Archivierter Artikel vom 19.12.2011, 17:17 Uhr

Dezember 2011: Geisterstadt für einen Tag

Ausnahmezustand in Koblenz: Um eine 1,8 Tonnen schwere Luftmine aus dem Zweiten Weltkrieg im Rhein zu entschärfen, müssen 45 000 Menschen am zweiten Adventssonntag ihr Zuhause verlassen. Die halbe Stadt wird evakuiert – die ganze Welt schaut gebannt zu.

Es war einer dieser Anrufe, die im Vorfeld der größten Evakuierung in der deutschen Nachkriegsgeschichte in unserer Redaktion in Hülle und Fülle aufschlugen. „Liegen die Bomben bei euch in Koblenz da einfach so herum?“, wollte eine Journalistin aus dem Bostoner US-Büro des britschen TV-Senders BBC wissen – merklich besorgt, dass ein Spaziergänger die 1,8 Tonnen schwere britische Luftmine im Rhein bei Koblenz-Pfaffendorf entdeckt hatte.

Entschärfung Luftmine im Rhein
Herr der Bomben: Horst Lenz, Chef des Kampfmittelräumdienstes Rheinland-Pfalz, im Angesicht der riesigen Luftmine
Foto: dpa
Eine andere Journalistin, dieses Mal vom Schwedischen Nationalen Radio, ließ sich ebenfalls die angespannte Situation in der Stadt am Deutschen Eck bis ins Detail erklären. Aus Neuseeland wiederum erreichte uns Post einer freien Mitarbeiterin unserer Zeitung mit einem Zeitungsartikel und dem Vermerk: „Koblenz hat es sogar bei uns in die Nachrichten geschafft.“

Ja, denn ob Neuseeland, Australien, China, die USA oder Afrika – die Medien der Welt blickten gespannt auf die 106 000-Einwohner-Stadt an Rhein und Mosel, die am Sonntag, 4. Dezember, rund zwei Wochen nach dem Bombenfund am Rhein, für einen Tag einer Geisterstadt glich. 45 000 Koblenzer hatten zu diesem Zeitpunkt in den frühen Morgenstunden die Stadt verlassen müssen – das Evakuierungsgebiet rund um die Bombe(n) im Rhein war gigantisch. Zwei Krankenhäuser, sieben Seniorenheime, ein Hospiz sowie ein Gefängnis wurden geräumt, für die rund 2500 Helfer in Koblenz eine logistische Mammutaufgabe, die allesamt – Stadt, Hilfskräfte und schließlich die Bürger – mit großer Gelassenheit und Bravour meisterten.

In den Wochen zuvor hatte Vater Rhein – durch lange Trockenheit ausgedurstet wie seit Ewigkeiten nicht mehr – seine Waffenkammer geöffnet. Seither gab es kaum einen Tag ohne neue Bombenfunde oder Nebelfässer. So war auch die riesige Luftmine im Rhein vor Koblenz-Pfaffendorf nicht allein, eine 125 Kilogramm schwere Fliegerbombe sowie ein Nebelfass leisteten dem Angst einflößenden Sprengsatz mehr oder weniger munter Gesellschaft.

„Habt ihr Experten des britischen Kampfmittelräumdienstes angefordert?“, wollte die BBC-Journalistin ferner wissen. Nein, hat Koblenz nicht. Koblenz hat doch Horst Lenz, Chef des rheinland-pfälzischen Kampfmittelräumdienstes und seit Jahrzehnten kampferprobter Entschärfer. Er schützt die Rheinland-Pfälzer seit Jahr und Tag vor dem Weltkriegsschrott, landauf, landab. Doch was auf den ruhigen, viel lieber in der zweiten Reihe arbeitenden 56-Jährigen in den Tagen der riesigen Evakuierung hereinbrach, war auch für den charismatischen Kampfmittelräumer neu. „So etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagte Lenz und meinte den weltweiten Medienrummel auch und vor allem um seine Person und verheimlichte nicht, dass ihn das durchaus nervt. „Es wird schon nichts passieren“, beruhigte er die Koblenzer, von denen der eine odere andere ihm wiederum am Tag der Entschärfung Schutzengel schenkte. „Das hat mich berührt.“

Es wird also nichts passieren – Horst Lenz sollte an besagtem Sonntag recht behalten. Um 15.48 Uhr hat er mit seinem Team die Fliegerbombe und die Luftmine entschärft, dann traditionell zuerst seine Frau angerufen und ihr erzählt, dass es ihm gut geht. Um 16.26 Uhr war dann auch mit lautem Knall das Nebelfass gesprengt, der Spuk in der Geisterstadt Koblenz vorbei. Nach und nach kehrten 45 000 Menschen zurück, so diszipliniert, wie sie die Stadt verlassen hatten. Am Montag waren dann alle Koblenzer wieder daheim – auch die vielen Patienten, Senioren und Gefängnisinsassen. Der Held des zweiten Adventssonntages indes wollte sich ganz und gar nicht als Held sehen. „Wenn, dann sind wir alle Helden“, sagte Lenz.

Einen Tag später sollte dann erneut die Weltpresse berichten, dass in der Stadt an Rhein und Mosel wieder der Alltag Einzug hält. „Eine Stadt atmet auf“, schrieb die schwedische Zeitung „Svenska Dagbladet“. Ja, Koblenz atmet auf und hofft, dass Horst Lenz es mit seinen verschmitzten Abschiedsworten nicht allzu ernst meint: „Bis zum nächsten Mal.“ Bundesgartenschau und Bombe – was für ein Koblenzer Jahr!

Von unserem Redakteur Rainer Stauber

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