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Becherbach hat nichts geahnt – Waffennarr weiter auf freiem Fuß

Becherbach/Kreis Bad Kreuznach – In Becherbach sind alle froh, dass niemand zu Schaden kam. Von dem Pulverfass, auf dem sie jahrelang saßen, will keiner etwas geahnt haben. Und "Pulver-Kurt", dem das Waffenarsenal in einer Becherbacher Scheune gehörte, fanden die meisten sympathisch. Auch in die rechte Ecke will man ihn nicht rücken. Die SS-Uniform, die er hin und wieder trug – Andenken an eine Statistenrolle. Die Staatsanwaltschaft jedenfalls ermittelt gegen den 62-Jährigen, er ist aber auf freiem Fuß.

Becherbach/Kreis Bad Kreuznach – Am Tag nach dem aufregenden Wochenende mit Evakuierung des gesamten Ortes, Räumung eines großen Waffenlagers und kontrollierter Sprengung von 40 Kilogramm Nitroglyzerin ähnlicher Stoffe sind in Becherbach alle froh, dass niemand zu Schaden kam. Nur wenige Menschen sind auf den Straßen zu sehen.

Der Schreck steckt vielen noch in den Gliedern. Von dem Pulverfass, auf dem sie jahrelang saßen, will keiner etwas geahnt haben, zumindest nichts dazu sagen. Den 62-jährigen Frührentner Kurt N. aus Hundsbach, dem das Waffenarsenal in einer Becherbacher Scheune gehörte, kennen die meisten als "Pulver-Kurt" und beschreiben ihn als sympathisch und hilfsbereit.

Dies bestätigt der erste Beigeordnete von Hundsbach, Joachim Heib. Er schilderte den Rentner als „völlig unauffällig, ganz normal“. Lediglich sein „Militärtick“ sei bekannt gewesen. Nach den Waffen- und Sprengstoff-Funden sei das ganze Dorf jetzt „wie paralysiert“. Der Beschuldigte selbst war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Bis vor etwa anderthalb Jahren beteiligte sich Kurt N. noch an regelmäßigen Treffen der Reservistenkameradschaft Sobernheim, die zur Kreisgruppe Nahe-Hunsrück zählt. Der Erste Vorsitzende Peter Wasem (Jeckenbach) charakterisierte ihn als absolut zuverlässigen Menschen, den er früher oft zu Übungen mitgenommen hat. Von rechtsextremistischen Neigungen ist ihm nichts bekannt.

Leiter der Reservistenkameradschaft: "Man darf ihn nicht in die rechte Ecke rücken"

Dennoch wurde seinerzeit ein Ermittlungsverfahren gegen Kurt N. eingeleitet, weil er Rangabzeichen der Deutschen Wehrmacht getragen haben soll. Obwohl die Staatsanwaltschaft es später wieder einstellte, entschied die Bundeswehr, dass Kurt N. nicht mehr an Treffen der Reservistenkameradschaft teilnehmen darf.

So jedenfalls erklärte es Bodo Kirsch, Leiter der Ortsgruppe Winterhauch in Idar-Oberstein. Auch er kennt Kurt N. gut. Die besagte Uniform habe dieser nur als Statist bei Filmaufnahmen der Amerikaner auf dem Truppenübungsplatz in Baumholder getragen, wo entsprechend historische Szenen nachgestellt wurden. "Er hat einen Sammlertick", sagte Kirsch, "aber man darf ihn nicht in die rechte Ecke rücken. Dafür lege ich meine Hand ins Feuer."

Ermittlungen wegen Verstoßes gegen Kriegswaffenkontrollgesetz laufen

Bis zum frühzeitigen Ausscheiden aus dem Berufsleben aus gesundheitlichen Gründen war Kurt N. Werkzeugmacher und Lehrlinsgausbilder bei einem metallverarbeitenden Unternehmen in der Region. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den 62-Jährigen, seinen Sohn und einen weiteren Mann wegen Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz. Die Beschuldigten sind auf freiem Fuß. Die Staatsanwaltschaft begründet dies damit, dass keine Fluchtgefahr und keine Verdunklungsgefahr besteht und auch kein Risiko, dass Beweismittel auf Seite geschafft werden.

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