Archivierter Artikel vom 19.01.2013, 09:26 Uhr

Kommentar: Für ein Geständnis ist es niemals zu spät

Wahrscheinlich ist es zu spät. Diesen Satz sagte Lance Armstrong gleich zu Beginn seiner TV-Beichte. Zu spät, um zuzugeben, dass alle stolzen Siege der Jahre 1999 bis 2005 mithilfe von Betrug erreicht wurden. „Zu spät für wahrscheinlich die meisten Leute“, erklärte Armstrong.

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Volker Boch
Volker Boch

Für seine Fans, die an den Alpenhängen der Tour de France gestanden haben, die ihn bejubelten, als er mit Jan Ullrich, Marco Pantani und Joseba Beloki die steilen Rampen hinaufgeflogen war. Armstrong war bei all seinen Siegen in Frankreich beflügelt von Substanzen wie EPO, Kortison, Testosteron und Wachstumshormon, er wurde angeschoben durch Blutdoping. In der Tat ist es spät, dies einzugestehen – sagen die Kritiker. Armstrong ist schließlich bereits von der US-Anti-Doping- Behörde lebenslang gesperrt worden. Armstrongs Gegner fordern deshalb noch mehr: dass er umfassend auspackt und die Grauzonen des Betrugs ausleuchtet.

Armstrong könnte durchaus zu einem der besten Kronzeugen der Sportgeschichte werden, all die düsteren Verflechtungen aufzeigen und dazu beitragen, den nach wie vor sportartenübergreifend existierenden Sumpf etwas trockenzulegen. Aber wer dies fordert, vergisst, wer da auf dem Polsterstuhl neben Oprah Winfrey gesessen hat: ein Ausnahmesportler, der seit seiner Jugendzeit als knallharter Bursche galt, leistungsorientiert, extrem selbstbewusst, mit Killerinstinkt ausgestattet. Der zuschnappt wie eine Kobra. Armstrong ist in seiner Karriere nicht gerade als Sozialarbeiter aufgefallen, sondern als eiskalter, erfolgsbesessener Jäger. Armstrongs Leben basiert auf sieben Tour-de- France-Siegen, er hat dafür alles investiert, riskiert und andere für sich arbeiten lassen bis zur Selbstaufgabe. Wenn ein derart extremer Profisportler ein Geständnis ablegt, ist dies bemerkenswert.

Für seine Verhältnisse hat Armstrong viel gebeichtet – er hat sein Leben als Sportler, seine Identität als Mensch geopfert, um aufzuräumen mit einer Lebenslüge. Armstrong war ein Athlet, der alles zu kontrollieren suchte, seine Teams, sein Training, sein Dopingprogramm und seine Gegner. Nun sagt er, dass er zum zweiten Mal in seinem Leben die Kontrolle verloren habe. Wie 1996, als bei ihm Hodenkrebs diagnostiziert wurde. Er hat jahrelanges Doping auch deshalb gestanden, um wieder die Kontrolle über sein Leben zu gewinnen.

Für den Sport ist dieses Geständnis wichtig, nicht nur für den Radsport. Denn Armstrong bekennt sich als einer der erfolgreichsten Athleten aller Zeiten. Wenn Funktionäre nun fordern, er müsse viel mehr offenbaren, ist es heuchlerisch; sie wissen, wie sehr heute noch getrickst wird, und unterstützen dies teils sogar hinter vorgehaltener Hand auf der Jagd nach Medaillen. Wenn Spitzensportler aufschreien, dass sie enttäuscht sind von Armstrong, dann sind sie entweder sehr sauber oder eventuell sogar einer der berühmten gebissenen Hunde. Armstrong ist und bleibt ein Betrüger, seine Wahrheit kommt spät, und sie ist sicher nicht umfassend. Aber grundsätzlich gilt: Für wahre Worte ist es niemals zu spät.