Archivierter Artikel vom 17.04.2015, 06:07 Uhr
Mainz

Leben mit Natur und Jahreszeiten: Die Bäumlinge erobern den Wald

„Gehen wir zum Kullerplatz oder zum Esskastanienplatz?“, fragt Carina Engel die 19 Kinder um sich herum. Die Gruppe unter der Plane hinter dem Bauwagen stimmt mit den Füßen ab, der Esskastanienplatz gewinnt. Gleich stellen sich die Kinder auf, packen ihre Jacken und Rucksäcke.

Im Mainzer Lennebergwald toben die Kinder des Waldkindergartens „Die Bäumlinge“. Der Wald schult die Fantasie der Kinder, und die Bewegung macht sie fit.
Im Mainzer Lennebergwald toben die Kinder des Waldkindergartens „Die Bäumlinge“. Der Wald schult die Fantasie der Kinder, und die Bewegung macht sie fit.
Foto: Eßling

Von unserer Mitarbeiterin Gisela Kirschstein

Alle hier tragen robuste Kleidung, auch die Erzieher. Der Kindergarten „Die Bäumlinge“, ist ein Waldkindergarten. Treffpunkt der Kinder ist ein alter Bauwagen, ihr Spielplatz der Lennebergwald bei Mainz.

Kontrast zur Stadt

Eine Elterninitiative hatte die Einrichtung vor mehr als elf Jahren gegründet. Sie ist eine von 32 Waldkindergärten im Land. „Es ist bewusst ein Kontrast zum Stadtleben“, sagt Carina Engel, leitende Erzieherin des Waldkindergartens. Die Eltern wollen, dass ihre Kinder wenigstens während der Kindergartenzeit draußen sind, Natur erleben, Bäume und Tiere mit allen Sinnen kennenlernen. Für viele Kinder ist das alles andere als normal. Fast jedes zweite Kind zwischen vier und zwölf Jahren ist zum Beispiel noch nie selbstständig auf einen Baum geklettert. Wildtiere in ihrer natürlichen Umgebung zu erleben, ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr.

„Für ein Stadtkind kommt die Wurst aus der Verpackung“, sagt Carina Engel. Das könnte den Waldkindergartenkindern nicht passieren: Sie erleben schon mal mit, wie der Förster ein Reh zerlegt, schockierend sei das für die Kleinen nicht, sondern ganz natürlich, erzählt die Erzieherin.

Antwort C ist richtig. Mauersegler können während des Fliegens schlafen.

2. Wie viel Prozent aller Tierarten sind Insekten?A) rund 10 ProzentB) rund 30 ProzentC) rund 60 Prozent

3. Wo wird pro Quadratmeter am meisten CO2 gespeichert?A) MooreB) RegenwaldC) Ozeane

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4. Zu welchem Baum gehört dieses Blatt?A) AhornB) KastanieC) Rotbuche

5. Welches Tier jagt der Luchs hauptsächlich?A) WildschweineB) NagetiereC) Rehe

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6. Wann sollte eine artenreich genutzte Wiese gemäht werden?A) SpätsommerB) HerbstC) WinterDiese Lösung ist leicht, oder? Natürlich dann, wenn alle Samen fliegen konnten und für die Blüte im nächsten Jahr vorgesorgt ist – im Spätsommer: 6 A)

Gerald Bernard -

Die Kinder lieben den Wald. „Da liegen Stöcke rum und Steine“, sagt Vincent. Damit kann man Tipis bauen wie die Indianer oder Pfeil und Bogen, erklärt das Kind. Und wenn es regnet? „Dann ziehen wir eine Regenjacke an“, sagt Vincent und schaut verdutzt, wie man so was Dummes fragen kann. Die Kinder hier leben mit den Jahreszeiten. „Unsere Kinder sind wesentlich seltener krank“, sagt Engel, auch Läuse seien im Waldkindergarten überhaupt kein Thema.

Im Wald geht es sofort ans Forschen und Entdecken: Die Kinder sammeln Stöcke und Steine, beobachten Käfer auf einem Baumstamm oder schauen, ob sich im selbst gebauten Nistkasten schon was tut. „Da ist jetzt wohl jemand eingezogen“, sagt Engel zufrieden. Erzieher Christopher baut an einem schräg liegenden Baumstamm mit einigen Kindern eine Hütte aus Zweigen, andere „Bäumlinge“ graben derweil im Waldboden.

