Tsafos

Die Griechen vergeben ihm Fehler

Tsipras scheint gemacht zu sein für schwierige Aufgaben. Er hat es mal wieder geschafft, seine Gegner zu überraschen, taktierte im Wahlkampf geschickt mit der Stimmungslage im Volk und wird nun höchstwahrscheinlich wieder von Athen aus regieren dürfen. Dabei zögert er auch diesmal nicht, eine “unheilige Allianz„ mit den Rechtspopulisten zu bilden.

Nach der Ausrufung von Neuwahlen erschien Tsipras zunächst nervös, geriet oft sichtbar ins Schwitzen, büßte seine jungenhafte Lockerheit ein. Manchmal reagierte er verärgert, etwa wenn unbequeme Fragen zur steigenden Arbeitslosigkeit in Griechenland kamen. Doch dann begann der Politcharmeur, die Wähler wieder für sich einzunehmen. Er gab öffentlich zu, als Ministerpräsident Fehler gemacht und auch falsche Personalentscheidungen getroffen zu haben. Tsipras beteuerte: Er habe daraus gelernt und werde nun besser regieren. Viele Wähler scheinen ihm zu glauben – oder zumindest keine bessere Alternative zu sehen.

Fehler hat Tsipras tatsächlich viele gemacht: Als er im Januar triumphal sein Amt als Regierungschef antrat, wollte er das Sparprogramm unbedingt rückgängig machen. Er verhandelte mit den internationalen Geldgebern, vollzog dann eine Kehrtwende, als es schon nach Einigung aussah, und fragte die Griechen in einem Referendum, ob sie das von den Gläubigern vorgeschlagene Spar- und Reformpaket akzeptieren wollen.

Fast 62 Prozent lehnten es ab. Doch was machte Tsipras? Er stimmte zusätzlichen, noch härteren Auflagen zu. Die Renten und Löhne wollte er eigentlich erhöhen – sie wurden gekürzt. Der reichen Elite und den Steuersündern wollte er endlich an den Kragen – sie blieben weitgehend verschont. Tsipras startete als Idealist und wandelte sich zum gewieften Machtpolitiker.

Die Taktik, den Gegner ständig mit strategischen Kniffen zu überraschen, beherrscht Tsipras seit jungen Jahren. Er blickt auf einen klassisch linken Werdegang zurück: Die ersten politischen Schritte machte er als Anführer rebellischer Schüler, schließlich wurde er Mitglied der Kommunistischen Jugend Griechenlands (KNE). Es folgte der Anschluss an die Anti-Globalisierungsbewegung und das damals noch unbedeutende Linksbündnis Syriza.

Vom Protestler zum Regierungschef

Im Sommer 2001 führte ihn sein Engagement mitten hinein in die gewalttätigen Demonstrationen gegen den G 8-Gipfel im italienischen Genua – eine britische Zeitung grub die Bilder aus, die den jungen Griechen am Rande von Auseinandersetzungen mit italienischen Polizisten zeigen. Bei den Zusammenstößen gab es damals mehrere Hundert Verletzte, ein Demonstrant wurde erschossen. Tsipras fand den Weg von den Straßen Genuas in den Athener Regierungssitz.

Der Vater zweier Kinder lebt mit seiner Lebensgefährtin in Kypseli, einem Athener Arbeiter- und Angestelltenviertel. Selten sieht man das Paar zusammen. Peristera Baziana ist politisch aktiv, bleibt aber fast immer im Hintergrund.

Im Hintergrund kann und will sich Tsipras nicht verstecken. Eine “zweite Chance" hat er von den Wählern erbeten. Das angestrebte Mandat hat er jetzt bekommen, bevor die harten Spar- und Reformbeschlüsse des Sommers richtig Wirkung zeigen. Sollte seine neue Regierung als erste seit Jahren die volle Legislaturperiode überstehen, wäre Tsipras endgültig zum politischen Superstar aufgestiegen.