Archivierter Artikel vom 19.02.2016, 13:06 Uhr

Die goldenen Träume der Helena Steiger: Treffen mit der Westerwälderin auf der Berlinale

Helena Steiger ist 27 und Westerwälderin – und sie ist eine aufstrebende junge Schauspielerin. Kontinuierlich arbeitet sie an ihrem Traum, und dazu gehört es auch, Kontakte zu pflegen. Am besten geht das dort, wo sich ohnehin die Filmbranche trifft: auf der Berlinale.

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Die Sonne scheint, die Laune steigt: Im Taxi geht es zur nächsten Veranstaltung.
Die Sonne scheint, die Laune steigt: Im Taxi geht es zur nächsten Veranstaltung.

Von unserem Journalchef Michael Defrancesco

Goldenes Kleid, goldene Schuhe, goldene Handtasche, goldener Schmuck, goldener Nagellack: Mit einem goldigen Lachen empfängt Helena Steiger den Besucher in der Lobby ihres Hotels. Die 27-jährige Westerwälderin ist auf dem Sprung: Gleich startet die erste Partynacht auf der Berlinale. Dies gilt aber auch im übertragenen Sinn: Helena wollte schon als Kind Schauspielerin werden – und seit Jahr und Tag arbeitet sie sich nach vorn. Beharrlich, Schritt für Schritt geht die junge Frau ihren Weg.

„Das ist jetzt meine zweite Berlinale“, sagt Helena. Während die Filmfans in den Kinosesseln versinken und Film um Film genießen, betrachten Schauspieler, Regisseure und Produzenten die Berlinale eher als großen Branchentreff. Und da sich natürlich bei Cocktails und Häppchen viel exquisiter das nächste Projekt planen lässt, sind die allabendlichen Partys heiß begehrt. Wer auf der Gästeliste steht, ist vielleicht noch nicht unbedingt ein Star – aber er ist diesem Ziel weitaus näher als derjenige, der draußen in der Kälte stehen bleibt und den Türsteher um Einlass anfleht. Doch die sind knallhart: Nur Geladene haben Zutritt.

„Meine Abende sind dieses Jahr schon gut verplant“, sagt die goldene Helena und lacht. Mit einem gewissen Stolz in der Stimme zählt sie auf: „Movie meets Media“ im Ritz, dann der Empfang des Medienboards, der „Film Fair Award“ in der Landesvertretung Baden-Württemberg – hochrangige Abendveranstaltungen, auf denen „sehen und gesehen werden“ das Wichtigste ist.

Mit dem Taxi geht es zur Party. Eine lange Schlange wartet vor dem Einlass. So edel die Klamotten, so ausgewählt die Gästeliste: Auch die VIPs stehen in der Schlange und müssen durch die Einlasskontrolle. Erst dann darf man sich bei sanfter Musik, gedämpftem Licht und auserlesenen Speisen und Getränken verlustieren.

„Smalltalk muss man schon können, wenn man Kontakte knüpfen will“, sagt Helena und muss lachen: „Da kommt es mir zugute, dass der Wein dieses Jahr aus meiner Heimat kommt. So haben wir sofort ein Thema, über das wir sprechen können. Ich sage, dass ich aus Rheinland-Pfalz komme und stolz darauf bin – und dazu trinken wir unseren Wein, das ist ein perfekter Türöffner für ein Gespräch.“

Dabei hat Helena Steiger stets im Blick, nicht zu viel Alkohol zu konsumieren. „Man will den Gesprächspartnern in Erinnerung bleiben – aber ganz bestimmt nicht als Alkoholleiche“, sagt sie. Deshalb hat sie für sich auch beschlossen, nicht bis zum Kehraus auf einer Party zu bleiben. „Alle wichtigen Leute sind spätestens um Mitternacht verschwunden, weil am nächsten Tag wieder ein strammes Programm auf sie wartet.“ Helena ist die Berlinale viel zu wichtig, als dass sie über die Stränge schlagen würde. Sie hat den Aufenthalt generalstabsmäßig und lange im Voraus geplant. „All die Vorarbeit für ein paar durchzechte Nächte? Das wäre dann doch arg teuer“, sagt die Westerwälderin und schmunzelt. Und: Es wäre eine vertane Chance.

