Archivierter Artikel vom 21.09.2010, 07:31 Uhr

Beim Studium Nachholbedarf

Medizin und Pflege müssen sich nach Experten- Einschätzung besser auf die steigende Zahl von Demenz-Kranken einstellen.

„Beim Medizinstudium liegt da noch ganz viel im Argen“, sagt der Direktor der Neurologischen Klinik an der Universität Köln, Prof. Gereon Fink. „Wir müssen reagieren, damit der praktische Arzt mit Demenz umgehen kann. Bei früher Diagnose können wir Patienten heute länger in der Vorstufe halten, in der sie noch alltagstauglich sind. Das können wir für bis zu drei Jahre schaffen, die der Patient dann später dement wird – und das ist ein erheblicher Zeitgewinn.“

In Deutschland leiden 1,2 Millionen Menschen unter der unheilbaren Demenz, deren häufigste Form Alzheimer ist. Weltweit sind mehr als 35 Millionen Menschen von der Hirnerkrankung betroffen, nach Schätzungen steigt die Zahl bis 2050 auf 115 Millionen. „In Deutschland wird etwa die Hälfte der Demenzkranken zu Hause von Angehörigen gepflegt. Hier ist erhebliche Unterstützung nötig – finanziell, aber auch von den Kapazitäten her“, betont der Neurologe. „Die Pflegebranche ist gefordert, wir haben aber nicht genug Pflegekräfte, um uns um all die Leute zu kümmern.“

Da Demenz vor allem Ältere trifft und die Menschen immer länger leben, stehe Deutschland vor einer riesigen Aufgabe, glaubt der Experte. „Wenn man sieht, wie unsere Bevölkerungspyramide aufgebaut ist, dann erkennt man, dass wir in ein ganzes Bündel von sozialen und sozioökonomischen Problemen hineinlaufen.“ Aber: „Leider sind Politik und Gesellschaft noch nicht gerüstet für ein Problem dieser Dimension.“

Auch im wissenschaftlichen Bereich besteht Nachholbedarf. Fink: „An den medizinischen Fakultäten gibt es bundesweit nur sechs mit einem Lehrstuhl für Geriatrie, die Lehre des Alterns, darunter in Köln, Hamburg oder Berlin.“ Das reiche bei Weitem nicht aus. Ein positives Zeichen sei das neue Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen, das sich mit Demenzforschung befasst und im April 2009 in Bonn an den Start ging – zu 90 Prozent gefördert vom Bundesforschungsministerium. „Das zeigt, dass die Bundesregierung das Ausmaß des Problems allmählich erkennt“, meint Fink.