Archivierter Artikel vom 29.01.2011, 10:06 Uhr
Cape Canaveral

Mit der Challenger zerbarsten Träume

Noch heute vi-briert Gene Becketts erregte Stimme, wenn er von dem Tag spricht, an dem das Spaceshuttle Challenger explodierte. „Wir saßen da und starrten fassungslos auf die Bildschirme. Keiner brachte ein Wort heraus.“ Und dennoch, sagt der Nasa-Ingenieur, der den Start der Raumfähre in der Leitzentrale verfolgte, hätten einige da noch geglaubt, dass die Besatzung überlebt haben könnte.

Mit der Challenger zerbarsten Träume
Es war die 25. Space-Shuttle-Mission und der zehnte Flug der Challenger: Am 28. Januar 1986 explodierte die Raumfähre kurz nach dem Start, die Besatzung kam ums Leben.
Foto: Keystone

Von unserem USA-Korrespondenten Frank Herrmann

Mit der Challenger zerbarsten Träume
Noch ist die Welt in Ordnung: Die Raumfähre Challenger wartet auf dem Weltraumbahnhof Cape Canaveral (US-Staat Florida) auf den Start.
Foto: Keystone

Cape Canaveral – Noch heute vi-briert Gene Becketts erregte Stimme, wenn er von dem Tag spricht, an dem das Spaceshuttle Challenger explodierte. „Wir saßen da und starrten fassungslos auf die Bildschirme. Keiner brachte ein Wort heraus.“ Und dennoch, sagt der Nasa-Ingenieur, der den Start der Raumfähre in der Leitzentrale verfolgte, hätten einige da noch geglaubt, dass die Besatzung überlebt haben könnte.

Es war der 28. Januar 1986. Ein kalter Tag, minus drei Grad Celsius, ungewöhnlich kalt für das sonnige Florida. Im Gespräch mit unserer Zeitung erinnert sich Beckett daran, wie viel Routine sich damals schon eingeschlichen hatte. Es war bereits das fünfte Jahr, in dem Raumgleiter in die Umlaufbahn katapultiert wurden und unbeschadet zur Erde zurückkehrten. Die Amerikaner hatten sich an das Spektakel gewöhnt, die Presse allmählich das Interesse verloren.

Die Nasa, die von Kürzungen bedrohte Weltraumbehörde, musste sich etwas einfallen lassen. Auch des Medieneffekts wegen nominierte sie eine siebenköpfige Crew, die so bunt und vielschichtig war wie die Vereinigten Staaten selbst. Ron McNair, ein Afroamerikaner, hatte 1984 bei seiner Shuttle-Premiere ein Saxofon mitgenommen. Ellison Onizuka stammte aus dem exotischen Hawaii. Der Clou aber war, dass erstmals eine Lehrerin mit an Bord ging.

Christa McAuliffe, ausgewählt unter 11 000 Kandidaten, sollte sogar eine Unterrichtsstunde aus dem All geben. Die 37-Jährige sollte Laien das Raumfahrtzeitalter besser erklären, indem sie es aus der Sicht einer Laien-Astronautin darstellte. Jenny Eschen, damals neun Jahre alt, hielt es für ein gutes Omen. „Ich dachte, da kann gar nichts schiefgehen, da ist ja eine Lehrerin dabei.“ Es sollte jedoch anders kommen als erwartet. 73 Sekunden nach dem Start in Cape Canaveral ging die Challenger in einem riesigen Feuerball auf.

Explodiert war der Außentank mit den beiden Feststoffraketen, mit dem die Fähre in der ersten Flugphase verbunden ist. Erstmals lief eine Hightech-Katastrophe live und in Farbe über die Fernsehbildschirme, was den Schock noch vergrößerte. Die Hoffnung, Überlebende zu finden, erwies sich als trügerisch.

Nach sechsmonatiger Auswertung aller Daten kam der Physiker Joseph Kerwin zu dem Schluss, dass die sieben Astronauten direkt nach der Explosion tatsächlich noch am Leben gewesen sein könnten. Ihre Kabine könnte sich vom Rumpf des Gleiters gelöst und noch 25 Sekunden lang von der Erde entfernt haben, bevor sie ihren Sturzflug antrat. Erst beim Aufprall auf dem Atlantik, schlussfolgerte Kerwin, könnte die Mannschaft verunglückt sein. Wie Experten herausfanden, waren die Dichtungsringe an einer der beiden Feststoffraketen beschädigt. Die untypisch niedrigen Temperaturen hatten zu dem Defekt beigetragen.

Die Katastrophe am heiteren Himmel, sie erschütterte den Glauben daran, dass Missionen im All so alltäglich wie Flugreisen werden konnten. Ein kosmischer Lastwagen sollte der Shuttle sein, so jedenfalls wurde er von der Nasa angepriesen. „Wir redeten über einen Flug alle sieben Tage“, beschreibt Beckett die Illusionen der Pionierphase. Gedacht war das wiederverwendbare Vehikel als Transporter für Satelliten, bis zu acht Satelliten in einem Ritt. Auch das änderte sich mit dem Challenger-Fiasko. Satelliten konnte man auch mit Raketen ins All schießen, niemand war mehr bereit, dafür ein Menschenleben zu riskieren.

Nach dem Desaster dauerte es zweieinhalb Jahre, bis die Nasa wieder eine Raumfähre einsetzte. Und als 2003 die Columbia beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre auseinanderbrach, war ein Ende des Kapitels abzusehen. Zwei Jahre darauf gab George W. Bush das Auslaufen des Programms bekannt; dafür sollten US-Astronauten wieder auf dem Mond landen. Barack Obama stellt das Ziel, bis 2035 den Mars in einer bemannten Raumkapsel zu umkreisen. Den Shuttle hat auch der 44. Präsident abgehakt. Voraussichtlich im Juni – Starttermine werden häufig verschoben in Cape Canaveral – soll der letzte auf der Rampe stehen.