Archivierter Artikel vom 12.03.2012, 09:07 Uhr
Trier

Heiliger Rock lockt Pilger aus aller Welt

Das rotbraune Gewand ist zerknittert, brüchig und zerfurcht. Und dennoch ist der Heilige Rock der größte Schatz des Trierer Doms. Verschlossen und nicht sichtbar liegt er in einer Kapelle im Glasschrein. Nur ganz selten und nur bei einer Wallfahrt wird die angebliche Tunika Jesu Christi öffentlich gezeigt. Vom 13. April bis 13. Mai ist es in diesem Jahrhundert erstmals so weit.

Trier. Das rotbraune Gewand ist zerknittert, brüchig und zerfurcht. Und dennoch ist der Heilige Rock der größte Schatz des Trierer Doms. Verschlossen und nicht sichtbar liegt er in einer Kapelle im Glasschrein. Nur ganz selten und nur bei einer Wallfahrt wird die angebliche Tunika Jesu Christi öffentlich gezeigt. Vom 13. April bis 13. Mai ist es in diesem Jahrhundert erstmals so weit:

Rund 500 000 Pilger aus aller Welt werden nach Trier kommen, um die Reliquie zu sehen. Es ist eine Jubiläumswallfahrt: Sie findet genau 500 Jahre nach der ersten Heilig-Rock-Wallfahrt im Jahr 1512 statt.

„Ein Weltereignis“, sagt Wallfahrtsleiter Georg Bätzing. „Eine Christus-Wallfahrt in dieser Dimension ist einzigartig.“ Mehr als 500 Gruppen rund um den Globus haben sich bereits angemeldet – von Bolivien über die Ukraine bis Indien. Aus Deutschland kommen fast alle Bischöfe mit Gruppen aus ihren Bistümern. Und die Anmeldeliste wird täglich länger. „Das geht sprunghaft“, sagt Bätzing. Klar ist: An den Wochenenden ballt sich die Besuchermasse. Zwischen 30 000 bis 50 000 Pilger werden dann an einem Tag in den Dom drängen, schätzen die Veranstalter. Dabei müssen die Gäste mit Wartezeiten von mehreren Stunden rechnen.

Als Gesandter des Papstes wird Kardinal Marc Ouellet beim Eröffnungsgottesdienst am 13. April teilnehmen. „Das ist eine große Ehre für uns“, erklärte der Trierer Bischof Stephan Ackermann. Als Präfekt der vatikanischen Bischofskongregation bekleidet Ouellet eines der einflussreichsten Ämter an der römischen Kurie.

Ob der rund 1,50 Meter lange und etwa 1,10 Meter breite Rock echt ist, kann keiner sagen. „Es steht ja kein Namensschild ,Jesus Christus' drin“, sagt Bätzing. Bei der jüngsten Untersuchung der Tunika Anfang Februar stellte die Berner Textilarchäologin Regula Schorta klar: Herkunft und Alter lassen sich nicht mehr eindeutig bestimmen. Das ist aber auch nicht entscheidend, meint Bätzing. „Wir nutzen den Schatz, um die Kostbarkeit des christlichen Glaubens zu zeigen.“

Ein Schrein schützt die Reliquie. Er steht vor der Altarinsel, damit Pilger auf beiden Seiten vorbeiziehen können. Die Reliquie selbst wird erst am späten Abend vor Beginn der Wallfahrt in den Schrein gelegt. Zur Vorbereitung ist der Dom vom 10. April an geschlossen. Der Schrein wurde eigens für die Wallfahrt entworfen Er ist aus dem Holz einer Zeder gebaut, die im Domkreuzgang gefällt werden musste.

Und zum ersten Mal ökumenisch: Zur 20. Wallfahrt unter dem Motto „... und führe zusammen, was getrennt ist“ sind auch Protestanten, Orthodoxe und Freikirchler eingeladen. Auch wenn sie sich mit Reliquien und Wallfahrten schwertun. Zur letzten Heilig-Rock-Wallfahrt im Jahr 1996 kamen rund 700 000 Pilger. Der Legende nach hat die heilige Helena das Gewand auf einer Pilgerfahrt nach Jerusalem entdeckt und es der Trierer Kirche zum Geschenk gemacht. Urkundlich belegt ist das Sterbekleid im Dom erst ab 1196.

Bereits Wochen vor Beginn der Wallfahrt machen sich Pilger auf den Weg, sagt die Pilger-Beauftragte der Wallfahrt, Karin Müller-Bauer, im saarländischen Völklingen. Einige laufen bereits erste Etappen, andere wandern zur Probe. Es gibt sogar Schulklassen, die eine der sieben ausgewiesenen Pilgerrouten gehen möchten. „Unglaublich, was die Wallfahrt alles in Bewegung setzt.“

Über eine Mitpilgerzentrale können Pilger sich suchen und finden. Das Krankenhaus der „Barmherzigen Brüder“ in Trier richtet während der vier Wochen eine Pilgeroase ein: Dort können sich Fuß- oder Radpilger nach ihrer Ankunft ausruhen, duschen oder essen. Und 60 Feldbetten stehen bereit für die, die auch pilgergemäß schlafen wollen. „Ein Pilotprojekt“, sagt Müller-Bauer.

Rund um die Wallfahrt mit täglich fünf festen Gottesdiensten wird ein Riesenprogramm gestrickt: Es gibt zig Konzerte, Ausstellungen, ein rockiges Jugendwochenende und ein eigenes Musical. Derzeit schreibt ein Bibelroboter vor dem Dom die Heilige Schrift ab. Und eine Schiffswallfahrt über die Mosel mit einem rund sechs Meter großen Stahlgewand à la Rock ist geplant. Bereits im Jahr vor der Wallfahrt hat es bistumsweit 500 Kunstprojekte gegeben, sagt der Kulturchef der Wallfahrt, Micha Flesch. Nicht nur die Kirchen werden zur Wallfahrt voll sein, sondern die ganze Stadt. Der Geschäftsführer der Tourist-Information Trier, Hans-Albert Becker, geht von ausgebuchten Hotels und etwa doppelt so vielen Tagestouristen wie sonst aus. Auch die Gastronomen werden enorm davon profitieren. Becker rechnet gar mit deutlich mehr als 500 000 Rock-Pilgern. Im Schnitt besuchen jährlich etwa vier Millionen Menschen die älteste deutsche Stadt Trier.

Dass die katholische Kirche nach dem Missbrauchsskandal in der Krise steckt, soll bei der Wallfahrt nicht ausgeblendet werden, sagt Wallfahrtsleiter Bätzing. „Wir überspringen nicht die schwierige Situation, sondern sammeln uns darin.“ Und er rät Interessierten zu kommen: „Es kann sein, dass es ein paar Jahrzehnte dauert, bis der Heilige Rock wieder gezeigt wird.“ Die Wallfahrt ist eine Chance für die Kirche, sagte Triers Bischof Stephan Ackermann.

Von Birgit Reichert