Vallendar/Rom

Alles neu macht der Papst: Reform der Kurie

Schönstatt-Pater und Kardinal Francisco Javier Errázuriz Ossa ist einer der acht Kardinäle, die Papst Franziskus bei seiner Kurienreform helfen sollen. Zur Vorbereitung der 100-Jahr-Feier der Schönstatt-Bewegung war er in Vallendar (Kreis Mayen-Koblenz) – wir haben mit ihm gesprochen.

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Papst Franziskus kümmert sich weniger um Mahestätisches und Höfisches. Er geht ans Eingemachte – an die Strukturen der römischen Kurie.
Papst Franziskus kümmert sich weniger um Mahestätisches und Höfisches. Er geht ans Eingemachte – an die Strukturen der römischen Kurie.
Foto: picture alliance

Vallendar/Rom. Schönstatt-Pater und Kardinal Francisco Javier Errázuriz Ossa ist einer der acht Kardinäle, die Papst Franziskus bei seiner Kurienreform helfen sollen. Zur Vorbereitung der 100-Jahr-Feier der Schönstatt-Bewegung war er in Vallendar (Kreis Mayen-Koblenz) – wir haben mit ihm gesprochen.

Herr Kardinal, wie sehr hat Papst Franziskus den Vatikan bereits umgekrempelt?

Er hat sich anscheinend vorgenommen, auch als Papst so weiterzuleben, wie er das früher als Priester getan hat. Für ihn hat das keine große Bedeutung, dass der Vatikan durchaus auch ein Hof gewesen ist in früheren Jahren. (lacht) Das Protokoll spielt für ihn kaum eine wichtige Rolle. Ich habe einmal seinen Zeremonienmeister gefragt, ob er nicht gestorben ist, als er merkte, dass der Papst viele Zeichen nicht gebraucht. Aber er sagte: „Nein, ich diene dem jeweiligen Papst und werde mich anpassen.“ Gerade im Vatikan spürt man, dass etwas Neues begonnen hat. Ich habe sechs Jahre lang im Vatikan gearbeitet. Einige dort werden wohl Dinge aus der Vergangenheit vermissen – aber sie werden sich anpassen.

Wie ist er persönlich?

Sehr einfach, froh, nah. Ein Bischof soll Freund, Bruder, Hirt und Vater sein – bei ihm kann man das alles erleben. Er ist ein wirklich guter Freund! Und er will auch als solcher behandelt werden. Aber er ist auch Vater und Hirt.

Diese persönliche Nähe ist die eine Seite der katholischen Kirche, aber es gibt auch die Seite der Struktur. Wie haben Sie Ihre Berufung in den Kardinalsrat, der die Kurie reformieren soll, empfunden?

Zunächst war ich erschrocken. (lacht) Ich war zunächst ganz still. Dann dachte ich: „Was für eine große Verantwortung.“ Aber dann dachte ich: Der Papst hat eine noch größere Verantwortung, und wir sollen ihn ja nur beraten. (lächelt) Dann habe ich die Arbeit mit Freude übernommen.

Wie reformiert man die römische Kurie?

Zunächst einmal kann der Papst selbst einiges tun, indem er Personen austauscht und andere neu in die Kurie beruft. Es gibt Zeichen, dass der Papst eine internationalere Zusammensetzung der Kurie wünscht. Da war man einfach nicht aufmerksam früher: Es gab 52 Bischöfe und Kardinäle in der Kurie, und von denen kamen drei oder vier aus Lateinamerika. Und die Hälfte der Christen kommt aus Lateinamerika! Bei allen neuen Ernennungen achtet der Papst auf die ausgeglichene Internationalität. Er hat zum Beispiel eine Kommission von Wirtschaftsfachleuten berufen. Sie besteht aus sieben Personen – und sie kommen aus sieben Ländern. Das ist aber alles die Aufgabe des Papstes. Der Rat der acht Kardinäle soll hingegen die Struktur der Kurie überprüfen. Es gibt Funktionen, die doppelt vorhanden sind. Es gibt auch Funktionen, die zusammengehören, die aber getrennt sind. Manche sagen zum Scherz, dass so mancher Päpstliche Rat nur deshalb gegründet wurde, weil jemand ein Anliegen schnell vorantreiben und nicht auf andere Entscheidungen warten wollte. Aber da ist durchaus etwas Wahres dran. Oder nehmen Sie das Thema Finanzen. Da gab es nicht genügend Transparenz. Außer mir hat niemand der acht Kardinäle bislang in der Kurie gearbeitet – das verschafft uns eine große Freiheit und Unabhängigkeit.

