Archivierter Artikel vom 09.11.2015, 17:39 Uhr
Rheinland-Pfalz

Herzen von Flüchtlingskindern sind bedroht

Der Mensch, sagt der Koblenzer Kardiologe Dr. Felix Post, ist dafür gebaut, etwa 40 Jahre alt zu werden. „Danach beginnt der Verschleiß“, sagt der Chefarzt am Katholischen Krankenhaus in Koblenz. Am Sichtbarsten ist sicherlich die Brille, die viele spätestens mit Mitte 40 brauchen.

Bringen laut Experten ein erhöhtes Risiko für Herzerkrankungen mit: Flüchtlingskinder wie hier an der Grenze zu Österreich.  Foto: dpa
Bringen laut Experten ein erhöhtes Risiko für Herzerkrankungen mit: Flüchtlingskinder wie hier an der Grenze zu Österreich.
Foto: dpa

Von unserem Redakteur Christian Kunst

Doch auch im Herzen zeigt sich Verschleiß, besonders an den Herzklappen. Schätzungsweise 200 000 Deutsche leiden unter einem Herzklappenfehler – dem Ventilsystem des Herzens.

Zum Verständnis: Das Pumporgan Herz ist ein Hohlmuskel, der sich beim Erwachsenen in Ruhe 60- bis 90-mal pro Minute zusammenzieht und fünf bis sechs Liter Blut pro Minute in den Körper pumpt. Das Herz besteht aus zwei Hälften, jede mit einer Hauptkammer und einem Vorhof, in dem sich das ankommende Blut sammelt. Der Blutstrom wird durch vier Herzklappen gesteuert, zwei auf der linken und zwei auf der rechten Seite. Diese dienen als Einlass- und Auslassventile der Herzkammern. Nur bei intakten Klappen kann das Herz seiner Pumpfunktion nachkommen. Die Herzklappen sorgen normalerweise dafür, dass das Blut im Herzen nur in eine Richtung fließt. Durch eine Herzklappenerkrankung wird der normale Blutfluss im Herzen behindert. Man unterscheidet zwei Formen von Herzklappenerkrankungen: Bei einer Klappenstenose ist die Herzklappe verengt. Das Blut staut sich vor der verengten Klappe und muss mit erhöhtem Druck durch die Verengung gepumpt werden. Bei einer Klappeninsuffizienz schließt die Herzklappe nicht mehr richtig, und das Blut fließt durch die undichte Klappe zurück. Die erhöhte Belastung des Herzens kann zu einer Verdickung der Herzmuskulatur und Erweiterung der Herzkammer führen. Je nach Schweregrad des Klappenfehlers kann sich eine Herzinsuffizienz entwickeln.

Generell gilt laut Dr. Post: „Dies ist eine Erkrankung des hohen Lebensalters.“ Doch es gibt Ausnahmen: Wurde ein rheumatisches Fieber in der Kindheit nicht ausreichend behandelt, kann es laut dem Kardiologen zu einer Schädigung der Herzklappen kommen. „In Deutschland ist das seltener geworden, weil Kinder besser behandelt werden, Antibiotika bekommen und eine Ultraschalluntersuchung am Herzen erfolgt.“ Wenn es bei Dr. Post junge Patienten gibt, die unter einem Herzklappenfehler leiden, „dann sind das derzeit in der Regel Einwanderer, in deren Heimatländern die Pädiatrie nicht so gut wie bei uns ist“. Der Kardiologe ist überzeugt: „Ähnliche Probleme wird es mit vielen Flüchtlingskindern geben.“

Infektionen im Kindesalter gelten aber auch generell als Risiko für Arteriosklerose. So berichtete die „Ärzte-Zeitung“ jüngst von einer Studie vom Academic Medical Center in Amsterdam mit Patienten aus Indonesien, die belegt, dass schwere Infektionen unter anderem mit Masern, Windpocken, Bronchitis, Tuberkulose, Dengue-Fieber oder Typhus das Herzinfarktrisiko deutlich erhöhen. „Eine mögliche Erklärung ist, dass Infektionen in der Kindheit chronische Entzündungsprozesse initiieren und die Arteriosklerose so begünstigen“, sagte Autorin der Studie. Inwieweit diese Erkenntnisse jedoch auf westliche Länder zu übertragen sind, ist offen.