Archivierter Artikel vom 07.02.2016, 15:37 Uhr

15 Jahre Euro: Die müde Mark ist immer noch was wert

Die Leute kommen zahlreich in diesen ersten Tagen des Januars. Scheinbar haben sie lange auf diese Möglichkeit gewartet. Für Margit Scherhag ist das aber kein Problem. Sie ist vorbereit. Deshalb gibt sie, wenn sie gefragt wird, wie das nun ist mit der D-Mark, und ob man hier, bei Kaufland, tatsächlich wieder damit zahlen kann, immer dieselbe Antwort: ja.

Von unserem Reporter Christoph Erbelding

Margit Scherhag arbeitet bei der Kaufland-Filiale in Andernach am Empfang. Zu ihr kommen die Leute, wenn sie leere Batterien abgeben oder Gutscheine einlösen. In diesen ersten Tagen des Jahres kommen sie aber auch, um sich nach der Möglichkeit zu informieren, wieder mit D-Mark zu zahlen. Eine Währung, die es seit Anfang 2002 eigentlich nicht mehr gibt.

Im 15. Jahr nach der Umstellung auf den Euro hat die Lebensmittel-Einzelhandelskette Kaufland damit begonnen, die frühere deutsche Währung als Zahlungsmittel wieder zu akzeptieren. Zunächst ist die Aktion für einen begrenzten Zeitraum einkalkuliert. Im Januar 2016 stehen die Kassen bei Kaufland für die zwischen 1948 bis 2001 gültige Bargeld-Währung wieder offen – auch in der Filiale in Andernach.

Eine Kiste Bier kostet im Jahr 2016 19,56 D-Mark

Für Margit Scherhag ist das eine sinnvolle Aktion. Erst gegen Ende des Monats haben die Resonanz etwas nachgelassen. „Es sind aber immer noch täglich Leute hier, die mehr wissen wollen. Andere bezahlen dann auch direkt mit D-Mark“, sagt sie Ende Januar, während unweit von ihr ein Plakat weht, das die D-Mark-Aktion ankündigt. Kaufland hat mit der Kampagne auf eine Veröffentlichung der Bundesbank im Dezember des vergangenen Jahres reagiert: 12,82 Milliarden D-Mark waren demnach noch im Umlauf. Eine gehörige Summe Geld, Scheine und Münzen, die irgendwo schlummern, in Kopfkissen, in Schränken, und die darauf warten, bei Bundesbank-Niederlassungen gegen Euro umgetauscht zu werden – sofern sie noch nicht verschollen sind. Die Veröffentlichung des Wertes hat Ende 2015 viel mediale Beachtung gefunden. Die Aktion von Kaufland ist eine Folge dessen.

Eine Kiste Beck’s Bier kostet im Kaufland im Jahr 2016 19,56 D-Mark. Eine Flasche Faber-Sekt gibt's für 4,34 D-Mark. Einige Produkte werden in Verpackungen angeboten, die an das vergangene Jahrhundert und speziell an die 60er-Jahre erinnern. „Wir wollen dafür sorgen, dass die Kunden ein bisschen in der Vergangenheit schwelgen können“, sagt der Andernacher Marktleiter Bernd Breuer. Dann verweist er an einer Kasse auf einen Merkzettel, auf dem alle D-Mark-Noten und -münzen abgebildet sind. „Damit sich unsere Mitarbeiter die Scheine und Münzen vor Augen führen können, wenn ein Kunde kommt.“

Das ist eigentlich die einzige Sache, die die Mitarbeiter bei Kaufland im Umgang mit der alten Währung beachten müssen. Das Umrechnen von D-Mark auf Euro während eines Bezahlvorgangs wird von ihnen nicht verlangt. Die Kassen sind umfunktioniert und wandeln eingegebene D-Mark-Beträge direkt in Euro-Verhältnisse um. Der Wechselkurs (1:1,95583), der galt, als die D-Mark offiziell verschwand, gilt weiterhin – bei Kaufland wie bei der Bundesbank. Deshalb kann Kaufland seine Aktion im Januar leicht in die Tat umsetzen.

Ob es in Zukunft zu einer Verlängerung der Kampagne mit der D-Mark bei Kaufland kommen wird? Dazu will das Unternehmen keine Angaben machen. Wie viel D-Mark deutschlandweit in den über 640 Filialen eingenommen wurde? Auch dazu schweigt Kaufland. Fest steht: Seit Februar ist die D-Mark bei Kaufland vorerst wieder nichts wert. Auch wenn die Aktion gut angekommen ist und intern darüber diskutiert wird, die Geschichte zu wiederholen. Das hat Kaufland mitgeteilt.