Begleitet der Papst Sie?

Der Papst ist bei jeder Besprechung dabei. Er sagte, dass er nicht einfach nur die Schlussfolgerungen am Ende erhalten möchte. Er möchte hören, was jeder Einzelne denkt. So hat er eine bessere Vorstellung davon, was er später machen will.

Wo stehen Sie derzeit?

Wir haben uns Gedanken über die Kongregationen gemacht, dann über die Päpstlichen Räte. Der Papst selbst wünschte dann, dass wir auch das Thema Finanzen in den Blick nehmen. Als er merkte, dass da manche Dinge nicht richtig laufen, hat er Fachleute zusammengerufen, die eine neue Struktur entwickeln sollten, wie die Finanzfragen in Zukunft transparent und besser geregelt werden könnten. Diese Kommission hat eine Idee erarbeitet und uns acht Kardinälen vorgelegt. Und das Ergebnis war, dass der Papst jetzt eine Art Finanzministerium eingerichtet hat. Dort werden Kostenvoranschläge bewilligt und am Ende des Jahres die Bilanzen überprüft. Der Papst sah, dass er die Kontrolle über die Finanzen haben muss – und das setzt er auch durch. Er hält nicht nur schöne Vorträge. (lächelt)

Wie sehr beeinflusst Schönstatt Sie bei Ihrer Arbeit?

Sehr, ich lebe aus der Spiritualität Schönstatts. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Als Erzbischof merkte ich, dass viele meiner Mitarbeiter nicht daran glaubten, dass Gott seinen Willen auch durch die Zeitenströmungen kundtut. Für die Gläubigen haben sie Bücher geschrieben, aber ohne daran zu denken, dass die Kulturströmungen sie beeinflussen. Es war alles objektiv richtig, aber das Subjektive wurde kaum beachtet. Sie haben die Strömungen der Zeit nicht beobachtet, um Gottes Spuren zu finden. Das ist ein sehr wichtiger Gedanke in Schönstatt; der Gründer, Pater Josef Kentenich, sprach davon, dass wir die Hand am Pulsschlag der Zeit und das Ohr am Herzen Gottes haben sollten. In vielen Gesprächen konnte ich erreichen, dass meine Mitarbeiter Antworten auf die Strömungen der heutigen Zeit geben konnten.

Schönstatt betont auch die Bedeutung der Hauskirche. Ist das ein Zukunftsmodell für die Kirche?

Viele Familien machen leider die Erfahrung, dass Gott in ihrem Haus nicht präsent ist. Sie schauen, dass die Kinder Hausaufgaben machen und gut angezogen sind, aber der liebe Gott hat keinen Platz bei ihnen. In den Anfängen der Kirche haben die Eltern die Kinder in den Glauben eingeführt und Katechese gemacht. Das ist ein Schatz, der allmählich wiederentdeckt wird: Die Familie ist eine Kirche im Kleinen, ist ein Heiligtum. Und dann richten sich die Familien zu Hause eine Stelle ein, wo sie beten können – ein Hausheiligtum. Sie hängen ein Kreuz auf, ein Bild der Gottesmutter – und dort beten sie. Dort schleichen die Kinder heimlich hin und bitten den lieben Gott um Entschuldigung, wenn sie etwas Dummes gemacht haben. Und dort sitzen die Eltern am Abend zusammen und reden über den Tag. Gott ist in der Familie dabei. Das ist ein solcher Reichtum! Dann durchdringt der Glaube das Leben und den Alltag.

Das Gespräch führte Michael Defrancesco.

Archivierter Artikel vom 05.07.2014, 07:00 Uhr