Archivierter Artikel vom 12.05.2016, 11:24 Uhr

Der Knollenwichtel

„Okay, aber heute Abend hört ihr eine uralte Geschichte“, gab ich dem Betteln meiner beiden Schätze lachend nach. "Und ob ihr es am Ende glaubt oder nicht! Als mein Opa Joschi sie mir erzählte, begann er mit den Worten: Bei der allerdicksten Kartoffel – liebes Kind, ebenso habe ich es selbst erlebt. Anschließend zog er mir, genauso wie ich es bei euch beiden jetzt tue, die Bettdecke bis unters Kinn und berichtete:

Illustration: Carola Bergmann
Illustration: Carola Bergmann

Als ich noch so klein war wie du, wurde in den Märchen auch schon von allen möglichen Gestalten, zum Beispiel Zwergen, Riesen, Hexen und Elfen, erzählt. Aber nie hätte ich mir träumen lassen, einem solchen Wesen einmal wirklich zu begegnen. Jedoch, eines Tages, der Rucksack war schon gepackt mit extraleckeren Sachen speziell für die Kartoffelerntehelfer von unserem kleinen Bauernhof, hüpfte ich mal wieder übermütig durch die Gegend und ging allen und jedem gehörig auf die Nerven. Ich überhörte das Schimpfen der Mutter, zog die Schwester an den Haaren und stopfte dem Vater einen duftenden frischen Pferdeapfel in die Gummistiefel. Du kannst dir sicher denken, dass damit das Maß gestrichen voll war. Anstatt zu meiner Lieblingsarbeit, dem Kartoffelnsammeln, auf dem Feld mitzudürfen, verbannte man mich mit Besen und Schaufel bewaffnet in den Keller. Einer muss ja nun auch sauber machen, die neuen Kartoffeln wollen es ja recht schön da unten haben, sagte mein Vater, und fröhlich wanderten alle Mann Richtung Acker. Ich war so wütend, dass mir fast schon ein paar Tränen kamen. Doch dann beschloss ich, meine Strafarbeit schnell zu erledigen und den anderen hinterherzulaufen.

Kurze Zeit später, ich machte eben auf meine Schaufel gestützt eine winzige Pause, hörte ich ein Geräusch. Mit angehaltenem Atem blickte ich mich aufmerksam im ganzen Kellerraum um und tatsächlich: In der Ecke, wo Tante Thekla jeden Winter ihre Dahlienknollen einlagerte, knisterte es leise, und etwas Erde rieselte von den Blumenknollen in die Kiste. Vorsichtig schlich ich näher und sah staunend eine ziemlich winzige Dahlienknolle auf der Erde herumkrabbeln. Ganz behutsam nahm ich das Dingelchen mit zwei Fingern hoch und hielt es mir vor die Augen. Jetzt höre und staune, es hatte Beinchen, Ärmchen und ein ängstlich verzogenes Gesichtchen. Der kleine Mund klappte auf und zu, als würde es reden. Schnell brachte ich den Winzling nah ans Ohr, und da vernahm ich es: Tu mir bitte nichts, wisperte es, ich bin nur ein harmloser Knollenwichtel, der ganz und gar aus Versehen hier gelandet ist. Da bin ich aber neugierig, flüsterte ich, um die kleinen Ohren nicht zu betäuben. Im Sommer lebe ich mit all den anderen Wichteln unter den Dahlienwurzeln, musst du wissen. Und Jahr für Jahr, wenn deine Tante vor ihrem Blumenbeet steht und sagt: „So ihr Lieben, es ist wieder Zeit, die Kiste und das Zeitungspapier zu holen. Dann geht es ab in den Keller, bevor der Frost kommt!“, dann packen wir Wichtel unsere sieben Sachen zusammen und ziehen uns ganz tief ins Erdreich zurück.

Und wieso bist du nicht mit umgezogen, fragte ich und betrachtete fasziniert diesen Zwerg unter Zwergen. Ach weißt du, ich mache halt nicht immer, was ich soll, und zum Packen hatte ich schon gar keine Lust. Darum habe ich mich verdrückt, bin bis kurz über die Erde gekrabbelt und habe mich in die letzten Sonnenstrahlen gelegt, wo ich leider tief und fest eingeschlafen bin. Zu meinem großen Entsetzen habe ich mich nach dem Aufwachen bei dir hier im Keller wiedergefunden. Du hast Glück, kleiner Kerl, flüsterte ich. Weil ich auch nicht immer mache, was ich soll, bin ich heute hier und kann dir helfen, nach Hause zu kommen.

Schnell flitzte ich mit dem Knollenwichtel in die Küche, schnappte mir einen schönen langen Kochlöffel, und schon ging es weiter zu Tantchens Blumenecke im Garten. Die Erde dort war noch wunderbar locker, und so konnte ich den Löffelstiel ganz leicht tief hineinstecken. Dann wackelte ich damit noch ein bisschen hin und her, damit genug Platz war, um den kleinen Knollenwichtel am Kochlöffel entlang zu seiner Familie rutschen zu lassen. Danke, wisperte er zum Abschied in mein Ohr, wir sehen uns im Frühjahr. Tschüss Kleiner, antwortete ich, vielleicht reißen wir uns ja mal ein bisschen zusammen und benehmen uns ein wenig besser. Dann setzte ich ihn auf den Löffel und winkte hinterher, als er den Stiel umklammernd in die Tiefe und nach Hause rutschte.

Zurück in der Küche putzte ich den Kochlöffel, legte ihn an seinen Platz und rannte schnell in den Keller, um meine Arbeit dort zu beenden. Mit einem letzten Blick auf Tante Theklas Knollenkiste ging ich zurück ins Haus und setzte mich gemütlich auf die Ofenbank, bis meine Leute mit den Kartoffeln vom Feld kamen. Nur meine Schwester wunderte sich ein bisschen, weil ich so friedlich vor mich hin lächelte.

Genauso und nicht anders hat mein Opa Joschi mir die Geschichte damals erzählt„, sagte ich zu meinen Kindern. “Und ob es nun wirklich passiert ist„, sagte ich noch, bevor ihre Augen zufielen, “das entscheidet ihr beiden ganz allein.

Schlaft gut."

Annemarie Novak aus Nauort hat diese Geschichte für ihre Enkel Adrian und Jasmin
(damals 5 und 7 J.) geschrieben.