Köln/Koblenz

Kleinverleger Schroer greift „System Amazon“ an

In der Welt der Buchverlage spielt Christopher Schroer eine kleinere Rolle. Doch sein Vorstoß gegen das „System Amazon“ wird ihm wohl zu größerer Bekanntheit verhelfen. In einem offenen Brief wendet sich der Inhaber des Verlages „Die neue Sachlichkeit“ aus Lindlar bei Köln an den US-Giganten des Onlinehandels.

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Amazon-Logistikzentrum in Pforzheim
Verpacken für den bequemen Einkäufer und den Profit des Konzerns: Onlinehändler Amazon erzielt mit umstrittenen Spielregeln große Umsätze.
Foto: DPA

Köln – In der Welt der Buchverlage spielt Christopher Schroer eine kleinere Rolle. Doch sein Vorstoß gegen das „System Amazon“ wird ihm wohl zu größerer Bekanntheit verhelfen. In einem offenen Brief wendet sich der Inhaber des Verlages „Die neue Sachlichkeit“ aus Lindlar bei Köln an den US-Giganten des Onlinehandels.

In seinem dreiseitigen Schreiben skizziert er die Daumenschrauben, die Amazon offenbar nicht nur weiten Teilen seiner Mitarbeiter anlegt.

Nach mehr als drei Jahren Zusammenarbeit kündigt Schroer in dem Schreiben die Partnerschaft mit Amazon auf. Ihm reicht's. „Dass Sie Ihre Marktmacht gegenüber Ihren ,Partnern' rigoros ausnutzen, sollte wohl jedem klar sein“, schreibt Schroer. Bereits als sich der Verleger im Oktober 2009 auf Amazon eingelassen hatte, wusste er, wie groß die Macht des Versenders ist.

Nach den Regeln der Marktwirtschaft

Amazon spielt nach den Regeln der Marktwirtschaft, lotet aber offensichtlich die Grenzen aus. „Alle, die in diesem System mit drin hängen, müssen bluten“, sagt Schroer, „Lieferanten, Mitarbeiter, Zusteller.“ Der Konzern profitiere davon, dass er an vielen Stellen Druck aufbaut. Die Behandlung von Leiharbeitern ist dabei nur eines von vielen Themen. Dass es bislang am Standort Koblenz bei mehr als 1000 Mitarbeitern keinen Betriebsrat gibt und sich die Kommunikation mit den zuständigen Stellen im Unternehmen laut Angestellten und der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi überaus schwierig gestaltet, ist ein weiteres Detail.

Im bayerischen Amazon-Logistikzentrum Graben – mit 2500 Mitarbeitern – wurde am Freitag die Wahl eines ersten Betriebsrates verkündet, nach zähem Ringen. Verdi hofft darauf, dass es dort gelingt, die Bedingungen für die Mitarbeiter in deren Sinn zu gestalten. Nicht nur die jüngst gezeigte Dokumentation der ARD beschrieb reichlich Potenzial.

Seine Position im Markt gibt dem Giganten Amazon große Macht gegenüber allen Beteiligten im System von Einkauf und Verkauf via Internet. Dass der Kunde bequem ein Buch, einen Kühlschrank oder einen Hochzeitsanzug über die Internetplattform bestellen kann, während er zu Hause auf dem Sofa sitzt, verändert nicht nur sein Einkaufsverhalten. Per Knopfdruck bestätigt der Verbraucher ein System, in dem er selbst Sieger im Preiskampf sein mag, in dem es aber sonst vor allem Verlierer zu geben scheint.

Verleger Schroer beschreibt, wie der Verkauf eines Artikels, in seinem Fall von Büchern, über Amazon funktioniert: Zunächst registriert sich der Anbieter als Lieferant auf der Amazon-Plattform für das Verkaufsprogramm „Advantage“. Dass das System diesen Namen trägt, der übersetzt „Vorteil“ bedeutet, erscheint Anbietern wie Schroer im Nachhinein als Hohn. 29,95 Euro pro Jahr zahlte Schroer als eine Art Teilnahmegebühr, um bei Amazon Artikel einstellen zu können. Während er sein Verkäuferprofil in eine Computermaske eintippte, erschienen auf dem Bildschirm klare Bedingungen: 50 Prozent des Endpreises von jedem verkauften Buch gehen direkt als Rabatt für Amazon ab. „Das ist laut Buchpreisbindungsgesetz der höchstmögliche Satz“, sagt Schroer. Auch andere Zwischenhändler erhalten solche Rabatte, üblich sind im Buchhandel zwischen 30 und 50 Prozent. Der Unterschied ist jedoch, dass Amazon nicht für die Ware in Vorkasse tritt. „Das Geld fließt erst, wenn Amazon den Betrag für den verkauften Artikel erhalten hat.“ Es funktioniert so: Verkäufer Schroer musste eine Rechnung schreiben und diese statt zur deutschen Niederlassung in München nach Großbritannien schicken. Per Post, denn E-Mail-Verkehr ist hier beim Onlinehändler nicht vorgesehen.

60 Tage als Zahlungsziel und 2 Prozent Skonto

Bei der Abrechnung behält sich Amazon laut Schroer zudem das Recht vor, bei der Zahlung der Lieferanten-Rechnungen binnen der ersten 60 Tage 2 Prozent Skonto abzuziehen. Das Zahlungsziel ohne Abzug liegt demnach bei 90 Tagen. Schwierig wird es laut Schroer, wenn zwar eine Rechnung gestellt, diese aber nach 90 Tagen nicht bezahlt ist, weil sie offiziell nicht in Großbritannien vorliegt. Ist die Rechnung offenbar in der Post verloren gegangen, muss sie neu gestellt werden – mit 60 Tagen Skontofrist.

Schroer hat erlebt, wie sich die Begleichung von Rechnungen in die Länge ziehen kann. Er berichtet von der unvollständigen Bezahlung einer im Februar 2012 gestellten Rechnung und seinem langen und zähen Schriftwechsel mit der zuständigen Stelle in Großbritannien. Die Schreiben liegen der Redaktion vor. Im Dezember 2012 erhielt Schroer das Geld.

Amazon ist als (Werbe-)Plattform des Handels enorm wichtig – gerade auch für kleinere Verlage. „Wer nicht bei Amazon gelistet ist, existiert nicht“, sagt Schroer.

Lieferanten werden intern von Amazon bewertet. „Das läuft wie bei einer Rating-Agentur“, sagt Schroer. Er hat versucht, schlechten Bewertungen zu entkommen und Amazons Spielregeln akzeptiert. Bis er sich entschloss, das „System Amazon“ zu verlassen.

Von unserem Redakteur Volker Boch