Archivierter Artikel vom 15.11.2012, 09:00 Uhr

RZ-KOMMENTAR: Attest am ersten Tag darf keine Drohkulisse sein

Ein Arbeitnehmer meldet sich krank – ein Arbeitgeber will sofort ein ärztliches Attest. Das ist und bleibt in Deutschland weiterhin möglich, und alles andere als diese Entscheidung des Bundesarbeitsgerichts wäre auch sehr befremdlich gewesen.

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Schließlich kostet ein erkrankter Mitarbeiter das Unternehmen auch bares Geld – und zwar vom ersten Krankheitstag an. Deswegen muss es Firmen erlaubt sein, in bestimmten Fällen flexibel reagieren zu können – zum Beispiel auf Mitarbeiter, die ihre Krankheiten gern immer an Montagen, Freitagen oder Brückentagen nehmen und dafür auch keine plausible medizinische Erklärung parat haben.

Unternehmen tun allerdings gut daran, wenn sie daraus kein allgemeingültiges Prinzip machen oder die Forderung nach einem sofortigen Attest gar als Drohkulisse für die Mitarbeiter aufbauen. Denn es gibt gute Gründe dafür, dass in den meisten Firmen die Regel gilt: Wer krank wird, der muss erst vom dritten Tag an einen gelben Schein vorlegen.

Man kann sich leicht ausmalen, was passiert, wenn jeder Mitarbeiter sofort im Wartezimmer einer Arztpraxis landet. In vielen Fällen wird aus dem ehemals einen Krankheitstag wahrscheinlich viel mehr. Zwei, vielleicht drei Tage – oder gleich die ganze Woche. Ein Attest am ersten Krankheitstag als Grundprinzip ist zudem ein deutliches Zeichen von Misstrauen, das der Chef gegenüber seinen Mitarbeitern hegt. Ein gutes Betriebsklima sieht anders aus.

Also liegt auch hier die Wahrheit wieder in der Mitte. Wer krank wird, der sollte weiter angstfrei und ohne Bürokratie die Möglichkeit haben, sich zu Hause einen oder zwei Tage auszukurieren und dann wieder gesund an den Arbeitsplatz zurückzukehren. Wer krank ist, ist krank. Wenn aber jemand diese Chance ausnutzt, muss ein Unternehmen auch reagieren können. Mit intensiven persönlichen Gesprächen und – wenn das nicht hilft – mit der Forderung nach dem gelben Schein schon am ersten Tag.

In Zeiten wachsender Arbeitsverdichtung wird aber ohnehin ein ganz anderes Thema immer wichtiger: die betriebliche Prävention. Unternehmen sollten ein glaubwürdiges Signal an die Belegschaft senden, dass ihnen die Gesundheit der Mitarbeiter etwas wert ist. Viele Firmen haben bereits erkannt, dass sich Gesundheitsvorsorge im Unternehmen im wahren Wortsinn bezahlt macht. Experten rechnen nämlich vor, dass jeder dort investierte Euro sich mit respektablen 8 Euro auf der Umsatzseite niederschlägt. Wenn das mal kein Grund ist, intensiver darüber nachzudenken. Und vielleicht führt das schon bald dazu, dass dem Unternehmen viel weniger gelbe Scheine ins Haus flattern.

E-Mail: manfred.ruch@rhein-zeitung.net