„Man spricht bei diesen Abenden mit so vielen Menschen – da muss man gut aufpassen, dass man seriöse von unseriösen Angeboten trennt“, sagt Helena. Denn naiv ist sie nicht: „Ich weiß schon, dass auch genügend Filmleute auf den Partys unterwegs sind, die einfach nur den nächsten One Night Stand suchen. Diese Leute erzählen dir das Blaue vom Himmel herunter, schwärmen dich an und werden immer aufdringlicher, je später der Abend wird.“

Im glitzernden Goldkleid in die Nacht von Berlin: Helena Steiger erobert die Berlinale. Die junge Schauspielerin aus dem Westerwald arbeitet sich Schritt für Schritt nach oben – und zur Kontaktpflege gehört es auch, sich in Schale zu werfen und auszugehen.<br />Foto: Jan Czmok
Im glitzernden Goldkleid in die Nacht von Berlin: Helena Steiger erobert die Berlinale. Die junge Schauspielerin aus dem Westerwald arbeitet sich Schritt für Schritt nach oben – und zur Kontaktpflege gehört es auch, sich in Schale zu werfen und auszugehen.

Foto: Jan Czmok

Misstrauisch wird sie, wenn ein Regisseur ihr schon nach wenigen Minuten eine Rolle anbietet. „,Nicht dein Ernst', denke ich dann immer“, erzählt sie lachend. „Kein Mensch plant einen Film, also ein großes Projekt, und hat dann einfach Hauptrollen übrig, die er spontan an irgendwelche Leute vergibt, die er auf Partys trifft.“

Nein, viel wichtiger sind die Gespräche, in denen man sich kennenlernt und austauscht. „Und wenn ich dann regelmäßig bei diesen Partys auftauche, dann kennen mich die Leute nach und nach“, sagt Helena. In diesem Jahr schon mehr als im vergangenen Jahr und im nächsten Jahr wieder mehr als in diesem. Und dann kommen die ersehnten Anrufe, ganz unverhofft. Die Anrufe mit Jobangeboten.

Helena Steiger hatte das Glück, direkt nach ihrer Ausbildung in der Schauspielschule Koblenz schon für kleine Rollen engagiert zu werden. Sie spielte bei „Stromberg“ mit Christoph Maria Herbst und in diversen ZDF-Produktionen. Was sie insbesondere nach vorn brachte: Sie bekam Kontakt nach Bollywood, und sie spielte im Film „Sparks“. Und das indische Publikum war begeistert von der hübschen blonden Deutschen. In diesem Jahr soll ein weiterer Film in Mumbai gedreht werden, diesmal hat Helena Steiger eine Hauptrolle ergattert. „Das wird ein Abenteuer“, freut sich die Westerwälderin.

Aber auch die einheimischen Regisseure haben sie gebucht. Detlef Muckel beispielsweise dreht derzeit den Film „Unter uns die Stille“. Er erzählt das Drama, als 1978 bei Bauarbeiten mitten in der Innenstadt im nordrhein-westfälischen Rheine ein Blindgänger des Zweiten Weltkriegs detonierte und drei Menschen in den Tod riss. Helena Steiger spielt eine Journalistin. Und auch für die regionale Kinoserie „Braunschweig Krimis“ wird sie vor der Kamera stehen.

„Man muss in dieser Branche authentisch und bei seinen Prinzipien bleiben. Das ist genauso wichtig, wie Talent zu haben“, sagt Helena Steiger. Und: Eine gesunde Portion Realismus in der Traumwelt schadet nichts. „Es ist nicht alles einfach Glück. Vieles ist wirklich harte Arbeit“, sagt Helena und zählt auf: „Man muss seine Termine im Blick haben und sehr gut organisiert sein. Man braucht Disziplin. Man muss bei Facebook und Instagram unterwegs sein, um seinen Fankreis zu erweitern und zu pflegen. Und man braucht einen Nebenjob, in dem man Geld verdienen kann, wenn man gerade nicht vor der Kamera steht.“ Denn die Schauspielerei ist ein langsames Geschäft. Und es gibt deutlich mehr Schauspieler als Rollenangebote.

Fotoshootings, Moderationen, Filmrollen: Einiges hat die junge Westerwälderin schon erreicht. Heute lebt sie in Köln. Dort ist sie nah an Film- und Fernsehproduktionen – und sie fühlt sich wohler als in Berlin. „Berlin kann schon auch kaltherzig sein“, seufzt sie. „Köln gar nicht. Dort gehen die Menschen einfach freundlich miteinander um, und das brauche ich.“

Ihr goldenes Kleid glitzert vornehm. Auf geht's – in die nächste Berlinale-Nacht.