Archivierter Artikel vom 14.10.2011, 09:28 Uhr

Mini-Wachstum – aber kein Absturz

Harter Dämpfer, aber keine Rezession: Die Schuldenkrisen in Europa und den USA bremsen den Aufschwung im kommenden Jahr ab, ohne ihn völlig zu beenden. Nach zwei Jahren XL-Wachstum muss sich die deutsche Wirtschaft dann mit einem mageren Plus von 0,8 Prozent begnügen, erwarten die führenden Forschungsinstitute.

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Harter Dämpfer, aber keine Rezession: Die Schuldenkrisen in Europa und den USA bremsen den Aufschwung im kommenden Jahr ab, ohne ihn völlig zu beenden. Nach zwei Jahren XL-Wachstum muss sich die deutsche Wirtschaft dann mit einem mageren Plus von 0,8 Prozent begnügen, erwarten die führenden Forschungsinstitute.

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„Wir haben zunehmend Schleifspuren in der Konjunktur“, sagt Roland Döhrn vom Rheinisch-Westfälischen Wirtschaftsforschungsinstitut (RWI) in Essen.

Warnende Worte, aber keine Panikmache: Die Fachleute stimmen mit ihrem Herbstgutachten in das Lied ein, das schon bei anderen angeklungen ist. So sagte Bundesbankpräsident Jens Weidmann kürzlich: „Es gibt Risiken, dass die Turbulenzen an den Finanzmärkten langsam auch auf die realwirtschaftliche Lage übergreifen.“ Und fügte hinzu: „Eine erneute Rezession ist meines Erachtens aber unwahrscheinlich.“ Auch Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise betonte vor wenigen Tagen, er rechne nicht mit einer Rezession, also einem Schrumpfen der Wirtschaftsleistung. Stattdessen deutet sich aus seiner Sicht lediglich eine „Wachstumspause im Winterhalbjahr“ an. Das Fazit von Bundesbankpräsident Weidmann: „Die Lage ist derzeit deutlich besser als die Stimmung.“

Wirtschaftsdaten sind robust

Darauf deuten auch die jüngsten Wirtschaftsdaten hin. Nach zwei mageren Monaten sind die deutschen Exporte im August überraschend deutlich gestiegen. Im Monatsvergleich legten die Ausfuhren kalender- und saisonbereinigt um 3,5 Prozent auf einen Wert von 73,5 Milliarden Euro zu, wie das Statistische Bundesamt berichtet. Volkswirte hatten mit einem deutlich geringeren Zuwachs von nur 1,1 Prozent gerechnet. „Die deutsche Exportwirtschaft hat auch im August ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt“, kommentierte Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) das Ergebnis.

Zudem strotzen beispielsweise die Maschinenbauer vor Selbstbewusstsein. Im August gingen bei den meist mittelständischen Unternehmen real 14 Prozent mehr Aufträge ein als vor einem Jahr, vermeldet der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) voller Stolz. Chefvolkswirt Ralph Wiechers: „Die Umsätze bewegen sich auf einem hohen Niveau, die Auftragseingänge reißen nicht ab.“ Zudem stellt die Branche weiter Personal ein: „Es gibt wirklich keinen Grund zu klagen.“

Die Elektroindustrie stimmt ein. „2012 dürften wir ein Produktionsplus von 5 Prozent schaffen“, kündigte der Präsident des Zentralverbands Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI), Friedhelm Loh, vor Kurzem an. Allerdings auch mit der Einschränkung, die derzeit alles überschattet: „wenn die Staaten vor allem in Europa ihre Schuldenprobleme in den Griff bekommen“.

Der Deutsche Industrie- und Handelskammerstag (DIHK) ist zuversichtlich, dass die Wirtschaft hierzulande der Schuldenkrise trotzen kann. „Alles in allem gehen wir weiter von positiven Wachstumsraten aus“, sagte DIHK-Konjunkturfachmann Dirk Schlotböller. Zwar sieht auch er eine „deutliche Verlangsamung“. Das sei aber nicht ungewöhnlich nach zwei so guten Konjunkturjahren.

Und auch die Beschäftigten müssen sich vorerst offenbar keine großen Sorgen machen. Frank-Jürgen Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit, demonstrierte bei der Vorstellung der September-Zahlen Gelassenheit. „Nach unserer Einschätzung wird sich die Abkühlung der Konjunktur nicht so gravierend auf den Arbeitsmarkt auswirken, wie manche befürchten.“ Zur Begründung verwies Weise auf Umfragen der örtlichen Arbeitsagenturen: Vor allem Mittelständler hätten von einer weiterhin guten Auftragslage berichtet.

Löhne dürften wieder steigen

Und: Die Arbeitnehmer können sich erneut auf höhere Löhne freuen. Im kommenden Jahr dürften die tariflichen Stundenlöhne um 2,5 Prozent steigen, heißt es im Herbstgutachten. „Die Lohn- und Gehaltsrunde 2011 ist weitgehend abgeschlossen, mit vielen Vereinbarungen, die auch das Jahr 2012 betreffen.“ Steigende Einkommen stützen den Konsum.

Die Unternehmensberatung Roland Berger zeigt sich ohnehin viel optimistischer als die führenden Forschungsinstitute: Sie hält auch im kommenden Jahr 3 Prozent Wachstum für möglich. Falls sich die Lage in den USA bessert – und die Schuldenkrise gelöst wird.