Waldkinder halten zusammen

Käfer, Würmer, Insekten – für die Kinder sind sie ein Erlebnis. „Die Kinder bauen Paradiese für die Insekten“, erzählt Engel. Scheinbar einfache Dinge erhalten mehr Aufmerksamkeit: Die Rinde eines Baumes, einen Stock von einem anderen unterscheiden, Blätter und Bäume kennen. Auch den Umgang untereinander lobt Carina Engel, der Zusammenhalt in der Gruppe sei so groß, wie sie es noch in keinem Kindergarten erlebt habe.

Umfrage
Naturwissen – ist das nötig?

Ist die Frage absurd und selber unnötig? Leider ist das nicht ganz so einfach, denn warum machen sich so wenige heutzutage noch schlau in Sachen heimische Flora und Fauna?

Der Biounterricht in der Schule hat's versaut...
16%
56 Stimmen
Kinder kommen ja kaum noch vor die Tür vor lauter Medien!
61%
220 Stimmen
Romantische Naturbeobachtung entspricht nicht mehr unserem Lebensgefühl.
3%
11 Stimmen
Ich liebe die Natur und kenne mich gut aus!
19%
68 Stimmen
TV-Dokus reichen völlig aus – draußen in Wald und Feld ist's mir eher langweilig.
1%
3 Stimmen
Helga Berger überraschen solche Aussagen nicht. „Kinder haben den Umgang mit der Natur nicht verlernt, er ist ihnen immanent, wird ihnen aber aberzogen“, sagt die Landschaftsarchitektin aus Klingenmünster, die seit 1992 naturnahe Kinderspielgelände entwickelt und baut. Die Elemente Erde, Wasser und auch Feuer haben für Kinder eine große Anziehungskraft, weiß Berger: Erde zum Beispiel wird durch Wasser zu Ton oder zu Matsch, für Kinder eine tolle Erfahrung.

Berger sagt, dass von Menschen hergestellte Spielgeräte viel stärker vorgeben, was genau man damit spielen soll. In der Natur hingegen könnten Kinder „eigene Spiele erfinden und so lernen, auf Herausforderungen kreativer zu reagieren“. Das fördere die Fantasie und die Intelligenz, sagt Berger, denn Intelligenzentwicklung gehe mit Bewegungsanreizen einher. Erwachsene greifen ihrer Meinung nach zu früh ein, wenn sich Kinder dreckig machen: „Wir haben inzwischen in den Kitas die Barbiegeneration als Erzieherinnen. Die ekeln sich dann selbst und können es nicht aushalten, wenn sich jemand mit Matsch einschmiert.“

Hanne Steitz-Thum gehört zu dieser Generation, aufgewachsen ist sie auf dem Land. „Ab einem bestimmten Alter hat man dann mit Barbies gespielt“, sagt die stellvertretende Leiterin der Kita am Feldbergplatz in Mainz. Ihre Einrichtung liegt mitten in der Innenstadt, nebenan dröhnt eine Hauptverkehrsstraße. Auch auf dem Land sei das Spielen am Bach längst out, glaubt Steitz-Thum: „Es ist heute oft das Digitale wichtiger, wir leben eben in der Computerwelt.“

Hinfallen gehört dazu

Die Konsequenz: Viele Kinder haben Bewegungsmangel, können nicht mehr auf Bäume klettern und wissen womöglich nicht, dass ein Apfel am Baum wächst.

Der Kindergarten von Hanne Steitz-Thum hat vor Jahren ein naturnahes Außengelände bekommen – mit Rutschhügel, Baumstamm-Mikado und einer Wasserpumpe mit Ablauf in die Sandgrube. Die Kinder lieben es. Und wenn was passiert? „Kinder müssen auch mal fallen üben können, damit sie auch fallen können“, sagt die Erzieherin.

Neulich, als Vincent Geburtstag hatte, regnete es den ganzen Tag. Sie haben im Wald dann Staudämme gebaut, es muss großartig gewesen sein. „Die Kombination Kinder und Natur“, sagt Engel, „ist einfach das Natürlichste der Welt.“