Archivierter Artikel vom 17.08.2011, 09:46 Uhr
Kiel

Der ehrenwerte Herr Boetticher in Erklärungsnot

Eine Hochzeit mit der langjährigen Freundin in Las Vegas, Hunderte SMS und E-Mails an die junge Geliebte und ein gescheiterter Politiker in Erklärungsnot: Die Affäre um den von allen Ämtern zurückgetretenen schleswig-holsteinischen CDU-Landes- und Fraktionschef Christian von Boetticher wird immer bizarrer.

Abgetaucht: der CDU-Politiker Christian von Boetticher 
Foto: dpa
Abgetaucht: der CDU-Politiker Christian von Boetticher
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Fest steht, dass es inzwischen immer mehr Ungereimtheiten in der Affäre gibt – zwischen dem, was Boetticher, der auch Spitzenkandidat seiner Partei für die Landtagswahl im Mai 2012 war, über seine intime Beziehung zu einer damals 16-Jährigen eingeräumt hat, und dem, was verschiedene Medien herausgefunden haben.

Zur Erinnerung: In seiner Rücktrittserklärung hatte der 40-Jährige davon gesprochen, dass es sich bei seiner Beziehung zu dem aus einer Kleinstadt im Düsseldorfer Umland stammenden Mädchen „schlichtweg um Liebe“ gehandelt habe. Das Mädchen hatte er über das Internet-Netzwerk Facebook kennengelernt. Ausdrücklich betonte er, dass er zu dieser Zeit keine Beziehung zu einer anderen Frau unterhalten habe.

Schleswig-holsteinische Zeitungen berichteten nun allerdings, dass Boetticher am 15. Oktober 2010 in Las Vegas seine langjährige Lebensgefährtin Anna Christina Hinze geheiratet hat. Die Blätter berufen sich dabei auf die Heiratsurkunde, das sogenannte Marriage Certificate. Ob diese Eheschließung auch nach deutschem Recht gültig ist, hängt davon ab, ob die Eheleute ihre Heirat in einem deutschen Standesamt haben eintragen lassen.

„Ich habe zu diesem Zeitpunkt keinerlei Beziehung zu einer anderen Frau gepflegt, sodass man nicht von einer Affäre sprechen kann.“ Christian von Boetticher in seiner Rücktrittserklärung, die jetzt angesichts neuer Enthüllungen in einem anderen Licht erscheint.

Boetticher galt offiziell seit elf Jahren als mit Anna Christina Hinze liiert, die als Pressesprecherin und Referentin für die Hamburger CDU arbeitet. Bei einem gemeinsamen Auftritt im Sommer 2010 hatte er die Hochzeit angedeutet.

Die Beziehung mit der damals 16 Jahre alten Gymnasiastin aus dem Düsseldorfer Umland hatte Boetticher nach seinen Angaben im Mai 2010 beendet. Zuvor hatte das Paar zwei gemeinsame Nächte im Düsseldorfer Steigenberger Park Hotel verbracht, die Jugendliche hatte den CDU-Politiker auch in seinem Heimatort Pinneberg besucht. Wie die Schülerin in Interviews erklärte, hatte Boetticher die Affäre mit ihr unter Hinweis auf ihr Alter beendet und erklärt, man solle warten, bis sie volljährig ist. Die junge Frau gab an, das akzeptiert zu haben. Sie habe „Christian nichts vorzuwerfen“.

Inzwischen wird in Kieler CDU-Kreisen aber auch eine andere Version verbreitet, die von der „Welt“ wiedergegeben wurde. Demnach hat die Jugendliche im Februar 2011 einen Versuch unternommen, wieder Kontakt zu Boetticher aufzunehmen. Dieser habe abgelehnt, und die Jugendliche, die auch in der CDU-Nachwuchsorganisation Junge Union (JU) aktiv ist, habe daraufhin ihren Kummer einem ihr bekannten JU-Mitglied im schleswig-holsteinischen Plön anvertraut. Sie habe dem jungen Mann auch einige der nach ihren Angaben „Hunderte SMS und E-Mails“ zur Verfügung gestellt, die sie mit Boetticher ausgetauscht hatte.

Der Inhalt dieser Nachrichten machte daraufhin die Runde in Unionskreisen in Kiel und erreichte schließlich auch Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU), der seinen politischen Ziehsohn am 19. Juli zur Rede stellte. In diesem Gespräch habe Boetticher die Affäre eingestanden, aber darauf verwiesen, dass sie juristisch nicht zu beanstanden sei, da die Minderjährige zum Zeitpunkt des intimen Treffens in Düsseldorf im März 2010 schon 16 Jahre alt war.

Ähnlich argumentierte er auch in der von Teilnehmern gegenüber unserer Zeitung als „gespenstisch“ beschriebenen Landesvorstandssitzung am Sonntag, in deren Folge er von allen Ämtern zurücktrat. Boetticher ist inzwischen abgetaucht, seinen Rücktritt als Fraktionschef teilte er den Abgeordneten zu deren Unmut nur schriftlich mit.

Von unseren Berliner Korrespondenten