Archivierter Artikel vom 09.11.2015, 17:39 Uhr

Schmerz am Herz raubt Tausenden das Leben

Es gibt Momente, da bringt die moderne Herzmedizin den Kardiologen PD Dr. Felix Post in ein Dilemma. Nicht alles, was mittlerweile in einem Herzkatheterlabor möglich ist, sei langfristig auch gut für den Patienten. Der Koblenzer Herzspezialist spricht über Möglichkeiten und Grenzen der Medizin.

Der Chefarzt am Katholischen Klinikum in Koblenz nennt dieses Phänomen „Morbus Autowerkstatt“ und beschreibt es so: „Es gibt Patienten, die bringen ihren Körper ins Krankenhaus und erwarten, dass ich etwas damit mache, damit sie ihren Körper danach wieder mit nach Hause nehmen und alles ist geregelt.“ Doch: „So einfach ist Medizin manchmal nicht. Nur weil ich eine Engstelle am Herzen auf einfache Weise behandelt habe, heißt das nicht, dass ich einen Patienten optimal behandelt habe.“

PD Dr. Felix Post
PD Dr. Felix Post

Doch vor Post sitzen immer häufiger sehr informierte Patienten, die wissen, dass Herzmediziner über den Katheter mittlerweile selbst Herzklappen einpflanzen können und dass der Trend weg geht von der aufwendigen Herz-OP, bei der die Brust geöffnet werden muss. „Frauen mit 65 Jahren sind heute jung. Sie wollen im Bikini an den Strand gehen und möchten keine OP-Narbe an der Brust haben. Doch optische Gründe können kein Grund sein, einem Patienten eine Operation zu ersparen, wenn ich weiß, dass es dem Patienten damit in 10 bis 20 Jahren besser geht.“ Für Dr. Post bedeutet dies viel Überzeugungsarbeit und das Risiko, dass der Patient sich in einer anderen Klinik behandeln lässt. Doch für ihn steht fest: „Ich muss das machen, was dem Patienten langfristig hilft.“

Bypass-OP war einst die Regel

Vor 20 Jahren, als Dr. Post zum Kardiologen ausgebildet wurde, da war die Bypass-OP – also die Überbrückung von Blutgefäßen mit Engstellen – bei Patienten mit koronaren Herzerkrankungen – Verengungen von Herzkranzgefäßen – die Regel. Heute mache dieser Eingriff nur noch maximal 10 Prozent der Behandlungen aus – „und das ist eher noch hochgegriffen“. Stents – Implantate, die ein verengtes Blutgefäß offen halten sollen – sind für viele Mediziner, aber vor allem die Patienten das Maß aller Dinge geworden. „Ob der Kardiologe den Herzchirurgen wirklich in allen Zweifelsfällen ersetzen sollte, glaube ich nicht“, sagt Dr. Post selbstkritisch.

Tatsache ist, dass kaum ein Bereich der Medizin sich so rasant fortentwickelt wie die Herzmedizin. „Da rauscht es an neuen Erkenntnissen. Die Herzklappen etwa werden immer kleiner, immer besser. Und sie werden immer schonender in Katheterlaboren eingesetzt.“ Grund für diesen Fortschritt dürfte auch sein, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen längst eine Volkskrankheit sind. Mehr als 40 Prozent der Todesfälle sind in Deutschland darauf zurückzuführen. Wie beim Thema Krebs kennt wohl jeder Deutsche einen Menschen in seinem näheren Umfeld, dem das Herz Sorgen bereitet.

Und die Zahlen werden steigen – weil die Bevölkerung älter wird. Ein Indiz dafür sind etwa die vermehrten Fälle von Vorhofflimmern – die häufigste Form der Herzrhythmusstörung. 300 000 Menschen leiden darunter in Deutschland. Fast 20 Prozent der über 80-Jährigen sind laut Dr. Post betroffen. Anstatt dass sich ihr Herz im Sinusrhythmus regelhaft mit Blut füllt, herrsche bei diesen Patienten Chaos im Vorhof und damit im gesamten Herz: „Das Herz füllt sich nicht mehr aktiv, sondern nur noch passiv über einen Sog. Das Vorhofflimmern raubt dem Herzen so 20 Prozent seiner Kraft. Das Herz schlägt unregelmäßig, was für manche unangenehm ist, andere merken es gar nicht. Außerdem ist das Schlaganfallrisiko deutlich erhöht, weil sich durch das Flimmern ein Thrombus lösen kann, der über die Halsschlagader ins Gehirn gelangen kann.“

Ausdauersportler stark betroffen

Die Ursachen für das Vorhofflimmern sind vielfältig: 20 bis 30 Prozent der Patienten leiden an einer koronaren Herzkrankheit, der gleiche Prozentsatz an Bluthochdruck, knapp 20 Prozent an einem Herzklappenfehler und etwa 15 Prozent an einer Herzmuskelerkrankung. Interessanterweise belegen Studien laut Dr. Post, dass Ausdauersportler, besonders diejenigen, die sich draußen und in der Kälte betätigen, ein deutlich höheres Risiko für Vorhofflimmern haben. Bei den untersuchten norwegischen Skilangläufern wächst das Risiko um 50 Prozent, berichtet der Kardiologe. Zugleich betont er: „Sport ist trotzdem gesund, kann aber seinen Preis haben.“

Die Behandlung richtet sich laut Dr. Post danach, zu welchen Symptomen das Flimmern führt: Schlägt das Herz etwa zu langsam, kann dem Patienten ein Herzschrittmacher helfen. Schlägt das Herz zu schnell, geht der Kardiologe mit seinem Team an die Ursachen: Das kann bedeuten, dass der Teil des Herzgewebes verödet wird, der für das Flimmern verantwortlich ist. Dabei kommt der zweite Chefarzt der Kardiologie des Katholischen Klinikums zum Einsatz: Rhythmologe und Elektrophysiologe Dr. Osman Balta. Außerdem kann man beim Vorhofflimmern mithilfe von Elektroschocks direkt am Herzen versuchen, den Rhythmus wieder zu normalisieren.

In diesen Momenten wird Dr. Felix Post nicht nur bewusst, was die moderne Herzmedizin alles bewerkstelligen kann. Er weiß auch, sagt er, dass er nur Teil eines großen Teams von Spezialisten ist. „Die Kardiologie ist so speziell geworden, dass keiner alles machen kann. Es gibt in Deutschland kaum noch einen Herzmediziner, der alles behandeln kann.“ Ein Kardiologe, so scheint es, muss heute seine Grenzen kennen. Christian Kunst