Archivierter Artikel vom 08.09.2010, 08:52 Uhr
München

Mario Adorf – graue Eminenz des deutschen Films

Er ist so etwas wie die graue Eminenz des deutschen Films: Mario Adorf hat mehr als 120 Film- und Fernsehrollen gespielt und ist einer der wenigen aus der deutschen Filmbranche, die es zum Weltstar gebracht haben. Mit jetzt 80 Jahren sagt er aber: „Die Show muss mal zu Ende sein.“

Mario Adorf – graue Eminenz des deutschen Films
Mario Adorf schrieb Filmgeschichte. Unser Streifen zeigt Szenen aus: „Nachts, wenn der Teufel kam“ (von links), „Die Blechtrommel“, „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, „Der große Bellheim“ und „Rossini“.
Foto: dpa, Illustration: Svenja

München – Er ist so etwas wie die graue Eminenz des deutschen Films: Mario Adorf hat mehr als 120 Film- und Fernsehrollen gespielt und ist einer der wenigen aus der deutschen Filmbranche, die es zum Weltstar gebracht haben. Mit jetzt 80 Jahren sagt er aber: „Die Show muss mal zu Ende sein.“

Wenn die großen Stars aus Film und Fernsehen in die Jahre kommen, dann betonen sie oft, sie dächten gar nicht ans Aufhören und könnten nicht leben ohne Bühne und Scheinwerferlicht. Der große Mario Adorf sagt das nicht. Heute feiert er seinen 80. Geburtstag. Zuvor erklärte er: „Die Show muss nicht immer weitergehen.“ Man müsse sich auch eine Pause gönnen.

Seine Erscheinung ist auch im Alter imposant wie eh und je. Im vergangenen Jahr stand er in Lübeck für den ARD-Zweiteiler „Der letzte Patriarch“ vor der Kamera, in dem er den Lübecker Marzipanfabrikanten Konrad Hansen spielt. Am Freitag wird der Film im Ersten ausgestrahlt. Und sein nächstes Projekt hat er auch schon in Angriff genommen: Er plant eine Komödie zur Wende.

Geld für Pinsel war knapp

Adorf, der 1930 als unehelicher Sohn einer Röntgenassistentin und eines Chirurgen aus dem italienischen Kalabrien geboren wurde, wuchs in Mayen im Kreis Mayen-Koblenz auf und begann seine beeindruckende Schauspielkarriere schon während seines Studiums der Philosophie und Theaterwissenschaften in Mainz und Zürich – obwohl er eigentlich lange mit der bildenden Kunst geliebäugelt hatte und gern Bildhauer geworden wäre.

Als nach dem Zweiten Weltkrieg das Geld für Pinsel, Farben und Leinwand knapp wurde, entschied er sich anders und ergatterte einen begehrten Platz an der Otto-Falckenberg-Schule in München. Dann bekam er ein festes Engagement bei den Münchner Kammerspielen. Der große Durchbruch als Film-Schauspieler gelang ihm 1957 als brutaler Massenmörder in dem Film „Nachts, wenn der Teufel kam“ von US-Regisseur Robert Siodmak. Diese Rolle bescherte Adorf neben dem Bundesfilmpreis auch ein Image: Jahrelang war er auf die Darstellung von Schurken und Ganoven festgelegt. In „Winnetou I“ ermordete er in der Rolle des bösen Widersachers Winnetous Schwester Ntscho-Tschi.

Nachdem Adorf, der fließend Deutsch, Italienisch, Französisch und Englisch spricht, in den 60er-Jahren vor allem in italienischen Filmen mitgespielt hatte, wandte er sich in den 70er-Jahren wieder dem deutschen Film zu und stand unter anderem für Volker Schlöndorffs oscarprämierte „Blechtrommel“ vor der Kamera.

Satire und Schickeria

Im Fernsehen begeisterte er ein großes Publikum in Produktionen wie „Der große Bellheim“ von Regisseur Dieter Wedel oder der Münchner Schickeria-Serie „Kir Royal“ von Helmut Dietl, der ihn auch für die bitterböse Gesellschaftssatire „Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief“ vor die Kamera holte. Die meisten seiner Filme seien aber schon in Vergessenheit geraten, sagte Adorf einmal in einem Interview. „Wenn von den Filmen noch ein Dutzend übrig bleibt, wäre ich sehr zufrieden.“

Für viele dieser Filme ist Adorf mit Ehrungen überhäuft worden. Es gibt kaum eine Auszeichnung der Branche, die er noch nicht bekommen hat. Bescheiden gibt er sich dennoch. Als er 2009 bei der Verleihung des Entertainment-Preises „Diva“ für sein Lebenswerk geehrt wurde und in die „Hall of Fame“ einzog, scherzte Adorf, der sich auf seiner Homepage als „Schauspieler, Autor, Kosmopolit“ beschreibt: „Das klingt für mich ein bisschen wie Wachsfigurenkabinett.“

Adorf, der 1995 und 2001 auch mit zwei ausverkauften Chanson-Tourneen große Erfolge feierte, bekam aber nicht nur unzählige Film- und Fernsehpreise.

Im Jahr 2001 erhielt er auch noch das Große Bundesverdienstkreuz, 2008 den „Orden wider den tierischen Ernst“ des Aachener Karnevalsvereins. Außerdem wurde er in diesem Jahr zum Bartträger des Jahres ernannt. Die Jury urteilte: „Er ist ein Vorzeige-Bartträger par excellence, national und international.“ Vor wenigen Wochen verlieh ihm seine ehemalige Universität Mainz die Ehrendoktorwürde „für sein beeindruckendes Lebenswerk“.

„Sie haben – um nur einige wenige Highlights herauszugreifen – die deutsche und europäische Filmgeschichte über Jahrzehnte entscheidend mit geprägt und in hohem Maße zum theaterkulturellen Wiederaufbau der Bundesrepublik Deutschland beigetragen“, hieß es in dem Brief der Universität an Adorf, der heute mit seiner Frau in München lebt.

Noch immer voller Kraft

Ihm ist sein Alter nicht anzumerken. Kraftvoll schreitet er heute noch über die roten Teppiche in München, mit Sport hat er sich immer fit gehalten. Jetzt, mit stolzen 80 Jahren, macht er sich aber doch allmählich Gedanken über das Altwerden. In einem Interview sagte er jetzt: „Wenn es auf ein immer absehbareres Ende zugeht, ist das nicht berauschend.“

Britta Schultejans