Archivierter Artikel vom 04.04.2013, 06:00 Uhr

Garten: Rasen kann rasend machen

Kummertrüb und frühjahrsdepressiv fällt unser Blick auf die Regel- Saatgut-Mischungsfläche nach DIN 18917 oder DIN 18035. Alles, wirklich alles haben wir doch wieder gegeben. Vertikutiert, gedüngt, gewässert, gemäht – geackert. Trotzdem: Dem Supra-Rasen auf der Saatgut-Packung gleicht das Resultat nur in der Nacht.

Garten: Pingeligkeit lässt nur die Unzufriedenheit wachsen – Die Fehler: Zu viel, zu wenig, zu kurz
Garten: Pingeligkeit lässt nur die Unzufriedenheit wachsen – Die Fehler: Zu viel, zu wenig, zu kurz
Foto: pixelio.de

Kummertrüb und frühjahrsdepressiv fällt unser Blick auf die Regel- Saatgut-Mischungsfläche nach DIN 18917 oder DIN 18035. Alles, wirklich alles haben wir doch wieder gegeben. Vertikutiert, gedüngt, gewässert, gemäht – geackert. Trotzdem: Dem Supra-Rasen auf der Saatgut-Packung gleicht das Resultat nur in der Nacht.

Bei Tageslicht eher dem Grün eines Bolzplatzes oder einem Fußballrasen in Hamburg oder Augsburg. Die Profis helfen sich allerdings sofort mit neuem Rollrasen und sorgen schnell wieder für einen properen Anblick. Unsereins kann nicht mehrfach im Jahr mit Fertigrasen prunken. Nur mit quälenden Fragen. Was haben wir nur wieder falsch gemacht? Vermutlich wie stets: die fatale Mischung aus zu viel, zu wenig und zu kurz. Was einem Rasen aber auch alles widerfahren kann: Schneeschimmel, die Dollarflecken- Krankheit, Schwarzbeinigkeit, Echter Mehltau, Rotspitzigkeit, Rostkrankheit, Blattfleckenkrankheit, Wurzelhalsfäule oder Hexenringe – um nur einige Malaisen aufzuzählen.

Und was man alles machen kann neben dem banalen Mähen: nämlich vertikutieren, aerifizieren, ein Topdressing durchführen und sprengen. Kein Wunder, dass manche tatsächlich dabei weniger an Wasser, sondern eine Ladung TNT denken.

Der Elektromäher machte Schluss mit Lärm und Anstrengung

Falls Sie sich jetzt am Kopf kratzen sollten, weil Sie – so wie ich – bisher wenig oder nichts von Aerifizieren und Topdressing gehört haben, gibt es für uns alle eine kleine Nachhilfe. Aerifizieren ist eigentlich nur belüften.

Da das aber mit ausgeklügelten Maschinen und Geräten erledigt werden kann, wirkt eine fast wissenschaftliche Benamung einfach beeindruckender. Und Topdressing ist, wenn kleine Sandmengen auf den kurz geschnittenen Rasen mit einem Besen eingebracht werden – so wie das oft auf Golfplätzen geschieht. Ich sage nur: sprengen. Vor inzwischen mehr als 50 Jahren schien die Welt der Rasenpflege endlich ins Lot zu kommen. Wolf- Garten in Betzdorf brachte den ersten elektrischen Rasenmäher Europas auf den Markt. Schluss mit den stinkenden Benzinern, dem kräftezehrenden Geschiebe mit dem Spindelmäher.

Aber das war nur die Ruhe vor dem Garten- Sturm – ein erfüllter Wunsch kriegt augenblicklich Junge. Zierrasen, Gebrauchsrasen, Sportrasen, Golfrasen, Park- oder Parkplatzrasen, Landschaftsrasen, Dachbegrünungsrasen, Biotopfläche? Ja, wie hätten Sie’s denn gern?

Mehr für die Sonne, oder haben Sie eher eine schattige Lage? Rasen kann rasend machen. Bereits ein Blick in Nachbars Garten kann genügen, um die allerbeste Laune auf einen Tiefpunkt klatschen zu lassen. Da war doch im vergangenen Sommer eine braune Fläche, an Wasser wurde gespart ... Und jetzt ist unser Rasen ein Bild des Jammers, und Nachbars Gras steht in saftigem Grün. Wenn es um Zierrasen geht, verstehen viele von uns wirklich keinen Spaß mehr.

Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass dieser Zustand auch hemmungslos ausgenutzt wird. Die ungeschriebenen Versprechen auf jedem Dünger oder Saatgut sind eine schreckliche Herausforderung. Nach dem Motto: Es wäre möglich. Wobei ich eine Entdeckung des vergangenen Jahres nicht für mich behalten kann: Rasenpflaster! Sie lesen richtig. Das ist eine Fertigmischung aus Grassamen, Dünger und einer Art Kokosfasermasse, die auf eine kahle Rasenstelle aufgebracht wird. Und es funktioniert wirklich – und hat seinen Preis.

Wer von uns kann denn schon mit Wimbledon-Rasen gleichziehen?

Das ungeschminkte grüne Gesicht eines Fußballrasens nach einem EM-Spiel kann Trost für alle Knechte ihrer Flickerlteppich-Wiese sein. Labsal für entzündete Hobbygärtner- Augen, deren Mängellehre genährt wird von TV-bildschönen Golf-Greens oder verhätschelten Briten mit ihrem Sauwetter – aber ideal für Rasenflächen zum Niederknien.

Überhaupt: Wimbledon und dieses unverschämtmustergültige – garantiert dopingfreie – grünste Grün, als hätten Chinesen, das IOC und der Welt-Radsportverband gemeinsam herumlaboriert. Wer von uns soll da auch mithalten? Wimbledons Chef-Rasenwart Eddie Seawards (68) hat von 1991 bis zum Ende der Olympischen Spiele in London 2012 dafür gesorgt, dass der Rasen resistenter, härter, perfekter gemacht und so das Rasentennis fundamental verändert wurde.

Nun ja, was steht so jemandem auch zur Verfügung. Er ist beziehungsweise war Herr über 19 (!) Aufsitzmäher mit jeweils zwölf (!) Spindelmessern, sieben Walzen, Durchlüftungsmaschinen, ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem und jede Menge Helfer. Und seine bevorzugte Grassamenmischung hat vor allem bewährte, teutonische Wurzeln: reichlich Deutsches Weidelgras, Lolium perenne. Das ist widerstandsfähig und von sattgrüner Farbe.

Uns bleibt neben der richtigen Samenmischung nur: düngen, wässern, nicht zu kurz mähen – mit Sichel oder Spindel – und abwarten. Vielleicht versuche ich es mal mit der Golfrasenmischung aus Agrostis capillaris, Agrostis stolonifera, Festuca-rubra-Unterarten sowie Poa pratensis und Lolium perenne. Oder mit dem Rat von Karl-Heinz (52), so einer Art Peer Steinbrück unter den Brachial-Gärtnern: Beton drauf und grün streichen.

Von unserem Redakteur Jochen Kampmann