Archivierter Artikel vom 24.03.2014, 06:00 Uhr

Misshandlung: Die eigenen Eltern werden zur Gefahr

Der Tod des kleinen Mädchens Yagmur in Hamburg scheint die beiden Rechtsmediziner Michael Tsokos und Saskia Guddat nur zu bestätigen. Die Dreijährige wurde seit ihrer Geburt von den Behörden in ihrer Familie betreut, im Dezember starb sie, schwer misshandelt von den eigenen Eltern, an inneren Blutungen.

Rechtsmediziner Michael Tsokos prangert Misshandlung von Kindern in Deutschland an: Das Hilfesystem hat versagt
Rechtsmediziner Michael Tsokos prangert Misshandlung von Kindern in Deutschland an: Das Hilfesystem hat versagt
Foto: picture alliance

Seit Wochen ist das Buch der Rechtsmediziner mit dem provokanten Titel „Deutschland misshandelt seine Kinder“ ganz vorn auf den Bestseller-Listen. Die Mediziner prangern das deutsche Hilfesystem an. Für Jugendämter und freie Träger gäbe es keinen Anreiz, frühzeitig einzugreifen. Kinderärzte schauten zu oft nicht genau genug hin. Kinder müssten schneller aus der Familie genommen, Eltern härter bestraft werden. Jugendämter und Kinderärzte halten die Anklage für „zu pauschal“. Doch Charité-Professor Michael Tsokos verteidigt sein Buch gegen die Kritik. Das Interview:

Herr Tsokos, Sie obduzieren Kleinkinder und Säuglinge, die zu Tode misshandelt wurden. Wie kann man eine solche Arbeit auf Dauer aushalten?

Ich mache das jetzt knapp 20 Jahre. Mittlerweile geht mir jeder Fall mehr an die Nieren. Ich sehe, wie behütet meine Kinder aufwachsen. Und ich sehe in meinem Beruf Kinder, die genauso alt sind und ihr ganzes Leben lang nichts anderes als Schläge erfahren haben. Bei mir ist jetzt der Punkt erreicht, wo ich versuchen möchte, etwas zu verändern. Das ist für mich eine Mission geworden.

Die gefährlichsten Personen für Kinder sind Vater und Mutter, schreiben Sie. Das werden die meisten Eltern weit von sich weisen ...

Es ist eben meist nicht der ominöse Fremde, der ein Kind im Landschulheim entführt und tötet. Bei den 160 Kindern, die in Deutschland jährlich Opfer eines Tötungsdelikts werden, stammt der Täter in mehr als 90 Prozent der Fälle aus dem direkten familiären Umfeld. Das belegt ganz klar die Statistik.

Wie kann man erkennen, dass ein Kind misshandelt wird?

Als aufmerksamer Bürger oder Nachbar kann man schon etwas tun. Sind das Freuden- oder Schmerzensschreie, die ich nebenan aus der Wohnung höre? Ist das Kind des Nachbarn nicht überdurchschnittlich oft mit blauen Flecken übersät? Was für ein Verhalten legt ein Kind an den Tag? Anzeichen können sein, dass es übermäßig zutraulich ist. Misshandelte Kinder haben gelernt, dass sie mit Angst und Schreien und Weinen nicht weiterkommen. Also versuchen sie, mit Lächeln und Zuneigung zu entwaffnen. Wir wollen nicht zu Denunziantentum aufrufen, aber wir wollen, dass mündige Bürger die Augen aufmachen.

Haben Fälle wie Kevin nichts verändert?

Wir wissen aus der Forschung, dass auf jedes erkannte Tötungsdelikt ein nicht erkanntes Tötungsdelikt kommt. Die Zahl von 200 000 misshandelten Kindern wurde uns vom Deutschen Kinderschutzbund bestätigt. Unsere Zahlen sind die amtlichen Zahlen. Wenn der Staat viel mehr tut als früher, warum gehen diese Zahlen dann nicht zurück?

Warum ist das Thema nicht längst überall Chefsache?

Es ist kein Thema, mit dem man sich als Politiker beliebt machen kann. Es ist schwer umzusetzen, und sie werden nicht in einer Legislaturperiode Erfolg damit haben. Um unser Kinderschutzsystem umzukrempeln, bräuchte man zehn Jahre Zeit.

Wie müsste es denn umgekrempelt werden?

