Archivierter Artikel vom 11.05.2021, 06:30 Uhr

Die Grillhütte am Ende des Universums – galaktisch gute Wanderwege

Der menschliche Verstand reicht bei Weitem nicht aus, um sich kosmische Dimensionen wirklich vorstellen zu können. Daher genügt ein Planetenweg nicht, um die Größenverhältnisse einordnen zu können. Denn schon das nächstgelegene Sternsystem, Alpha Centauri, wäre im Maßstab des Planetenwegs, der sich nur mit unserem Sonnensystem beschäftigt, 5300 Kilometer entfernt. Es muss also ein weiterer Weg beschritten werden, um die Größenordnung jenseits unseres Sonnensystems, also die interstellaren Entfernungen in unserer Galaxie, Milchstraße genannt, verständlich zu machen.

Von Jochen Magnus

Tatsächlich gibt es sogar zwei weitere Wanderwege im Angebot des Max-Planck-Instituts: Der eine, der Milchstraßenweg, führt über eine Gesamtstrecke von vier Kilometern. Im Maßstab von 1:100 Billiarden (eine Zahl mit 17 Nullen) entspricht das einer Strecke von 40.000 Lichtjahren. Sie umfasst insgesamt 18 Stationen von den Außenbereichen der Milchstraße über die Sonne selbst bis hin zum Galaktischen Zentrum, das 25.000 Lichtjahre von uns entfernt ist. Man schreitet am farbigen Krabbennebel vorbei, am Orionnebel, der bereits mit bloßem Auge am Nachthimmel zu sehen ist, am ebenfalls gut sichtbaren Siebengestirn Plejaden und begegnet natürlich auch dem Stern Sirius, der nach dem Maßstab des Planetenwegs schon auf dem Mond wäre, und passiert schließlich, nicht mal einen Meter hinter Sirius, die Erde.

Der Besucherpavillion im Vordergrund.
Der Besucherpavillion im Vordergrund.

Zeit für eine Rast, denn nun ist fast der halbe Weg ins galaktische Zentrum geschafft. In diese Richtung liegt der Stern Sirius (dessen Planetenweg-Hinweistafel an einem Radioteleskop in Chile 11.000 Kilometer entfernt angebracht wurde) nur einen knappen Meter weiter und die am Himmel hell leuchtende Wega 2,5 Meter dahinter. Das ganze Sonnensystem mitsamt dem kleinen Pluto, der auf dem Planetenweg immerhin fast 800 Meter vom Wanderziel, der Sonne, entfernt liegt, wäre in diesem Maßstab nur so groß wie ein Virus: 60 Nanometer (0,00000006 Meter). Geht man den Milchstraßenweg weiter, ist das Ziel, das Zentrum der Milchstraße mit ihrem Schwarzen Loch, Sagittarius A Stern genannt, einen Kilometer später erreicht.

Wollte man dagegen die nächstgelegene Galaxie Andromeda, die Nachbarin unserer Milchstraße, besuchen, müsste man 250 Kilometer weiter laufen. Andromedas Infotafel ist tatsächlich am Haupteingang des Hauses der Astronomie auf dem Königstuhl bei Heidelberg angebracht worden. Es ist also ein weiterer intergalaktischer Maßstab nötig!

Der Galaxienweg ist 2,6 Kilometer lang, doch im Maßstab 1:50 Trilliarden. Diese Zahl mit 22 Nullen erinnert schon ein wenig an Dagobert Ducks „Phantastrilliarden“ und ist doch ernst gemeint und notwendig. Immerhin erwandert man sich nun Objekte bis zum Rand des Universums, deren Licht Abermillionen oder gar etliche Milliarden Jahre lang zu uns unterwegs war. Andromeda, unsere Milchstraßennachbarin, ist nun nicht mehr 250 Kilometer – wie auf dem Milchstraßenweg – sondern weniger als einen halben Meter von uns entfernt.

Auf dem Weg zum Rand des Universums passiert der Wanderer unvorstellbar große Quasare, das sind sehr aktive, „supermassive“ Schwarze Löcher von vielen Milliarden Sonnenmassen. Von der letzten Station, einer Galaxie, deren Licht 13 Milliarden Jahre zu uns benötigte, also ebenso alt ist, würden nur weitere 170 Meter zum Urknall, zur Geburt des Universums, führen.

Wem das zu heiß ist, bleibt lieber am Ziel des Wanderwegs und erholt sich dort in der Martinshütte der Gemeinde Kirchsahr. Auch genannt die „Grillhütte am Ende des Universums“. Jochen Magnus