Archivierter Artikel vom 19.12.2011, 17:13 Uhr

Juni 2011: Ehec wird zum Feind im Essen

Die Bedrohung ist allgegenwärtig. Experten brauchen mehrere Wochen, ehe sie die Ursache für den Ausbruch der Ehec-Epidemie finden: Sprossen, deren Spur nach Ägypten führt. Die Bilanz: 53 Tote allein in Deutschland und eine verunsicherte Bevölkerung.

Es gibt Tage in diesem Jahr, da richten sich Dutzende Fernsehkameras auf einen Lübecker Gastronomen, weil in seinem Lokal „Kartoffelkeller“ die Quelle für einen der aggressivsten Darmkeime der vergangenen Jahre vermutet wird: Enterohämorrhagische Escherichia coli heißt der Feind, der im Essen lauert, kurz Ehec.

3824 Deutsche erkranken, 53 sterben, 855 leiden an der besonders tückischen Variante, dem hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS), verbunden mit Nierenversagen und Nervenleiden.

Die Szenen in dem Lübecker Lokal sind Teil einer beispiellosen Hetzjagd auf der Suche nach der Quelle des aggressiven Darmkeims. Sie beginnt Anfang Mai, als die ersten Ehec-Fälle in Norddeutschland bekannt werden. Besonders stark ist Hamburg betroffen. Allein am Uniklinikum in Eppendorf wird bei 137 Erwachsenen das besonders schwer zu behandelnde HUS diagnostiziert.

Ehec ist den Forschern nicht unbekannt: Die Mikroorganismen existieren normalerweise im Verdauungssystem von Wiederkäuern, jedes Jahr infizieren sich weltweit rund 1000 Menschen mit diesem Durchfallkeim. Doch die Ehec-Welle im Frühsommer 2011 unterscheidet sich erheblich von früheren. Die Erkrankungen verlaufen wesentlich dramatischer – zum heftigen Durchfall kommen für viele Nierenversagen, Gehirnschäden, Koma, wenn es sich um einen HUS-Fall handelt. Der neue Bakterienstamm vereint das Erbgut menschlicher und tierischer Erreger, der Großteil seiner DNA stammt von einem afrikanischen Bakterienstamm. Kerngesunde Menschen liegen plötzlich auf der Intensivstation.

Am 24. Mai dann der Schock: Drei Frauen, die in Norddeutschland an Ehec erkrankt sind, sterben nach einer Infektion mit dem tückischen Darmbakterium. Bereits zwei Tage vorher warnt das Robert Koch-Institut (RKI) vor einer möglichen Quelle des Erregers: Tomaten, Gurken und frischer Salat. In den Fokus der Gesundheitsermittler geraten Salatbars, wo es vorbereitete Salatteile gibt. Die Vermutung liegt nah: Denn alle Ehec-Kranken haben Salat gegessen. Dass es sich aber nur um eine Vermutung handelt, gesteht RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher damals schon ein: „In der Vergangenheit hatten wir es mit viel kleineren Ausbrüchen zu tun. Manchmal konnte das sehr schnell eingegrenzt werden. Aber es gab auch Ausbrüche, bei denen man einfach nichts zum Ursprung gefunden hat. Die Suche nach der Herkunft der Erreger dürfte vermutlich keine Sache von Stunden, sondern eher von Tagen oder Wochen sein.“ Es ist eine Vermutung mit dramatischen wirtschaftlichen Auswirkungen: Nach dieser Warnung bricht der Absatz von frischem Gemüse dramatisch ein. Später bekommen die Landwirte millionenschwere Entschädigungen für diesen teuren Irrtum.

Das deutsche Kompetenzwirrwarr mit vielen unterschiedlichen Verantwortlichen bei Bund und Ländern gerät dabei zunehmend unter Beschuss. EU-Gesundheitskommissar John Dalli kritisiert die Deutschen für ihre voreiligen Warnungen vor spanischen „Killergurken“. Später bemängelt der Rechnungshof, dass „die mehr als 400 verschiedenen Kontrollbehörden“ bei der Überwachung „uneinheitlich“ arbeiten. Für künftige Epidemien schlägt der Rechnungshof einen nationalen Krisenstab vor.

Erst Anfang Juni werden Gurken, Salat und Tomaten rehabilitiert. Schuld sind Sprossen. Die heiße Spur führt zu einem Biohof im niedersächsischen Bienenbüttel, der auch Sprossen züchtet. Er hat Bockshornkleesamen aus Ägypten über Zwischenhändler bezogen. Auch der Ehec-Keim wird enttarnt: O104:H4 – eine besonders aggressive Genkombination aus zwei Bakterienstämmen. Die Enttarnung hilft bei der Suche nach einer Therapie für die vielen hilflosen Ehec-Patienten, die besonders Ärzte und Pflegepersonal in norddeutschen Kliniken in Atem halten. Mehrere Forscher entdecken, dass der Antikörper Eculizumab bei der Behandlung von HUS-Fällen wirkt. Bislang wurde dieser Wirkstoff gegen bösartige Bluterkrankungen eingesetzt.

Am 26. Juli erklärt das RKI die Ehec-Epidemie für beendet. Doch bis heute müssen Hunderte HUS-Patienten zur Nachuntersuchung. Und Experten warnen Verbraucher mit geschwächter Immunabwehr immer noch davor, rohe Sprossen zu essen. Denn weiterhin ist unklar, wo und wie die Samen aus Ägypten mit dem Ehec-Erreger in Kontakt geraten sind.

Von unserem Redakteur Christian Kunst

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