Archivierter Artikel vom 04.02.2015, 06:00 Uhr
Fachbach

Gewalt in Fachbach: Jetzt reicht’s dem Ortschef

Hasstiraden gegen „Scheißdeutsche“, Attacken auf Nachbarn und ein verprügelter Vereinschef: Seit einem Jahr verüben Kinder einer türkischen Familie im 1250-Einwohner-Ort Fachbach (Rhein-Lahn-Kreis) immer wieder Straftaten. Sie bedrohen Nachbarn mit einem Hammer oder Fliesenschneider, beschimpfen sie als Hurensohn oder Missgeburt.

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Von unserem Justizreporter Hartmut Wagner

Viele Fachbacher sind verunsichert, manche fühlen sich terrorisiert. Der Polizei liegen zig Anzeigen vor. Jetzt klagt Ortsbürgermeister Dieter Görg (60) im Interview mit unserer Zeitung: „Mir ist jeder Mensch mit Migrationshintergrund willkommen. Aber so geht es nicht!“

Ortsbürgermeister Dieter Görg (60, SPD) will, dass die Gewalt durch türkische Jugendliche in Fachbach (Rhein-Lahn-Kreis) ein Ende nimmt. Foto: Tom Frey
Ortsbürgermeister Dieter Görg (60, SPD) will, dass die Gewalt durch türkische Jugendliche in Fachbach (Rhein-Lahn-Kreis) ein Ende nimmt.
Foto: Tom Frey

Bereits im August 2014 hatte sich der SPD-Politiker zu einem ungewöhnlichen Schritt entschieden. Er veröffentlichte im Mitteilungsblatt der Verbandsgemeinde Bad Ems seinen Aufruf: „Irgendwann reicht es“. Darin forderte er alle Fachbacher auf, ihm ihre „negativen Erfahrungen“ mit drei Söhnen (19, 15, 13) der Familie zu schildern. Er wollte erreichen, dass die Familie aus Fachbach wegziehen muss: „Ich werde mich mit der Ausländerbehörde in Verbindung setzen und versuchen, die Ruhe in unserem Dorf wiederherzustellen.“

Es war ein Aufruf eines Bürgermeisters, wie es ihn in Rheinland-Pfalz wohl noch nie gab. Ein Aufruf wegen einer türkischen Familie, die sich nicht integriert – und mit jeder Straftat ihrer Kinder weiter isoliert. Der Ortschef erhielt gut 15 E-Mails. Fachbacher schilderten ihm darin, wie sie von Kindern der Familie drangsaliert, bedroht oder aufs Übelste beschimpft wurden.

Dieter Görg ist in Fachbach geboren und seit 17 Jahren dessen Bürgermeister. Einem Ort im Lahntal, zu Füßen einer mächtigen Autobrücke, mit einem Gasthaus und einem Campingplatz. Görg ist seit 41 Jahren verheiratet, hat zwei Söhne, sechs Enkel. Er distanziert sich von Pegida, wird aber deutlich, wenn er über die drei Brüder schimpft: „Die essen unser Brot, und wir müssen uns beschimpfen lassen.“

„Problemhaus“ mit vernagelter Tür

Görg sitzt an einem Freitagnachmittag in seiner Wohnung, zieht an einer Zigarette und erzählt, wie sich immer mehr Fachbacher über die Familie aus dem „Problemhaus“ beklagten. Und wie er sich nach einem Vorfall am Fachbacher Gasthaus „Zum Engel“ zu dem Aufruf entschied: Er leitete dort eine Versammlung. Plötzlich stürmten zwei der Söhne herein und wollten zur Toilette. Der Wirt lehnte das ab. Da brüllte einer: „Ich fick euch alle!“ Gäste stellten sich vor die Tür, aber die beiden drängten hinein. Die Polizei kam, rang einen nieder. Der schrie: „Scheißbulle! Hurensohn!“

Das „Problemhaus“ hat eine mit Brettern vernagelte Tür. Dahinter führt ein düsteres Treppenhaus in den ersten Stock. Die Mutter der Familie, eine gedrungene Frau in Jogginghose, öffnet die Wohnungstür, sagt leise Hallo und führt ins Wohnzimmer. Kahle Wände, leere Regale, einverwohntes Sofa.

Wegen Gewalttaten junger Türken in Fachbach veröffentlichte dessen Ortschef Dieter Görg 2014 diesen Aufruf mit dem Titel "Irgendwann reicht es".
Wegen Gewalttaten junger Türken in Fachbach veröffentlichte dessen Ortschef Dieter Görg 2014 diesen Aufruf mit dem Titel „Irgendwann reicht es“.

