Archivierter Artikel vom 24.06.2013, 07:00 Uhr
Berlin

Expertin: Viele arbeiten unterhalb ihrer Qualifikation

Deutschland kann es sich nicht mehr leisten, auf ausgebildete Fachkräfte zu verzichten, sagt Christine Langenfeld, Vorsitzende des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration. Das Interview führ Rena Lehmann:

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Berlin – Deutschland kann es sich nicht mehr leisten, auf ausgebildete Fachkräfte zu verzichten, sagt Christine Langenfeld, Vorsitzende des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration. Das Interview führ Rena Lehmann:

Wie oft kommt es vor, dass eine Migrantin in Deutschland als Putzfrau arbeitet statt in ihrem gelernten Beruf Krankenschwester?

Wir wissen, dass es eine erhebliche Zahl von Zuwanderern in Deutschland gibt, die nicht in ihrem erlernten Beruf in Deutschland arbeiten können, sondern unterhalb ihrer Qualifikation beschäftigt sind. Bei den Gesundheitsberufen ist das natürlich ganz besonders ärgerlich, da wir dort einen dringenden Bedarf haben.

Kann sich Deutschland noch leisten, auf solche ausgebildeten Arbeitskräfte zu verzichten?

Deutschland kann sich das in einer ganzen Reihe von Berufen sicher nicht mehr leisten. Der Mangel an Fachkräften wird sich infolge des demografischen Wandels noch verstärken. Deutschland ist darauf angewiesen, das Potenzial, das vorhanden ist, auch auszuschöpfen. Mit dem Anerkennungsgesetz haben Migranten seit 2012 Anspruch darauf, dass ihr Abschluss geprüft wird.

Wie funktioniert das bislang?

Rechtlich gesehen, ist es ein ganz großer Fortschritt. Allerdings lässt sich heute noch nicht genau sagen, wie es sich auf diejenigen auswirkt, die seit Längerem in Deutschland leben. Eines ist aber schon sicher: Das Interesse an einer solchen Anerkennung des erlernten Berufs ist riesengroß. Es gibt Hunderttausende von Zugriffen auf die einschlägigen Informationsportale. Aber wirklich valide Zahlen über die Höhe der Anerkennungen liegen noch nicht vor.

Ist es eher leicht oder eher schwer, eine Anerkennung zu erhalten?

In Deutschland sind Zuständigkeiten sehr kompliziert geregelt: Für manche Berufe ist der Bund zuständig, für manche die Länder, mal muss der Antrag bei der Handwerkskammer gestellt werden, mal bei den Industrie- und Handelskammern. Ich bin trotzdem optimistisch, dass das Gesetz einiges von dem Fortschritt hält, was es verspricht.

30 000 Anträge sind im ersten Jahr eingegangen, seit es das Anerkennungsgesetz gibt. Das ist nicht gerade viel…

So eine Neuregelung muss ja erst einmal bekannt werden. Außerdem fehlen noch eine Reihe von Ländergesetzen, die zum Beispiel die Anerkennung von Lehrern und Ingenieuren regeln. Ein weiteres Problem: Für die Gesundheitsberufe müssen die Länder das Bundesgesetz umsetzen. Hier ist eine einheitliche Umsetzung noch nicht gesichert.

Etwa bei Ärzten: Für sie sind gemeinsame Standards für die Anerkennung der Gleichwertigkeit der ärztlichen Ausbildung noch nicht etabliert. Es muss aber vermieden werden, dass es zu Unterschieden in der Anerkennungspraxis kommt.

Ein Flickenteppich bei der beruflichen Anerkennung?

Bund und Länder müssen dafür sorgen, dass eine möglichst einheitliche Umsetzung erfolgt. Wichtig ist, dass die Anerkennung in einem Bundesland auch in allen anderen Bundesländern gilt. Ob dieses Ziel erreicht wird, lässt sich erst feststellen, wenn alle Ländergesetze erlassen wurden.

Die Wirtschaft mahnt seit Langem eine bessere Anerkennungs- und Willkommenskultur von Zuwanderern an. Wie weit ist man davon noch entfernt?

Jeder Zuwanderer hat in Deutschland einen Rechtsanspruch auf ein Prüfverfahren zur Anerkennung seines Abschlusses, egal, ob er aus einem Drittstaat oder aus der EU stammt. Und die Anerkennung kann schon aus dem Ausland beantragt werden. Eine philippinische Krankenschwester kann eine Prüfung ihres Abschlusses somit schon vor ihrer Einreise vornehmen lassen. Das ist wirklich etwas Neues. Man muss das Gesetz jetzt aber auch möglichst unbürokratisch umsetzen.

Was bedeutet das Gesetz für die Integration?

Wenn Menschen in ihrem erlernten Beruf arbeiten können, gelingt ihre Integration in den Arbeitsmarkt und die Integration in die Gesellschaft leichter.