Für Bernd Breuer ist mit der temporären Rückkehr der D-Mark in sein Haus in Andernach in jedem Fall ein Mehrwert verbunden. Die Kundschaft, die mit der alten Währung im Januar gezahlt hat, ist nach seinem Eindruck vielschichtig gewesen. „Im Durchschnitt lag das Alter vielleicht zwischen 40 und 50“, sagt Breuer, als sich die Aktion bereits dem Ende zuneigt. Ihm gefällt die Kundenbindung, die durch die Aktion entstanden ist. Außerdem spricht Breuer von einem „vierstelligen Betrag“, den sein Haus schätzungsweise im D-Mark-Bereich eingenommen hat. Und er untermauert: „Man nimmt jedes Prozent an Gewinn gern mit.“

Genau das denken sie beim Modehaus C&A schon lange. Dort hat sich die D-Mark nie verabschiedet. Sie kann seit dem Jahr 2003 wieder durchgehend als Zahlungsmittel verwendet werden. Auch in der Filiale in Koblenz.

Wer das Geschäft in der Görgenstraße betritt, wird keine Plakate sehen, die auf den offensiven Umgang mit der eigentlich bereits in Vergessenheit geratenen Währung hinweisen. Die D-Mark gehört hier dazu, ohne präsent zu sein. Berührungspunkte gibt es aber trotzdem regelmäßig. Zumindest oft genug, um das hausinterne D-Mark-Konzept nicht mehr infrage zu stellen.

Wenn Sebastian Schlüter über das Verhältnis zwischen D-Mark und C&A spricht, dann ist das für ihn nicht besonderes. Beim Chef der Koblenzer Filiale schwingt kein bisschen Nostalgie mit, Anekdoten zur D-Mark liegen ihm fern oder sind im Lauf der Jahre der Routine gewichen. Er hätte gern ein paar Noten der alten Währung präsentiert, quasi als Beweis, dass es sie bei C&A noch gibt. „Aber die sind für diesen Monat schon abgeholt worden.“ 15 D-Mark hat C&A in der Koblenzer Filiale im Januar 2016 eingenommen. Immerhin. Das Geld ist zur Bundesbank gegangen. Ein Routinevorgang.

Wer für 100 D-Mark Socken kauft, bekommt Euros zurück

Rund 50 Millionen D-Mark hat C&A deutschlandweit seit der Umstellung zum Euro noch eingenommen. Bei einem jährlichen Umsatz, der sich meistens entweder knapp über oder unter der 3-Milliarden-Euro-Grenze bewegt, ist das ein verschwindend geringer Wert. Man nimmt ihn dennoch gern mit. Wenngleich es nur ein Randaspekt des D-Mark-Modells bei C&A ist, damit wirklich Geld zu verdienen. „Für uns gehört das zu unserem Kundenservice dazu“, sagt Schlüter und glaubt, „dass sich die Leute leichter damit tun, das Geld bei uns einzulösen als bei der Bundesbank einzutauschen. Wegen ein paar Mark zur Bundesbank zu fahren, ist ein Schritt, den sich viele bestimmt zweimal überlegen.“ C&A bietet quasi einen verkappten Umtausch an. Wer einen 100-Mark-Schein findet und damit ein Paar Socken kauft, bekommt den Restbetrag in Euro zurück. Einen Mindestbetrag an D-Mark, mit dem bezahlt werden muss, gibt es nicht.

Schlüter sieht immer wieder Menschen in seinen Laden kommen, die auch größere D-Mark-Summen mitbringen. „Teilweise sind sie nach Wohnungsauflösungen an das Geld gekommen, manchmal ist es in Schränken wieder aufgetaucht.“ Einmal kam ein Mann mit einem Sack 1-D-Mark-Münzen. Auch 500-D-Mark-Scheine haben die Mitarbeiter bei C&A seit der Umstellung auf Euro schon angenommen. „Es kommt aber auch vor, dass einen Monat gar nichts reinkommt“, betont Schlüter. „Es gibt keine Kontinuität.“

Wer dem Filialleiter zuhört, gewinnt dennoch den Eindruck, dass er sich ein wenig darüber wundert, mit C&A auf dem D-Mark-Markt im Jahr 2016 eine Ausnahme zu bilden. „Es ist für uns kein zusätzlicher Aufwand“, betont Schlüter. Solange die Bundesbank die alte Währung weiterhin zum Tausch annimmt, wird er auf die Frage, ob sein Geschäft die D-Mark immer noch annimmt, also ebenfalls knapp antworten: ja.