Die alleinerziehende 40-Jährige erklärt in schlechtem Deutsch, dass sie seit 36 Jahren in Deutschland lebt und Hartz IV bezieht. Dass sie ihre ganze Schulzeit als „Türkenfotze“ beleidigt und von allen gehasst wurde. Dass ihre Kinder auch gehasst werden, deshalb Probleme in der Schule haben – und über „Scheißdeutsche“ schimpfen. „Das ganze Dorf will uns nicht!“, klagt sie. Von zehn Geschichten über ihre Söhne seien sechs nicht wahr. Görgs Aufruf erschien vor gut fünf Monaten, er wurde mit dem Mitteilungsblatt an alle Haushalte in Fachbach und der Region verteilt. Doch die Mutter hat ihn nie gelesen, nie davon gehört. Den Bürgermeister? Kennt sie nicht.

Mutter hat von Aufruf nie gehört

Dann kommt ihr 15-jähriger Sohn dazu. Ein schmächtiger Kerl in Collegejacke, mit kindlichen Pausbacken, aber extrabreitem Gang. Er setzt sich, liest kurz über den Aufruf und fragt: „Was soll ich damit?“

Der Junge geht seit einem Jahr nicht mehr zur Schule. Es nimmt ihn keine mehr auf, da er überall randalierte und prügelte. Zu Hause war es ähnlich. Auf einen Nachbarn, einen Polizisten, warf er aus dem ersten Stock einen Nachttisch und ging mit einem Fliesenschneider auf ihn los – bis dieser Pfefferspray sprühte. Die Polizei führte zig Verfahren, stellte aber viele ein, da der Junge noch nicht strafmündig war.

Das ist heute anders. Im Dezember stand der 15-Jährige erstmals vor Gericht, mit seinem Bruder (19). Das Amtsgericht Lahnstein traf Vorkehrungen wie bei einem Terroristenprozess. Denn beide hatten dort bereits tags zuvor bei einem Termin am Familiengericht getobt. Der 19-Jährige drohte, eine Bombe zu werfen und alles abzufackeln. Er ging auf die Wachtmeister los – bis einer ein Pfefferspray zog. So schilderten es Zeugen unserer Zeitung.

Als die Brüder einen Tag später wegen Diebstahl und Körperverletzung vor Gericht standen, sicherten vier Polizisten den Saal. Dennoch baute sich der 15-Jährige vor dem Staatsanwalt auf und rief: „Was guckst du?!“, „Du Wichser!“, „Ich fick dich gleich hier!“ Sein Bruder drohte: „Ich find raus, wo du wohnst! Ich mach dich kalt!“

Auch der zweite Prozesstag im Januar wurde bizarr, denn die Angeklagten kamen nicht. Die Richterin hatte ihnen erklärt: Wenn sie nicht kommen, verhandle man ohne sie. Es war als Drohung gemeint, wurde aber wohl als Angebot verstanden. Beide wurden in Abwesenheit verurteilt: der 19-Jährige zu acht Monaten Bewährungsstrafe, der 15-Jährige zu zehn Monaten Jugendstrafe – ohne Bewährung.

Laut dem noch nicht rechtskräftigen Urteil stahl der Jüngere in einem Laden Tabak, verprügelte einen Verkäufer (62), bedrohte einen Jugendlichen mit Pfefferspray und nahm ihm seine Musikbox weg.

15-Jähriger muss hinter Gitter

Seine schlimmste Tat verübte er in Fachbach: Am 21. Juni 2014 kommt er um 15 Uhr zum Campingplatz, wo der Wassersportverein sein Hafenfest vorbereitet. Er stöbert in einem Werkzeugwagen, wird vom Vereinschef (64) ermahnt und holt seinen Bruder (19). Er tituliert den Vereinschef als Nazischwein und brüllt: „Meine Brüder erschießen dich!“ Er schlägt ihm mit der Faust in den Bauch, mit einem Knüppel an den Kopf. Der Mann fällt bewusstlos um. Ein Ehepaar, das in der Nähe in seinem Wohnwagen campt, sieht die Tat – und reist sofort ab.

Zu Prozessende erklärte die Richterin: „Wir haben hier junge Leute, die völlig respektlos sind und erschreckend uneinsichtig.“ Der Staatsanwalt sagte über den 15-Jährigen: Er terrorisiere ganz Fachbach, sei eine tickende Zeitbombe.

Der Junge betonte vor Gericht, er sei kein Schläger, er verteidige sich nur: „Ich mach Notwehr.“ Doch zu Hause im Wohnzimmer spricht er offener. Ja, er ging auf den Nachbarn mit einem Fliesenschneider los – habe ihn aber leider nicht getroffen. Ja, er schlug den Rentner – und zwar zu Recht. Denn der habe ihn zuvor mit Tesafilm beworfen.

Doch er behauptet, er habe den Rentner nie mit einem Knüppel geschlagen. Als das Gespräch auf das Urteil kommt, das von einem Knüppelhieb ausgeht, brüllt er: „Knüppel? Nein! Aber das mach ich jetzt! Ich fick den Mann! Ich schwör auf meine Mutter!“ Dann rennt er weg.

Tags darauf fahren Polizisten am „Problemhaus“ vor. Sie warnen den Jungen, was passiert, wenn er erneut zuschlägt. Wieder einmal.