Archivierter Artikel vom 31.08.2015, 21:57 Uhr

Merkel: Das hat mich berührt

Zuletzt häuften sich diese Momente. Die Konfrontationen mit dem Einzelschicksal. Mitte Juli steht ein weinendes Mädchen palästinensischer Abstammung vor Angela Merkel (CDU), die Bundeskanzlerin kommt ins Stocken. Sie streichelt dem Mädchen die Wange und erklärt ihm kaum kindgerecht, warum Deutschland nicht alle Flüchtlinge bei sich aufnehmen kann.

dpa

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Zuletzt häuften sich diese Momente. Die Konfrontationen mit dem Einzelschicksal. Mitte Juli steht ein weinendes Mädchen palästinensischer Abstammung vor Angela Merkel (CDU), die Bundeskanzlerin kommt ins Stocken. Sie streichelt dem Mädchen die Wange und erklärt ihm kaum kindgerecht, warum Deutschland nicht alle Flüchtlinge bei sich aufnehmen kann.

In der vergangenen Woche wird Merkel in Heidenau von einer Frau vor einem Flüchtlingsheim als „Volksverräterin“ und schlimmer noch beschimpft. Überall begegnen ihr jetzt Emotionen. Die Flüchtlingsfrage ist ins Zentrum der Kanzlerschaft Angela Merkels gerückt. Für die deutsche Regierungschefin, die gern sachlich analysiert und pragmatische Lösungen sucht, wird das Thema zur größten Herausforderung. Es verlangt nach einer anderen Sprache als andere Krisen.

Es hat lange gedauert bis Merkel sich des Themas überhaupt persönlich angenommen hat. Sie hat nie ein Flüchtlingsheim besucht, abseits von Gipfeln nie Stellung bezogen. Erst seit einigen Tagen wird sie deutlicher. Bei der jährlichen Sommer-Pressekonferenz in Berlin pflegt sie für gewöhnlich eingangs einen Überblick zu allen aktuellen Themen der Bundesregierung zu geben. Diesmal aber spricht sie ausschließlich über Flüchtlinge. Anfang vergangener Woche hatte sie nach den Übergriffen auf Flüchtlinge in Heidenau in einer Pressekonferenz noch die gleichen knappen Worte vom Zettel abgelesen, die ihr Regierungssprecher schon am Mittag vorgetragen hatte. Das wirkte seltsam unbeteiligt. Jetzt will sie offenbar ein anderes Signal setzen.

„Ich will heute etwas sagen zu den vielen Menschen aus aller Herren Länder, die bei uns Zuflucht suchen“, sagt sie. Die Bundeskanzlerin betont, dass die „allermeisten von uns das Gefühl von Flucht zum Glück nicht kennen“. Die Menschen aber, die aus den Krisenregionen kommen, müssten „Situationen aushalten, die viele von uns zusammenbrechen ließen“. Das alles geschehe, „während wir hier in sehr geordneten Bahnen leben“. Für alle, die in Deutschland Zuflucht suchen, gelten die Grundrechte, stellt Merkel klar. Menschen, die Flüchtlingsheime angreifen, kritisiert sie scharf: „Sie werden die ganze Härte des Gesetzes erfahren.“ Und: „Es gibt keine Toleranz gegenüber denen, die die Würde des Menschen mit Füßen treten.“

Den Zuwachs an Flüchtlingen beschreibt sie dann aber auch, ganz typisch Merkel, als eine weitere Herausforderung unter vielen, die Deutschland meistern werde. „Wir stehen vor einer großen nationalen Aufgabe. Deutsche Gründlichkeit ist super, aber es wird jetzt deutsche Flexibilität gebraucht.“ „Wir haben so vieles geschafft, wir schaffen auch das“, sagt sie in ihrem vorbereiteten Eingangs-Statement. Mancher hätte sich solche deutlichen Worte von ihr früher gewünscht. So wirkt es einmal mehr, als hätte sie sich erst notgedrungen dazu entschieden.

Die sommerliche Pressekonferenz gerät zu einer neuen Lehrstunde über ihr Rollenverständnis. Sie trägt wie immer einen leicht taillierten Blazer mit Knöpfen, ihre Uniform, die immer nur in der Farbe changiert, diesmal in flamingo-rosa. Wie es für sie war, als sie von der Frau in Heidenau so ausfallend beschimpft wurde? Die Bundeskanzlerin antwortet: „Es gehört dazu, dass man als Politiker auch mal beschimpft wird. Das ficht mich nicht an.“

Auf die Begegnung mit der 14-jährigen Palästinenserin Reem angesprochen, räumt Merkel zwar ein: „Das hat mich berührt.“ Die Begegnung stünde aber „exemplarisch für sehr viele“. Gemeint ist wohl: Eine Regierungschefin denkt nicht in Einzelschicksalen, sie muss immer das große Ganze im Blick behalten, ob in der Euro-Krise oder angesichts Millionen verzweifelter Flüchtlinge, die nach Europa streben. „Das gehört zu meiner Arbeit, dass es Dinge gibt, die sehr heftig sind“ – ob sie mit Angehörigen von einem in Afghanistan getöteten Bundeswehrsoldaten spricht oder mit Flüchtlingen, führt Merkel aus. „Es geht darum, jedes Einzelschicksal ernst zu nehmen und trotzdem auf Regeln und Gesamtzusammenhänge zu schauen.“

Angela Merkel, 61 Jahre alt und offenbar gewillt, für eine weitere Amtszeit zu kandidieren, löst offenbar noch die emotional heikelsten Situationen mithilfe ihres Amtsverständnisses auf. Viele Flüchtlinge denken, so erzählt sie, dass sie der Bundeskanzlerin ihr Anliegen nur persönlich vortragen müssten, damit „die Sache läuft“. Aber so sei das eben gerade nicht in Deutschland. „Wir versuchen, ein Rechtsstaat zu sein.“ Auch sie könnte nichts daran ändern, wie im Einzelfall entschieden wird.

Nachhallende Sätze hat sie auch in dieser Pressekonferenz noch nicht gefunden. „Versagt Europa in der Flüchtlingsfrage, wäre es nicht mehr das Europa, wie wir es kennen“, sagt sie. Das zumindest erinnert an ihren Satz aus der Euro-Krise: „Scheitert der Euro, dann scheitert Europa.“ Die Analogie spricht dafür, dass Flüchtlinge jetzt wirklich Priorität haben.