Archivierter Artikel vom 15.07.2012, 15:30 Uhr
Berlin

Dieter Graumann,Präsident des Zentralrats der Juden: Beschneidung muss legal bleiben

Nach langem Zögern hat die Bundesregierung reagiert: Sie will klarstellen, dass religiöse Beschneidung keine Körperverletzung ist. Der Zentralrat der Juden spricht von einem Zeichen der Ermutigung. „Die Beschneidung ist für Juden absolut elementar“, sagt Zentralratspräsident Dieter Graumann unserer Zeitung.

„Mit einem Beschneidungsverbot ist kein jüdisches Leben in Deutschland mehr möglich“, sagt Zentralratspräsident Dieter Graumann.
„Mit einem Beschneidungsverbot ist kein jüdisches Leben in Deutschland mehr möglich“, sagt Zentralratspräsident Dieter Graumann.

Das Interview im Wortlaut:

  • Was hat das Kölner Beschneidungsurteil ausgelöst?

Es hat eine ganz große Verunsicherung bewirkt. Es gibt nicht nur Irritationen unter den jüdischen Menschen in Deutschland, es gibt auch einen Sturm kritischer Fragen aus der ganzen Welt. Viele wollen wissen: Was ist in Deutschland los? Können Juden überhaupt noch leben in Deutschland? Die Beschneidung ist für Juden absolut elementar. Sie gehört konstitutiv zum Glauben dazu. Das muss man in Deutschland noch besser verstehen lernen. Wenn ein solches Urteil zur Rechtslage würde, dann wären die Juden kalt in die Illegalität abgedrängt. Dann wäre in letzter Konsequenz jüdisches Leben in Deutschland nicht mehr möglich. Das ist sehr ernst gemeint, und darüber muss sich jeder im Klaren sein.

  • Werden jüdische und muslimische Eltern mit ihren Knaben bereits zum Kurpfuscher getrieben?

Das Urteil hat keine Bindungswirkung für andere Gerichte. Deshalb ist die Beschneidung in Deutschland weiter legal und legitim. Wenn sich das Urteil aber zur Rechtslage entwickelt, dann wäre Deutschland das einzige Land in der ganzen Welt, in dem Beschneidungen nicht mehr möglich sind. Das kann und das will ich mir einfach nicht vorstellen.

  • Was erwarten Sie jetzt von der Politik?

Ich habe Briefe an die Bundeskanzlerin, an den Innenminister, die Justizministerin, an alle Ministerpräsidenten und alle Fraktionsvorsitzenden im Bundestag geschrieben und eindringlich an sie appelliert, eine überparteiliche Gesetzesinitiative zu ergreifen, um klarzumachen, dass Beschneidung in Deutschland legal bleibt und jüdisches – und muslimisches – Leben hier willkommen ist. Der Nebel von Unsicherheit muss nun zügig und resolut vertrieben werden. Wir brauchen einen klaren Rechtsrahmen, der Beschneidungen eindeutig legitimiert. Der Bundestag hat die Möglichkeit, ein solches Gesetz zu beschließen, er sollte das schnell tun.

  • Wie beurteilen Sie die jüngsten Ankündigungen von Regierung und Opposition, gesetzlich aktiv zu werden?

Es ist ein wichtiges und ein richtiges Signal, das mich sehr freut. Für uns ist es ein Zeichen der Ermutigung, dass die Regierung und zwei Oppositionsparteien unsere Sorgen ernst nehmen – auch wenn Die Linke hier unter Sprachlosigkeit leidet. Mich ärgert die Unterstellung, Beschneidungen seien gegen das Kindeswohl gerichtet. Jüdische Eltern gehen für ihre Kinder durchs Feuer und haben keinen Belehrungsbedarf.

  • In Mönchengladbach beten Muslime in einer früher evangelischen Kirche – wie stark ändert sich das religiöse Leben in Deutschland?

Die religiöse Landschaft differenziert sich. In den vergangenen 20 Jahren haben die beiden großen Kirchen in Deutschland acht Millionen Mitglieder verloren. Das ist eine dramatische, eine traurige Entwicklung. Da ich selbst ein gläubiger Mensch bin, tut mir das weh. Die Übernahme der Kirche in Mönchengladbach durch eine alevitische Gemeinde ist sicher ein Einzelfall. Aber solange darin weiter geglaubt und gebetet wird – warum nicht?

  • Die jüdischen Gemeinden prosperieren?

Ich wünschte, es wäre überall so. Jedenfalls lässt sich feststellen, dass die jüdische Gemeinschaft in Deutschland neu und frisch erblüht. Wir profitieren davon, dass viele jüdische Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion zu uns gekommen sind. 90 Prozent unserer Gemeinschaft bestehen aus diesen neuen Mitgliedern. Das ist für uns ein enormes Geschenk, eine enorme Bereicherung, durch die wir nun viele neue Synagogen und Rabbiner überall haben. Ein schöneres Kompliment kann man Deutschland doch gar nicht machen, als dass so viele jüdische Menschen ihre Zukunft wieder diesem Land anvertrauen.

  • Lässt sich daraus schließen, dass auch die eine oder andere nicht mehr genutzte katholische oder evangelische Kirche zu einer Synagoge wird?

Das will ich gar nicht ausschließen. Es gäbe Schlimmeres.

  • Machen Sie sich angesichts der Mitgliederverluste bei den großen Kirchen Sorgen um die christlich-jüdische Prägung Deutschlands?

Ich mache mir schon Sorgen um die nachlassende Kraft des Glaubens. Das ist nicht nur bei Katholiken und Protestanten so. Wir haben zwar immer mehr und immer schönere Synagogen, die aber zugleich immer leerer werden. Wir müssen aufpassen, dass Synagogen nicht zu Museen werden.

  • Uns beschäftigt in diesen Tagen auch das Wirken des Verfassungsschutzes auf dem Feld des Rechtsextremismus. Haben Sie noch Vertrauen in die Arbeit der Sicherheitsorgane?

Wir wollen Vertrauen zu den Sicherheitsbehörden haben können. Deshalb werden sie noch viele kritische Frage beantworten müssen. Was sich hier offenbart, ist ein Desaster. Das sind vertrauenszerstörende Verhältnisse. Hier muss sich ohne Zweifel viel ändern. Der Umgang mit Akten nach dem Motto „gesucht, gefunden, geschreddert“ ist ein Stück aus dem Tollhaus.

  • Der Verfassungsschutz hat offenkundig den Rechtsextremismus unterschätzt. Spüren Sie ihn?

Wir spüren ihn, und jeder kann ihn sehen. Die NPD etwa sitzt munter in zwei Landtagen, wird durch Steuergelder gepäppelt und missbraucht die Plattformen, die der Staat ihr bietet. Ich werbe eindringlich dafür, sie jetzt endlich zu verbieten. Wann, wenn nicht jetzt, soll das eigentlich geschehen? Das ewige Zögern und Zaudern ist kein Ruhmesblatt für einen entschlossenen Rechtsstaat.

Das Gespräch führte Gregor Mayntz