Archivierter Artikel vom 31.12.2013, 13:02 Uhr
Südafrika

Dezember 2013: Leb wohl, Madiba

Seinen letzten großen Auftritt hat er bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2010. In einen dicken Mantel gehüllt, wird er bei der Schlussfeier mit seiner Frau Graça ins Stadion in Soweto gefahren. Er lächelt, er winkt – und bezaubert die ganze Welt: Nelson Mandela, der Vater der Regenbogennation Südafrika.

Von unserer Redakteurin Angela Kauer

Sein ganzes Leben hat er für sein Land und sein Volk geopfert. Schon zu Lebzeiten wurde er zur Ikone – und wollte es doch nie sein. Vielleicht auch, weil er wusste, dass Südafrika noch einen weiten Weg vor sich hat.

Im Juli 1918 kommt Mandela in dem kleinen Dorf Mvezo im östlichen Kapland zur Welt. Sein Name – Rolihlahla Mandela – bedeutet übersetzt „Unruhestifter“. Den Namen Nelson verpasst ihm eine weiße Lehrerin in der Grundschule. Später werden ihn die Menschen oft bei seinem Clannamen nennen: Madiba. Als junger Mann flieht Mandela vor einer arrangierten Ehe nach Johannesburg. Er wird Anwalt, kämpft mit dem Afrikanischen Nationalkongress ANC gegen die Apartheid, die staatlich festgelegte Rassentrennung in seinem Land. Als der ANC verboten wird, gründet er 1961 den bewaffneten Widerstand „Umkhonto we Sizwe“ (Speer der Nation) mit. Drei Jahre später wird Mandela neben weiteren Führern der Bewegung wegen Hochverrat angeklagt. Die Apartheidsrichter verurteilen ihn zu lebenslanger Haft.

27 Jahre bleibt Nelson Mandela in Gefangenschaft, 18 davon auf der berüchtigten Gefängnisinsel Robben Island vor Kapstadt. Er wird zum berühmtesten Häftling der Welt, bis 1990 der letzte Apartheidspräsident Frederik Willem de Klerk seine Freilassung verkündet. Hand in Hand läuft Nelson Mandela mit seiner Frau Winnie in die Freiheit, die rechte Faust nach oben gestreckt. Er wiederholt seine politische Vision, die er schon 26 Jahre zuvor seinen weißen Richtern unterbreitet hat: „Ich habe gegen weiße Vorherrschaft gekämpft, ich habe gegen schwarze Vorherrschaft gekämpft. Ich schätze die Ideale einer demokratischen und freien Gesellschaft, in der alle in Harmonie und mit gleichen Möglichkeiten leben.“ Nur kurze Zeit später bekommen er und de Klerk den Friedensnobelpreis. Die ersten freien Wahlen in Südafrika 1994 werden zum Triumphzug für Mandela. Er wird der erste schwarze Präsident seines Landes.

Privat hat er weniger Glück. Drei seiner sechs Kinder sterben. Die Ehe mit Winnie – es ist seine zweite – scheitert. Zu sehr haben sich die politischen Vorstellungen des Paares während Mandelas Zeit im Gefängnis auseinanderentwickelt. An seinem 80. Geburtstag heiratet er seine dritte Frau Graça Marcel. Mit ihr scheint er wieder wirklich glücklich zu sein. 1999 zieht sich Mandela nach nur einer Amtszeit aus der Politik zurück. In den Ruhestand verabschiedet er sich nicht: Er gründet eine Kinderstiftung, kämpft gegen Aids, vermittelt in Konfliktregionen und holt die Fußball-Weltmeisterschaft nach Südafrika. Erst als er die 80 längst überschritten hat, kündigt er seinen Rückzug aus der Öffentlichkeit an. Von da an sieht man „Tata Madiba“, wie sie ihn nun liebevoll heißen, nur noch selten.

In seinen letzten Jahren muss er immer wieder mit Lungenproblemen ins Krankenhaus. Als er am 5. Dezember 2013 mit 95 Jahren stirbt, pilgern Tausende zu seinem Haus in Houghton. Sie weinen, sie lachen. Sie tanzen, sie trauern. Viele halten Plakate in die Höhe: „Jetzt liegt es in unserer Hand.“ Über allem schwebt die Hoffnung, dass Mandelas Tod alle stärker zusammenrücken lässt, in diesem Land, in dem Schwarz und Weiß noch immer eher nebeneinander herleben als wirklich miteinander.