Archivierter Artikel vom 28.09.2015, 20:38 Uhr

Mohammed als Mensch mit Fehlern: Islamkritiker provoziert

Etwa die Hälfte der 800 000 Flüchtlinge, die in diesem Jahr Schutz in Deutschland suchen, sind muslimischen Glaubens. Diesmal will man die Menschen – anders als bei früheren Zuwanderungswellen – schneller und besser integrieren.

Mohammed als Mensch mit Fehlern
Mohammed als Mensch mit Fehlern

Der deutsch-ägyptische Autor Hamed Abdel-Samad drängt darauf, diese Aufgabe nicht den islamischen Verbänden zu überlassen. Politiker und auch die Kirchen hätten Verantwortung, deutlich zu machen, dass Deutschland ein säkulares Land ist, in dem das Grundgesetz für alle gilt – und in dem selbst Kritik am Propheten Mohammed möglich ist.

Abdel-Samad lebt seit seiner letzten Veröffentlichung unter Polizeischutz. Der Titel „Der islamische Faschismus“, in dem er die These vertritt, dass Gewalt und Fanatismus durchaus im Koran selbst angelegt sind, hat einen Geistlichen in Ägypten dazu gebracht, ihn sozusagen für vogelfrei zu erklären. Der 43-jährige Provokateur begreift die Drohung allerdings als Bestätigung der Notwendigkeit seiner Arbeit.

„Ich will erreichen, dass kein Autor oder Zeichner um sein Leben fürchten muss, nur weil er eine Figur kritisiert, die vor 1400 Jahren gestorben ist“, sagt er in einem Interview mit der „Welt“. Die Botschaft an die neu ankommenden Flüchtlinge in Deutschland müsste unmissverständlich lauten: „Dieses Land ist gut, weil es frei ist, seine Bürger sich entfalten können und Glauben Privatsache ist. Das macht dieses Land lebens- und liebenswert.“ Flüchtlinge bräuchten Unterstützung, aber auch von Anfang an klare Regeln. Die deutsche Gesellschaft sei eine ,Mitmachgesellschaft´. Abdel-Samad meint, die Flüchtlinge aus Syrien und aus dem Irak „fliehen doch genau vor dieser islamischen Geisteshaltung, vor dem Hass auf Andersdenkende und ,Ungläubige', vor einer Ideologie, die sich über Jahrhunderte verfestigt hat“. Die Menschen fliehen seiner Ansicht nach aus guten Gründen nach Deutschland, ins Land der „Ungläubigen“ – und eben nicht nach Mekka ins Herz des Islam.

In seinem neuen Buch bleibt er seiner kritischen Haltung treu. „Mohamed. Eine Abrechnung“ ist ein Buch über den Propheten des Islam, der ihn als Menschen in seiner Zeit mit Fehlern und Schwächen zeigt. Hamed Abdel-Samad vertritt darin die These: Erst wenn Mohamed als Figur in seiner Zeit betrachtet wird und die mystische Überhöhung überwunden wird, könnten sich Terroristen wie der Islamische Staat nicht mehr so erfolgreich auf den Werdegang des Propheten berufen. Der Islamwissenschaftler schreibt: „Das Beste, was Muslimen heute passieren könnte, ist es, die Allmacht Mohameds zu überwinden.“

Für viele Muslime dürfte sein neuer Essay allerdings viel Gewöhnungsbedürftiges enthalten. Abdel-Samad stellt es ausgerechnet im muslimisch-geprägten Berliner Stadtteil Neukölln vor, bei der Veranstaltung werden die Taschen der Besucher kontrolliert, vor allen Eingängen stehen Sicherheitsleute.

Ist Abdel-Samad mit seiner teils polemischen Islamkritik schon in der Vergangenheit zu weit gegangen? Die Frage des Moderators ist für ihn absurd: „Ich lebe unter Polizeischutz und fürchte um mein Leben – aber ich gehe zu weit? Haben wir uns so weit umdrehen lassen von der Logik der Fundamentalisten?“ Sein neues Buch, das auf Arabisch in Teilen bereits online veröffentlicht ist, hat schon im Vorfeld eine rege Debatte in der arabischen Welt ausgelöst.Viele junge Muslime würden längst offener über ihren Glauben und die Rolle des Propheten diskutieren als die Gläubigen in Deutschland und anderen Ländern Europas.

In seinem Buch zeichnet der Autor anhand der Überlieferungen über Mohammed und vorliegende Biografien dessen Lebensweg nach. Er beschreibt ihn als verletztes Kind, das wegen der Abwesenheit des Vaters und des frühen Tods seiner Mutter ein Leben lang nach Anerkennung und Identität suchen wird. Er stellt die unerhörte These in den Raum, Mohammed könnte aufgrund mehrerer Andeutungen in den Texten ein uneheliches Kind gewesen sein. Es ist ihm ein Anliegen, den späteren Propheten als Mensch mit Makeln darzustellen. Er möchte ihn als „politisches und moralisches Vorbild für das 21. Jahrhundert diskreditieren“, gibt Abdel-Samad unumwunden zu. Hat er in der Folge auch nur nach Fehlern gesucht?

Eine erste Lektüre deutet nicht darauf hin. Die verschiedenen Teile des Koran sieht Abdel-Samad direkt mit der Lebensgeschichte Mohammeds verknüpft. In den ersten 13 Jahren nach der Offenbarung seien die poetischen, humanistischen, freundlichen Texte entstanden. Später in Medina aber hat er Eroberungskriege geführt, „Ungläubige“ töten lassen und Frauen als legitime Kriegsbeute angesehen. Der Islamische Staat ist aus Sicht Abdel-Samads deshalb „legitimes Kind Mohameds“, solange dieser Teil des Koran keine historisch-distanzierte Einordnung durch Geistliche erfährt.

Der Freiburger Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi, der das Buch mit dem Autor auf der Bühne diskutiert, hält die Vermutung, Mohammed könnte ein uneheliches Kind gewesen sein, zwar für eher abenteuerlich. Insgesamt bescheinigt er Abdel-Samad aber einen sorgfältigen Umgang mit den Quellen. Es sei „ein mutiges Buch“. Abdel-Samad will sich in den nächsten Wochen der Debatte um sein neues Buch stellen, er sucht sie geradezu. „Mein Buch hat ja einen Vorteil. Es ist nicht der Koran, also kann man auch darüber debattieren.“ Humor hat er jedenfalls auch noch. Rena Lehmann