Archivierter Artikel vom 22.04.2011, 21:35 Uhr

Strahlenmediziner verlangt radikale Senkung der Grenzwerte

München/Minsk (dpa) – Der Strahlenmediziner Prof. Edmund Lengfelder hat eine drastische Absenkung der Grenzwerte für Radioaktivität verlangt.

München/Minsk (dpa) – Der Strahlenmediziner Prof. Edmund Lengfelder hat eine drastische Absenkung der Grenzwerte für Radioaktivität verlangt.

Die Grenzwerte für Lebensmittel, aber auch für Wasser und Luft in der Umgebung von Atomkraftwerken in Deutschland müssten um den Faktor zehn gesenkt werden, sagte der Münchner Wissenschaftler der Nachrichtenagentur dpa zum 25. Jahrestag der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Lengfelder gründete die Gesellschaft für Strahlenschutz und das Münchner Otto Hug Strahleninstitut. Er betreut bis heute Menschen mit Schilddrüsenkrebs in der Katastrophenregion.

Bis heute sei die Radioaktivität in Böden und Lebensmitteln in Russland, Weißrussland und der Ukraine, aber auch in Deutschland erhöht, vor allem durch radioaktives Cäsium – hier sei noch nicht einmal die erste Halbwertszeit von 30 Jahren vorüber.

„Ich bin der Meinung, dass in einem reichen Land wie Deutschland die Grenzwerte auf jeden Fall gesenkt werden müssten – wir können uns das leisten“, sagte Lengfelder. Die Grenzwerte im stark betroffenen Weißrussland etwa für Milch lägen bei einem Drittel der deutschen Werte. „Sie sind dort sehr strikt, weil die Gesundheitsbehörden sagen: Jede zusätzliche Strahlenbelastung wird sich in ein paar Jahrzehnten in Form von zusätzlichen Erkrankungen niederschlagen und die Behandlung wird viel teurer, als wenn wir heute saubere Lebensmittel im Markt haben.“

Grenzwertüberschreitungen als Tschernobylfolge gebe es in Deutschland praktisch nur in besonders betroffenen Regionen im Süden bei Pilzen und Wildschweinen, die auch viele Pilze fressen. Aber: „Grenzwert bedeutet ja nicht: Hier ist es völlig unschädlich und dort ist Gefahr. Sondern es ist eine politische Entscheidung, die ein gewisses Maß an Gesundheitsschäden toleriert.“

Die Grenzwerte für den Normalbetrieb von Atomkraftwerken in Deutschland von je 0,3 Millisievert für Abwasser und Abluft etwa stammten noch aus den 1950er Jahren. „Damals hat man nur auf die genetischen Schäden geschaut, nicht auf Krebs.“ Dabei sei man zudem davon ausgegangen, dass Eltern nur bis zum 30. Lebensjahr Kinder zeugen würden. „Diese Grenzwerte haben sich immer orientiert an der zumutbaren Belastung für die Atomwirtschaft.“ Mit dem primärem Gesundheitsschutz habe das nichts zu tun.

In Bayern, wo nach Tschernobyl besonders viel radioaktiver Fallout niederging, seien die gesundheitlichen Folgen schwer zu messen, da es kein Krebsregister gibt. Im benachbarten Tschechien, wo der Fallout geringer war, sei jedoch nach Tschernobyl ein signifikanter Anstieg von Schilddrüsenkrebs nachgewiesen.

Von Sabine Dobel