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    Koblenz

    Bemerkenswerte Authentizität im Webber-Musical

    Es ist so ein Sache mit den Musicals von Andrew Lloyd Webber: Die einen lieben sie als gefühliges Entertainment, andere rümpfen die Nase ob schmalziger Plattheit. Das anno 2000 in London uraufgeführte "The Beautiful Game" fällt da etwas aus der Reihe. Denn es ist eine Tragödie auf politischem Untergrund. Und musikalisch erinnert es partiell an die rockige Schärfe von Webbers Frühwerk "Jesus Christ Superstar" (1971). Im Theater Koblenz hat Intendant Markus Dietze das Musical über eine jugendliche Fußballmannschaft im vom Bürgerkrieg geplagten Nordirland jetzt als Co-Produktion mit dem Koblenzer Jugendtheater eingerichtet.

    Raffiniertes Ebenenspiel im Musical "The Beautiful Game" Foto:  M. Baus
    Raffiniertes Ebenenspiel im Musical "The Beautiful Game"
    Foto: M. Baus

    Von unserem Autor Andreas Pecht

    Mehr als die Hälfte der Darsteller auch und gerade in tragenden Rollen sind Amateure vom Jugendtheater. Das schafft in der ersten Hälfte des dreistündigen Abends eine bemerkenswerte Atmosphäre von Authentizität. Denn die Darsteller spielen ihresgleichen: nordirische Jugendliche zwischen Fußballbegeisterung, Partylaune, Zukunftsängsten sowie, selbstredend, Hoffen auf, fast noch mehr Bangen vor frühem Knutschen und Lieben.

    Energetisch aufgeladen

    Gruppendynamik, Jungmännergerangel, Jungfrauenträume, mal provokant, mal verschüchtert, bald stürmisch und keck, bald zart und innig: Das klappt hier prima. Auf Schöngesang kommt es dabei am Rande des Fußballplatzes und in der Umkleide weniger an als auf energetische Aufladung des Geschehens. Soweit, so normal - ob Jugend von heute oder in dieser Geschichte, die 1969 beginnt. Doch grätscht im vorliegenden Fall der bis dato letzte innerchristliche Religionskrieg mannigfach, brutal, ja tödlich in die eigentlich wunderbare Lebensphase des Frühlingserwachens.

    Dietze traut der politischen Kompetenz und Verständlichkeit des Webber-Musicals offenbar nicht recht. Seine Inszenierung schärft diesen Aspekt, wo immer es geht. So verweisen Videoprojektionen im Hintergrund darauf, dass der nordirische Krieg zwischen Katholiken und Protestanten stets auch ein Sozialkonflikt war sowie ein Kampf gegen britische Besatzung. Vom Regieteam eingefügte Zwischentexte, die David Prosenc quasi als heutige Erinnerung an damalige Ereignisse erzählt, informieren. Das zielt nicht zuletzt auf die vielen jungen Leute im Publikum, die zur Zeit des Nordirland-Bürgerkrieges allesamt noch nicht geboren waren.

    Die raffinierte Bühne von Christian Binz stellt sich mit zwei Höhenebenen und durch bewegliche, mit IRA-Graffities versehene, triste Wände in den Dienst der politischen Gewichtung. Selbst in der Musik lässt das Dirigat Karsten Huschkes die neunköpfige Projektband alle sich bietenden Kantigkeiten und Möglichkeiten zur Entromantisierung zugespitzt herausarbeiten. Denn obwohl Webbers Musik hier häufig aus dem gewohnten Rahmen fällt, landet sie doch immer wieder bei säuselnden Balladen - die sich ganz strenggenommen der brutalen Realitätsessenz des Stückes verweigern.

    Darsteller famos ausgewählt

    Im Zentrum der Story stehen drei Mädchen und mehrere Jungs unterschiedlichen Typs, in Koblenz famos besetzt nach den natürlichen Eigenarten der Akteure. Das Spiel von Lena Fuhrmann (Mary), Nora Beisel (Bernadette) und - aus dem Profischauspielensemble - Isabel Mascarenhas (Christine) ist in der ersten Abendhälfte, wo die Mädchen Mädchen sein dürfen, ein Hingucker. In den Rollen nachher als Mütter oder junge Witwe wirken sie etwas fremd.

    Interessanterweise ist es bei zweien der Jungs fast umgekehrt: Paul Mannebach (John) läuft bei seiner Verwandlung im britischen Gefängnis vom lebenslustigen Burschen und Partner Marys in einen düsteren IRA-Kämpfer zur Hochform auf. Ähnlich Ian McMillan. Dem Schauspieler aus dem Theaterensemble fällt die Figur des zynischen, menschenverachtenden IRA-Terrorkaders zu, der John an die Briten verkauft - weil das in seiner perfiden Logik dem Ziel der ewigen Fortsetzung eines nie zu entscheidenden Krieges dienlich ist.

    Die Vorstellung schließt mit einem überraschend einsetzenden Happy End. Musical halt. Doch haben wir bis dahin hochinteressantes, engagiertes Theater gesehen, das sich mit ganz eigenen Qualitäten lautstarken Beifall verdient.

    Termine und Karten unter Tel. 0261/129 28 40

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