Das System hat einfach viele Schwachstellen. Auf der einen Seite ist es gut, dass wir das Jugendamt als Wächter des Kindeswohls haben. Das Jugendamt kann aber nicht alles übernehmen, sondern muss vieles an freie Träger im Rahmen der Jugendhilfe auslagern. Die bekommen Geld dafür, dass sie sich der Kinder in den Familien annehmen. Sie bekommen aber nur so lange Geld, wie das Kind auch in der Familie ist. Da ist eine ganz klare finanzielle Abhängigkeit. Den Mitarbeitern bleibt deshalb gar nichts anderes übrig, als das Kind so lange wie möglich in der Familie zu halten. Außerdem wechseln in Jugendämtern häufig die Zuständigkeiten. Der Einzelne ist häufig überfordert von der Vielzahl der Fälle, um die er sich kümmern muss.

Sie sprechen davon, dass Jugendämter Misshandlungen sogar „begleiten“. Wie kommen Sie zu dieser Annahme?

Wenn ich ein Kind obduziere, das an einer Misshandlung gestorben ist, dann ist es meist ein Kind, bei dem seit Monaten oder sogar Jahren bekannt ist, dass es schwersten Misshandlungen durch die Eltern oder Stiefeltern ausgesetzt ist. Das ist nichts, was aus heiterem Himmel kommt, sondern es ist immer bekannt. Am Ende heißt es aber immer in der pauschalen Beurteilung durch das Jugendamt: „Wir haben alles richtig gemacht.“ Wo hat man denn alles richtig gemacht, wenn vor mir das tote Kind auf dem Sektionstisch liegt?

Das Recht der Eltern, ihre Kinder zu erziehen, ist geschützt, weil man den Staat nicht unbedingt für den besseren Erzieher hält. Wann ist für Sie die Grenze erreicht?

Die rote Linie ist für mich überschritten, wenn ein Kind in seiner Gesundheit beeinträchtigt wird. Wir wissen, dass misshandelte Kinder in ihrem späteren Leben selbst häufiger ihre Kinder misshandeln, häufiger Suizid begehen, häufiger psychische Erkrankungen bekommen, häufiger abhängig werden. Wenn es Misshandlung gibt, steht für mich ganz klar das Kindeswohl an erster Stelle und nicht das Elternrecht. Das tut es in Deutschland aber bisher nicht.

Gibt es eine Scheu, Kinder aus den Familien zu nehmen?

Ganz sicher. Es liegt auch an unserer Erfahrung des Nationalsozialismus oder der DDR, dass die Familie bei uns massiv geschützt ist vor staatlichem Eingriff. Auch Kinderärzte müssten entschiedener handeln. Wenn es bei einem Kind Verletzungen gibt, für die ein Arzt keine Erklärung hat, oder wenn er Misshandlung vermutet, sollte er das Kind zur genauen Untersuchung an eine Klinik verweisen. Dort kann man viel genauer untersuchen, und oft gibt es dort eine Kinderschutzgruppe, die das in die richtigen Bahnen lenkt.

Warum versagt das System bisher?

Ich werfe dem System insgesamt Versagen vor, aber nicht den einzelnen Mitarbeitern im Jugendamt. Aber wenn ich nun dauernd höre, der Kinderschutz würde effizienter, dann möchte ich das bitte auch in Zahlen belegt haben. Wir verharren aber in Deutschland auf einem konstant hohen Niveau.

Woran liegt es, dass nicht früher eingegriffen wird?

Bei dem Mädchen Yagmur in Hamburg war bekannt, dass es misshandelt wird. Der Rechtsmediziner, der es untersucht hat, hat sogar Strafanzeige erstattet. Aber das Ermittlungsverfahren ist eingestellt worden. Drei Wochen später war das Kind tot. Kevin ist auch vor den Augen des Jugendamts bei seinem drogenabhängigen Vater zu Tode gekommen. Es liegt daran, dass Menschen anderen erst mal unterstellen, dass so etwas eigentlich nicht möglich sein kann.

Wie kommt es dazu, dass Eltern ihre Kinder misshandeln?

Ich will gar nicht alle Eltern, die ihre Kinder schlagen, zu bösen Menschen erklären. Ganz oft spielt Überforderung eine Rolle. Es ist menschlich, dass einige Menschen mit Gewalt auf eigene Probleme reagieren. Wir müssen deshalb das Problem an der Wurzel packen. Die Probleme der Eltern, die misshandeln, müssen wir angehen.

Was erwarten Sie von der Politik?

Die Probleme müssten parteienübergreifend angegangen werden. Die viel geforderte „Kultur des Hinschauens“ halte ich für eine Politiker-Floskel. Die muss endlich mal mit Leben gefüllt werden.

Das Gespräch führte Rena Lehmann

Michael Tsokos/Saskia Guddat: Deutschland misshandelt seine Kinder. Droemer, 256 Seiten, 19,99 Euro